Torben Puhlmann kümmerte sich um ein Opfer

Ersthelfer nach Grafinger Blutbad: Ich sah dem Täter in die Augen

Grafing - Torben Puhlmann war einer der ersten Helfer nach der Messerattacke am Grafinger Bahnhof. Er hörte Hilfeschreie und rannte zu einem Opfer. Ihm war nicht bewusst, dass er in Lebensgefahr war.

Die Stichwunde, das Blut, die Worte des Opfers. Es sind die Details, die Torben Puhlmann seit jenem Dienstag nicht mehr loslassen, dem Tag als sich Grafing-Bahnhof von einem Moment auf den anderen vom beschaulichen Nest in eine Stätte des Grauens verwandelte. Der 39-Jährige wohnt mit seiner Familie nur wenige Meter vom Tatort entfernt, wo der 27-jährige Amokläufer Paul H. einen Menschen tötete und drei weitere schwer verletzte. Puhlmann war Ersthelfer und sah dem Täter in die Augen.

Torben Puhlmann ist am Tag nach den schrecklichen Ereignissen von Grafing zum dritten Mal Vater geworden.

„Hilfe, ich verblute!“ Und dann wieder: „Hilfe, ich verblute!“ Von diesen Schreien wird Puhlmann gegen 5 Uhr aus dem Schlaf gerissen. Er liegt neben seiner hochschwangeren Frau im Bett. Normalerweise muss der Lehrer, der in München unterrichtet, erst um 6 Uhr aufstehen. Der 39-Jährige ist plötzlich hellwach. Er eilt zum Fenster, zieht den Rollladen hoch und versucht zu erkennen, woher die Rufe kamen. Doch er sieht nichts. In der Dämmerung ist alles wie immer. Der Bahnhof, der Biergarten, die Straße – menschenleer. Dann wieder: „Hilfe, ich verblute“. Puhlmann wählt die Notrufnummer, alarmiert die Polizei. Er schlüpft in eine Hose, streift sich eine Jacke über und eilt nach draußen, seine Frau bleibt am Fenster stehen.

Opfer der Messerattacke von Grafing Bahnhof: „Ein Allah-Fan hat mir in den Rücken gestochen“

„Ich dachte zuerst, das ist vielleicht ein Betrunkener, der in eine Glasscherbe getreten ist oder irgendwie so etwas“, erinnert sich der gebürtige Schwabe, der seit 2012 in Grafing-Bahnhof lebt. Er läuft die wenigen Meter zur Straße. Dort liegt ein herrenloses Fahrrad mitten auf der Fahrbahn an der Verkehrsinsel. Puhlmann schaut sich um und sieht ein weiteres Fahrrad am Straßenrand und jede Menge Zeitungen am Boden verstreut. Erst dann erblickt er Johannes B. (58), den im Ort alle „Hannes“ nennen. Er liegt beim Eingang zum Biergarten des griechischen Gasthauses auf dem Rücken. „Ein Allah-Fan hat mir in den Rücken gestochen“, seien die ersten Worte des schwerverletzten Zeitungsausträgers gewesen, sagt Puhlmann. Und: Der Täter habe „Allahu akbar“ gerufen.

Puhlmann spricht dem Opfer Mut zu, versucht es zu beruhigen. Eine Verletzung kann er anfangs nicht erkennen. Johannes B. sagt, dass es ihm gut gehe, dass er aber sein rechtes Bein nicht mehr spüren könne. „Armes Deutschland“, habe er hinzugefügt, berichtet der Ersthelfer. Er will zurück zum Haus, um eine Decke und ein Erste-Hilfe-Päckchen zu holen. Doch in diesem Moment kommt ein weiterer Helfer, und die erste Polizeistreife hält neben dem Schwerverletzten. Der andere Helfer berichtet den Beamten, dass der Täter ortsauswärts in Richtung Nachbardorf geflohen sei. Die Polizisten nehmen die Verfolgung auf.

Tödliche Messerattacke in Grafing: Bilder vom Tatort

Der Messerstecher von Grafing taucht plötzlich auf - und wirkt ruhig

„Plötzlich taucht ein Mann in fünf bis zehn Metern Entfernung von uns auf“, erinnert sich Puhlmann. Und das Opfer ruft: „Das ist der Mann, der hat mir in den Rücken gestochen, holt euch einen Knüppel!“ Der Amokläufer, der in Socken da steht und dem später massive psychische Probleme und Drogeneinfluss attestiert werden, wirkt zu diesem Zeitpunkt völlig ruhig. „Er hat nicht gesprochen, er sah normal aus, er wirkte ruhig, er hat nur zu uns herübergeschaut. Ein Messer konnte ich nicht sehen“, berichtet Puhlmann, der große Angst bekommt und in diesem Moment an IS und die Anschläge von Paris und Brüssel denkt.

Die Polizeistreife kehrt zurück, hält auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der Täter geht auf das Auto zu. Puhlmann sieht den auffällig breiten Gürtel, den Paul H. trägt. „Da dachte ich, jetzt sprengt er sich in die Luft.“ Die Polizisten rufen: „Hinlegen, Hände auf den Rücken!“ Der Amokläufer geht ruhig auf die Knie, dann legt er sich auf die Straße, wo ihm Handschellen angelegt werden. So verharrt er mehrere Minuten, während er von den Beamten durchsucht wird.

Feuerwehr, Rettungskräfte und Notarztteams treffen ein. Der Bahnhofsplatz wird großräumig abgesperrt, der Pullover von Zeitungsausträger Johannes B. aufgeschnitten, seine Stichwunde am Rücken erstversorgt. Er bekommt eine Infusion und Sauerstoff. Zu diesem Zeitpunkt kümmert sich der Notarzt am Bahnsteig um den noch schwerer verletzten Mann aus Wasserburg, der den Tag nicht überleben sollte.

Puhlmann versteht erst später, wie gefährlich die Situation war

Torben Puhlmann ist immer noch bei „Hannes“, hält die Infusionsflasche, hilft, das Opfer auf die Trage zu legen und ruft ihm zu: „Alles Gute, halte durch, du schaffst das.“

Später wird der Lehrer am Tatort von der Polizei befragt, noch später zu Hause vom Landeskriminalamt. „Ich bin den ganzen Tag wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Haus gelaufen, so als hätte ich zehn Tassen Kaffee getrunken“, erinnert er sich. Puhlmann spricht mit seiner Frau, mit seinem vierjährigen Sohn, Freunden, den Nachbarn. Ständig klingeln Reporter an seiner Tür. Ihm wird erst jetzt bewusst, in welche Gefahr er sich begeben hat, „wie groß das Glück war, das ich selbst hatte“.

Am Abend unterhält er sich eine Stunde lang mit einem Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams (KIT), dann folgt eine unruhige Nacht. Am nächsten Tag wird Puhlmann zum dritten Mal Vater.

Hier finden Sie unseren Ticker zu den schrecklichen Ereignissen in Grafing Bahnhof zum Nachlesen

Rubriklistenbild: © dpa/ac

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