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Christine Ferche zeigt das fertige Leporello – jeder „Schüler“ gestaltete eine Seite mit persönlichen Fotos.

Lebenslange Verbindung zu einer Lehrerin

Schüler-Fanpost für „Mutti“ (94)

Grafing - Die ehemaligen Schüler von Hildegard Lösch (94) sind selbst schon über 80 Jahre alt. Trotzdem schicken sie ihrer Lehrerin zum Geburtstag immer noch Fanpost. Über eine Klasse, die seit einem Dreivierteljahrhundert zusammenhält.

Sechs Schulkinder basteln ihrer Lehrerin ein Geburtstagsgeschenk. Soweit so nett – der Clou ist aber: Die Pädagogin wird stolze 95. Und auch die Schüler sind allesamt schon über 80 Jahre alt. Hildegard Lösch, die von ihren ehemaligen Schülern respektvoll „Mutti“ getauft wurde, verbindet mit ihrer Klasse aus dem Jahr 1946 eine ganz besondere Geschichte: Die Klasse war quasi ein interkulturelles Projekt: Sie setzte sich zu mehr als der Hälfte aus Flüchtlingskindern zusammen, die mit ihren Familien aus Schlesien und dem Sudetenland nach Bayern geflohen waren.

 „Wir waren ein zusammengewürfelter Haufen“, erinnert sich Christine Ferche (84). „Und es war alles fremd.“ Nach der Vertreibung aus ihrer Heimat suchte sie als 14-Jährige Halt im neuen Umfeld – und fand ihn wie ihre Mitschüler bei ihrer neuen Lehrerin am Grafinger Gymnasium, das damals noch Realschule hieß. „Wir konnten uns immer an sie wenden“, erzählt Ferche über Hildegard Lösch, die sie in Deutsch, Geschichte und Latein unterrichtete. „Sie war wie eine Mutter für uns, obwohl sie die jüngste Lehrerin an der Schule war.“

Das gemeinsame Schicksal schweißte die Klasse bis über den Abschluss hinaus zusammen. „Wir waren eine Großfamilie“, sagt Ferche. Da darf auch die Mutti nicht fehlen. Ob man es nun Familien- oder Klassentreffen nennt, der Abschlussjahrgang von 1949 kommt alle zehn Jahre mit seiner Lehrerin zusammen – immer noch. „Wir haben das immer durchgezogen“, sagt Christine Ferche stolz. Und zu den runden Geburtstagen von Hildegard Lösch basteln die „Schulkinder“ ihrer Lehrerin ein persönliches Geschenk. Zum 90. gestalteten die noch lebenden 12 Klassenkameraden einen Kalender. Inzwischen ist die Schülerschar leider nur noch zu sechst. 

Zum 95. Geburtstag bekommt Lehrerin Lösch diesmal ein Leporello, ein in liebevoller Handarbeit entstandenes Faltbuch mit persönlichen Grüße, Fotos und Bemalung. Zusammengetragen hat das Material Christine Ferche. Sie ist so etwas wie die Handarbeitsbeauftragte der Gruppe: Beruflich hat sie es Hildegard Lösch gleichgetan und ist Lehrerin geworden – für Hauswirtschaft und Textiles Gestalten. „Frau Lösch war so ein großes Vorbild für mich“, erklärt Ferche, weshalb sie Pädagogin wurde. „Da habe ich mir gedacht, ich probiere das auch.“ Sie zeigt auf ein Foto, das vor ihr auf dem Wohnzimmertisch in ihrem kleinen, gemütlichen Haus in Ebersberg liegt. „Das ist Frau Lösch.“

 Das Bild zeigt das Klassentreffen von 2009. Den Altersvorsprung sieht man Hildegard Lösch im Kreise ihrer Schüler kaum an. Inzwischen ist die Pensionärin, die lange ihrer Wahlheimat Grafing treu geblieben ist, in ein Seniorenheim nach Bad Reichenhall gezogen. Dort wird bald das Geschenk ihrer Schüler ihren Schreibtisch zieren – mit den Fotos, die an die gemeinsamen Treffen aus sieben Jahrzehnten erinnern. Ihre Schüler, die oft mit ihr telefonieren, wird Hildegard Lösch aber auch wieder persönlich sehen: Das nächste Klassentreffen ist in drei Jahren fällig. „Wenn wir die Hausaufgaben machen, die uns die Ärzte aufgeben“, sagt Christine Ferche und lächelt. Für einen Moment ist sie wieder das Schulkind, das sich für eine Unterrichtsstunde bei „Mutti“ Lösch vorbereitet.

Von Josef Ametsbichler
und Michaela Sanktjohanser

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