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Am 10. Mai stach der geistig verwirrte Täter am Grafinger Bahnhof wahllos auf Menschen ein. Johannes Buchner hat überlebt.

Bluttat in Grafing im Mai

Amok-Opfer erzählt: „Den Messerstich merkst du erst gar nicht“

Grafing - Vor knapp vier Monaten bringt ein Amokläufer in Grafing-Bahnhof einen Menschen um. Drei weitere verletzt er mit seinem Messer schwer. Einer davon ist Johannes Buchner, 58. Hier erzählt er zum ersten Mal, wie er den Tag erlebt – und überlebt hat.

Dieser Dienstag im Mai fängt gut an für Johannes Buchner, 58. Es ist warm und trocken, die Zeitungen sind dünn. Er nimmt das Rad, nicht das Auto. Das nimmt er bei Regen. Wie jeden Tag beginnt der Zeitungsausträger in aller Herrgottsfrüh um 2.30 Uhr seine Runde. Den Job macht er seit 30 Jahren. Als es dämmert und die Vögel anfangen zu zwitschern, hat Johannes Buchner, den alle nur „Hannes“ nennen, noch gut 150 der 400 Zeitungen in seinem Fahrradkorb, den er am Lenker montiert hat.

Es ist etwa 5 Uhr. Buchner biegt in Grafing-Bahnhof bei der „Taverna Orfeas“, dem griechischen Restaurant, auf die Hauptstraße ein. Gegenüber liegt der Bahnhof. Auf der Verkehrsinsel dazwischen sieht er zwei Menschen, einer auf dem Fahrrad, der andere zerrt an ihm. Buchner glaubt, sie sind betrunken. Ein schicksalhafter Trugschluss.

Es ist der 10. Mai – der geistig verwirrte Amokläufer Paul H., 27, sticht in dem Ort im Kreis Ebersberg wahllos auf Menschen ein. Nach der ersten Meldung heißt es, er sei ein Islamist. Das stellt sich später als falsch heraus. Ein Mensch stirbt, drei werden schwer verletzt. Einer davon: Hannes Buchner.

„Das kann dir halt passieren.“ Johannes Buchner war ein Opfer des Amoklaufs von Grafing-Bahnhof im Kreis Ebersberg. Hass auf den Täter hat er trotzdem nicht.

Als der Zeitungsausträger an jenem Morgen an den zwei Gestalten vorbei radelt, geht alles ganz schnell. Noch bevor Buchner merkt, dass hier gerade ein Gewalttäter auf sein Opfer eingestochen hat, rammt Paul H. ihm ein Fahrtenmesser in den Rücken. 15 Zentimeter tief.

„Du merkst es erst gar nicht“, sagt Buchner dreieinhalb Monate nach der Tat. Er stürzt kopfüber auf den Asphalt und schlägt sich mehrere Zähne aus. Hilflos bleibt er liegen und muss beobachten, wie der Attentäter zur S-Bahn läuft und dort einen weiteren Mann attackiert, so erzählt es Buchner. Er selbst spürt sein rechtes Bein nicht mehr, er ruft minutenlang um Hilfe. Er sieht, wie der Täter davonläuft.

Zwei Ersthelfer versorgen Buchner. Doch plötzlich taucht Paul H. wieder vor ihm auf. Er hat sich beim Bahnhof versteckt, jetzt geht er auf Buchner zu, das Messer hat er nicht mehr in seiner Hand. „Wo ist denn die Polizei?“, fragt er – und Johannes Buchner merkt sofort: Er hat es mit einem Wahnsinnigen zu tun.

„Gebt mir einen Prügel, damit ich mich wenigstens verteidigen kann“, sagt Buchner zu seinen Helfern. Doch der Mörder, so erinnert er sich, bleibt fünf Meter vor ihm stehen. Kurz darauf kommt die Polizei.

Tödliche Messerattacke in Grafing: Bilder vom Tatort

Es sind dramatische Minuten, die Buchners Leben auf den Kopf gestellt haben. „Free and easy“ lautete bisher sein Motto, frei und locker. Wenn man ihn erzählen hört, scheint er das Drama gut weggesteckt zu haben – wie andere eine Grippe. Doch vielleicht ist das nur seine Art, die Tat zu verarbeiten. Er zieht seitdem das rechte Bein nach, Treppen geht er „wie ein 90-Jähriger“, wie er selbst sagt. „Ich habe die Reha jetzt selbst in die Hand genommen.“ In der Früh fährt Buchner jeden Tag eine Stunde Fahrrad, am Nachmittag macht er ein zweistündiges „Wettrennen mit den Schnecken im Ebersberger Forst“, sagt er und muss lachen.

Stichkanal geht fünf Millimeter an der Wirbelsäule vorbei

Die schwersten Wochen hat er hinter sich. Unmittelbar nach dem Attentat wird er mit dem Hubschrauber ins Unfallklinikum Murnau gebracht. Dort muss er zweieinhalb Monate bleiben. Die beste Nachricht erhält er gleich am ersten Tag: Der Stichkanal geht einen halben Zentimeter an der Wirbelsäule vorbei – fünf Millimeter, die ihn vor der Querschnittslähmung bewahren.

Nach einer Operation kommt Buchner langsam wieder zu Kräften, zwei Tage lang sitzt er im Rollstuhl, dann auf dem Balkon und liest Krimis – „gut 20 dicke Schinken“. Er lernt, wieder zu gehen. Zunächst mit dem Rollator, dann mit Krücken. Nach sieben Wochen schleppt er sich ohne Gehhilfe voran, sein Wille hält ihn auf den Beinen. Den Psychologen schickt er weg. „Ich war halt zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt er. Damit hakt er sein Schicksal ab.

Mit ihm auf dem Zimmer sind drei Rollstuhlfahrer, querschnittsgelähmt. „Die konnten nicht mal alleine aufs Klo gehen. Wenn du das Elend siehst, brauchst du nicht zu jammern“, sagt er.

Trotzdem denkt er oft an den Moment, als er schwer verletzt auf dem Boden liegt. Und dem Täter in die Augen schaut. Angst hat er da keine, erzählt er. Und er hat Glück: Zwei junge Ebersberger Polizisten nehmen Paul H., der keinen Widerstand leistet, fest. Später wird dessen Anwalt sagen, sein Mandant sei bei der Tat wahrscheinlich unzurechnungsfähig gewesen. Statt Gefängnis droht dem Schreiner aus Hessen die Unterbringung in der Psychiatrie. Wie der Prozess ausgeht, ist Buchner egal. „Der interessiert mich null.“ Für seinen Angreifer empfindet er weder Hass noch Mitleid. „Die Familie des Mannes, der gestorben ist, tut mir viel mehr leid.“ Es war ein Familienvater, 56, aus Wasserburg.

In der Murnauer Unfallklinik ist Buchner nicht nur Patient, sondern auch begehrter Gesprächspartner. Die Kripo löchert ihn mit Fragen, eine Gutachterin untersucht nach der Operation jede Narbe und seine Stichverletzung, das sind wichtige Beweise. Dafür lässt sie sogar den frisch angelegten Druckverband öffnen. Buchner wundert sich, trägt es aber mit Fassung.

Weniger Verständnis hat er für neugierige Besucher, die versuchen, an sein Krankenbett zu kommen. Nur seinen „engsten Kreis“ lässt er zu sich. Er will seine Ruhe und kein falsches Mitleid. Riesig gefreut hat sich der Zeitungsausträger dagegen über mehr als 300 Karten mit Genesungswünschen. Geschrieben haben ihm Freunde, Bekannte, Abonnenten, aber auch Fremde, die sein Schicksal bewegt hat.

Als Buchner aus der Klinik kommt, hat er drei Strafzettel

Als Buchner nach neuneinhalb Wochen die Klinik verlässt, ist er nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell angeschlagen. „Du gehst wirklich als arme Sau da raus“, sagt er. In der Zeit, in der der Grafinger im Krankenbett liegt, kann er mit seinem kleinen Gartenbaubetrieb, den er neben dem Zeitungsjob führt, kein Geld verdienen. Die Kosten für seine Fahrzeuge aber laufen weiter. Jetzt wird er sie verkaufen, denn seinen Beruf kann Buchner wohl nie mehr ausüben. Gut zwei Jahre wird es dauern, bis sich die Nerven in seinem Rücken regenerieren, und bis er seine Beine wieder richtig benutzen kann – falls das überhaupt klappt.

Er ist jetzt 58. Wahrscheinlich läuft es darauf hinaus, dass er früher als geplant in Rente gehen muss. „Vielleicht kann ich dann noch bei irgendwelchen Leuten den Rasen mähen“, sagt er. Es ist das einzige Mal während des Gesprächs, dass er in die Zukunft blickt.

Buchner lebt im Jetzt, er bewältigt einen Tag nach dem anderen. „Man muss Geduld haben“, sagt er. Zu organisieren hat er genug. Ganz banal: An seinem Anhänger, den er am Tag vor dem Angriff in einem Wohngebiet abgestellt hatte, findet er nach seiner Rückkehr drei Strafzettel. Buchner telefoniert, erklärt, verhandelt – am Ende muss er nicht bezahlen. Gefrustet ist er trotzdem. „Man muss sich alles erbetteln“, sagt er.

Attacke von Grafing: Wer hilft den Opfern?

14 Wochen sind inzwischen vergangen – auf die Brücke für seine ausgeschlagenen Zähne wartet er immer noch. Was ihn die kostet, ist unklar. „Wenn du bei einem Verkehrsunfall verletzt wird, kriegst du wenigstens Schmerzensgeld. Bei dem, was mir passiert ist, gibt es keinen Cent.“ Mit der Opferschutzorganisation Weißer Ring hat er Kontakt aufgenommen. Das sei Teil seiner „Betteltour“, wie Buchner es nennt. Dabei verzieht er das Gesicht. Es ist ihm, der in seinem Leben immer sein eigenes Ding machte, sichtlich unangenehm, auf andere angewiesen zu sein. Buchner hat kein Internet, am liebsten ist er 18 Stunden am Tag an der frischen Luft. Vielen aus der Gegend hat er schon mal im Garten geholfen. Die Menschen schätzen seine unkomplizierte Art. Buchner geht immer noch gerne mittags zum „Griechen“ in Grafing-Bahnhof, genießt das Essen keine 20 Meter von der Stelle entfernt, wo er am 10. Mai fast umgebracht wurde.

Mit seinem Schicksal hadert er nicht. „Das kann dir halt passieren“, sagt er. „Blöd gelaufen. Aus.“

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