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"Wir haben mit einem so frühen Tod einfach nicht gerechnet": Swantje Schlederer war über Nacht für die Brauerei ihres Mannes zuständig. In das männerdominierte Geschäft musste sie sich erst einarbeiten.

Starke Frau in einer Männer-Branche

Die Bräuin von Grafing: Plötzlich Brauerei-Chefin

Grafing - Swantje Schlederer ist blitzgescheit, ehrgeizig – bloß mit der Brauerei ihres Mannes hatte sie nichts zu tun. Dann starb der Bräu von Grafing und seine Frau musste entscheiden, wie es mit dem Betrieb weitergeht. Die Geschichte einer Frau, die manchmal verzweifelt – und dann weiterkämpft.

Swantje Schlederer, die Brauerei-Chefin, hat am Freitag das Grafinger Volksfest eröffnet, beim Festzug ging sie neben der Bürgermeisterin her. So gehört sich das, das ist Tradition am Eröffnungstag. Aber es ist das erste Mal für sie. Früher hat ihr Mann Max Josef, der Bräu, solche Termine gemacht. Vor einem guten Jahr bekam er, der nie krank war, Fieber. Zwei Monate später war er tot. Mit 63. Und Swantje Schlederer stand alleine da mit ihrer Trauer, zwei Kindern und einer Brauerei, die es seit 400 Jahren gibt. Einer Brauerei, von der sie keine Ahnung hatte.

Auf dem Gelände gleich neben dem Heckerkeller in Grafing brauen sie Bier, füllen es in Flaschen mit Wildbräu- oder Grandauer-Etikett und fahren es mit den Lastwagen aus. Drinnen, im Besprechungszimmer, sagt Swantje Schlederer, 49 Jahre alt: „Wir haben fest damit gerechnet, dass er wieder heimkommt aus dem Krankenhaus.“ Sie serviert Kaffee in dem Raum, in dem ihr Max so lange das Sagen hatte. „Wir haben mit einem so frühen Tod einfach nicht gerechnet“, sagt sie. An eine Übergabe dachte niemand.

Die Brauereien gibt es seit 400 Jahren

Wildbräu und Grandauer gehören seit 1993 zusammen – es gibt die Brauereien seit 400 Jahren. Die Schlederers haben einen gewaltigen Stammbaum, alter Grafinger Adel. Seit die Brauerei in ihrem Besitz ist, gab es Höhen und Tiefen. Aber eines war immer klar: Es geht weiter.

Bevor der Krebs ihr den Mann wegnahm, hat Swantje Schlederer die Brauerei selten betreten, in ihrem leicht fränkischen Dialekt sagt sie: „Ich war kaum hier.“ Swantje Schlederer, die grazile Frau im Rollkragenpulli und Jeans, sieht nicht so robust aus, wie man sich eine Bräuin vorstellt. Wenn das überhaupt ins Bild passt – eine Frau in einer Branche, die so männerlastig ist wie die Bundesliga. Bier mag Swantje Schlederer ganz gern, aber nicht in Massen. Sie hat einen Doktor-Titel in Agrarwissenschaften, eine eigene Firma gegründet, und kämpfte für Umweltschutz. Swantje Schlederer gibt zu: „Ich kannte nicht einmal die Namen der meisten Mitarbeiter der Brauerei.“ Dem Schicksal, diesem unerbittlichen Kerl, war das egal.

Romantisch wie ein Rosamunde-Pilcher-Film

Am 7. März 2015 kommt Max Josef Schlederer ins Krankenhaus, es ist sein Geburtstag. Am 9. März wird er operiert, zu seiner Frau sagt er: „Schau doch mal im Geschäft nach der Post, ich kann ja hier nicht weg.“ Es ist das erste Mal, dass Swantje Schlederer im Auftrag ihres Mannes in die Brauerei geht.

Bis dahin führt sie ihr eigenes Leben. Vielleicht gab es Kleinstadt-Neider und Lästereien, auch, weil die Geschichte von Swantje Schlederer und ihrem Max Josef so romantisch begonnen hat wie in einer Rosamunde-Pilcher-Romanze. Swantje, junge Zahntechnikerin aus Fürth, zierlich, hübsch, reitet mit 18 auf einem Turnier in Franken mit. Max Josef Schlederer, der Grafinger Bräu, einige Jahre älter, verliebt sich dort in das Fräulein. Es ist nicht bloß eine Schwärmerei, sie ist die Liebe seines Lebens. Zwei Mal die Woche fährt er nach Fürth. 1986 zieht sie zu ihm.

Studium statt Brauerei

„Am Anfang hieß es“, erzählt Swantje Schlederer, „er braucht mich nicht in der Brauerei.“ Ihr Mann sagt ihr auch: „Du bist zu quirlig, das ist ein konservatives Geschäft.“ Also macht sie ihren Zahntechniker, studiert BWL. Sie bekommt zwei Kinder, Gregor und Felicitas, und als die größer sind, will Swantje nicht nur Bräu-Gattin sein. Sie studiert wieder, jetzt Geografie, Schwerpunkt Klimatologie. Dann Doktortitel, Uni-Seminare. Parallel gründet sie eine Firma, aus Laub macht sie Energie, meldet Patente an. Swantje Schlederer hat Erfolg, ganz ohne ihren Mann.

Der ist ein Bräu vom alten Schlag. Er mischt in vielen Vereinen mit, er sitzt im Stadtrat, er liebt seine CSU, das öffentliche Leben. Er liebt auch seine Brauerei, aber er lässt sich nicht reinschauen ins Geschäft. Mittags, wenn sich die Familie daheim zum Essen trifft, reden die Schlederers über vieles, aber nicht über die Brauerei und die Immobilien und die Landwirtschaft, die auch noch dazugehören zum Imperium. „Bloß wenn den Max etwas fürchterlich bewegt hat, hat er beim Essen darüber geredet“, sagt Swantje Schlederer.

Sohn Gregor wird das Geschäft übernehmen

Vor ein paar Jahren gab es so einen Moment. Er fragt damals am Mittagstisch Sohn Gregor, heute 25: „Willst Du die Brauerei mal übernehmen?“ Schlederer muss das wissen, weil er investieren will in ein modernes Sudhaus. Gregor, der nach seinem Vater kommt, überlegt eine Weile. Dann sagt er ja.

Als der Bräu stirbt, ist Gregor zu jung, um der neue Bräu zu werden. Er studiert Brauwesen in Weihenstephan, hat gerade die Zusage für ein Praktikum bei einer großen Brauerei bekommen. „Was soll ich denn jetzt machen?“, fragt er seine Mutter. Sie sagt: „Ich helfe Dir.“ Denn sie will nicht, dass ihr Sohn ins kalte Wasser springen muss wie Jahrzehnte zuvor ihr Mann, als dessen Vater starb. Herzinfarkt, Max Schlederer bricht damals sein Studium ab. „Er hat nie was anderes gesehen“, sagt Swantje Schlederer. Sie will, dass ihr Sohn Erfahrungen sammelt, reift für seine Aufgabe. Sie nennt es „eine Brücke“, fünf Jahre, in der sie sich um alles kümmert, bis Gregor übernehmen kann. „Wir kriegen das hin.“

Nach dem Tod ihres Mannes stürzt sie sich in die Arbeit

In der ersten Zeit, in der die Trauer so arg schmerzt, sitzt sie nachts im Büro. Am alten, schweren Holz-Schreibtisch ihres Mannes, an dem schon dessen Vater saß. Sie braucht einen Überblick: Wo steht was? In welchem Ordner sind welche Papiere abgelegt? Welcher Mitarbeiter macht eigentlich was? Der Bräu hatte sein eigenes System. Seine Witwe ackert sich durch.

In der Stadt gehen am Anfang Gerüchte rum: „Die muss bald zusperren.“ Die Mitarbeiter tuscheln: „Eine Frau als Bräu?“ oder „Was macht die hier?“ Manche sind seit 40 Jahren bei der Brauerei, sie waren einen Mann als Chef gewohnt, schon immer. Viele haben Angst vor Veränderung, vielleicht auch ein Problem mit Swantje Schlederers Führungsstil. Denn die neue Chefin greift durch. Auf ein „Das war schon immer so“, antwortet sie: „Mag sein – jetzt ist es anders.“ Sie holt sich einen Unternehmensberater ins Haus, zwei Mal die Woche sitzt der in ihrem Büro. Sie kalkuliert neu, sie strafft das Angebot, mustert ein Mineralwasser aus, das aus Franken kommt, künftig gibt es nur noch das aus der Region. Sie grenzt das Auslieferungsgebiet ein, wegen drei Kisten Bier fährt jetzt kein Laster mehr bis an den Chiemsee.

Die neue Chefin hinterfragt alles in der Brauerei

Sie tauscht alte Maschinen gegen neue, energieeffiziente aus, lässt den Etikettierer auseinandernehmen, keine Schraube bleibt auf der anderen. Auch Angestellte müssen gehen, weil sich herausgestellt hat, dass es zu viele sind für die kleine Brauerei. Leicht ist das alles nicht, vor allem die Kündigungsgespräche. Aber Swantje Schlederer hinterfragt alles, aus einem einzigen Grund: um das Lebenswerk ihres Mannes zu retten. Nach einem halben Jahr hat sie einen Überblick.

Kämpfen muss sie jetzt noch, mit viel Tempo und Kraft. 70 Stunden die Woche, vier Abendtermine, sechseinhalb Tage Brauerei, ein halber Tag in ihrer Firma. Manchmal geht ihr trotzdem alles zu langsam. Sie will das Image der Brauerei entstauben. Sie hat den Braumeister zum 400-jährigen Brauerei-Jubiläum ein neues Bier machen lassen, im August gibt es ein großes Fest. Sie will Führungen anbieten, will als Brauerei für die Bürger vor Ort wahrgenommen werden, in Zeiten von gigantischen, gesichtslosen Bierkonzernen.

Manchmal haut sie die Trauer fast um

Der Markt ist hart umkämpft. Im März wurde sie von der Tegernseer Brauerei verklagt, weil eines ihrer Biere „Klosterseer“ heißt – wie das Grafinger Eishockey-Team. Die Richter entschieden, dass der Name weiter auf den Etiketten stehen darf, trotz der Ähnlichkeit mit „Tegernseer“. Ein kleiner Sieg.

Swantje Schlederer ist jetzt Bräuin. „Ich hätte es mir nicht ausgesucht“, sagt sie. „Aber jetzt ist es so.“ Als sie im Herbst mit ihren Kindern und dem Braumeister Bilder für ein Buch über das Reinheitsgebot machen, sollen sie ernst schauen, sagt der Fotograf. So ernst, wie jemand schaut, der auf dieses heilige Gebot aufpassen muss. Doch das klappt nicht. Sie laufen kichernd über die Wiese, können nicht ernst bleiben, der Fotograf verzweifelt.

Aber manchmal haut sie die Trauer fast um. Wie neulich, auf einer Versammlung der Jäger. Sie musste den Namen ihres Mannes aus einer Liste streichen, ihr kamen die Tränen. In solchen Momenten stellt sie sich vor: Gleich geht die Tür auf und ihr Mann kommt rein. „Das ist meine Überlebensstrategie“, sagt sie. „Ich denke mir, er ist einfach grad nicht da.“

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