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„Leihoma“ Erni Frank mit Leo (10 Monate), Maja (3), Dominik (5), Lily (7), Amelie (10) und Mama Steffi Zistl.

Familienhilfe des Kreisbildungswerks

Ein Engel für fünf Euro

Landkreis - Einmal wieder eine Stunde Zeit für sich haben. Laufen gehen, die Ruhe im Wald genießen. Sich wie früher fühlen. Kein Kindergeschrei, kein Windelwechseln. Für Steffi Zistl aus Baiern ein großer Wunsch. Einer, den ihr nach der Geburt ihres fünften Kindes ein menschlicher Engel erfüllt hat.

Steffi Zistl hat über das landkreisweite Familienhelfer-Programm „wellcome“ Erni Frank kennen gelernt. Die Aßlingerin kommt seither einmal pro Woche zur Familie Zistl, damit sich die junge Mutter kurz Luft holen und Kraft schöpfen kann für den bewegten Familienalltag mit fünf Kindern. Etwa fünf Euro kostet die Stunde Auszeit.

Hinter dem „wellcome“-Projekt steckt das Kreisbildungswerk Ebersberg (kbw). Sandra Lößl vom kbw koordiniert seit drei Jahren den Kontakt zwischen den Helferinnen und den Familien. Es seien sehr unterschiedliche Beweggründe, warum sich die jungen Mütter an sie wenden. Mal gebe es Zwillinge, mal Kinder, die wenig schlafen oder viel schreien, erzählt Lößl. „Oft aber sind es ganz gewöhnliche Familien-Konstellationen, in denen die Mütter den Wunsch nach einer kurzen Auszeit verspüren. Gerade, wenn die Familien kein starkes Netzwerk oder die Großeltern vor Ort haben und nach den ersten drei bis sechs Monaten die erste Erschöpfung ins Haus steht.“

Wie sie diese Auszeit nutzt, bleibt dabei jeder Frau selbst überlassen. „Wichtig ist, dass jede das macht, was ihr persönlich gut tut“, erklärt Lößl. „Die eine will nichts mehr als schlafen, eine andere nimmt ein ausgiebiges Bad. Wir hatten aber auch schon Frauen, die die Zeit zum Putzen genutzt haben. Wenn ihnen das die gewünschte Erholung beschert, ist es für uns auch gut.“

Für Steffi Zistl war es das Laufen. „Das ist für mich Entspannung pur“, sagt sie. Die drahtige 36-Jährige ist gelernte Fitnesstrainerin und hatte schon früher viel Energie aus dem Sport geschöpft. Die ersten Runden lief ihr damals drei Monate alter Leo zwar noch in ihrem Kopf mit. „Da bin ich sehr schnell gelaufen“, erzählt die fünffache Mutter. „Innerlich war ich doch hibbelig, ob alles funktioniert.“ Mit der Zeit aber lernte sie, ihren Jüngsten guten Gewissens abzugeben und Erni zu vertrauen. Und dann endlich war sie wirklich da, die totale Erholung vom Familienalltag, unbezahlbar. „Ich bekam einen freien Kopf, ein Stück Unbeschwertheit geschenkt“, erzählt Steffi Zistl. „Diese Abwechslung gibt einem hernach wieder mehr Kraft, für die Kinder und die Alltagsaufgaben. Schließlich müssen wir Mamas sonst 24 Stunden lang funktionieren, immer präsent sein.“

Letzten Endes sei das wellcome-Projekt ein Präventionsprogramm, erklärt Lößl. „Viele junge Eltern stehen unter großem gesellschaftlichen Druck, alles perfekt machen zu müssen“, sagt sie. Dieser, die plötzlichen Veränderungen im Leben und die immensen Anforderungen besonders an die Mütter könnten im schlechtesten Fall zu einer völligen Überforderung führen, unter der letztlich die Kinder leiden müssten. „Die Bindung zwischen Mutter und Kind unterstützen wird dadurch, dass sie kurz unterbrochen wird.“, erklärt die Diplom-Sozialpädagogin. „Wenn die Mutter ihr Baby mal zwei Stunden nicht gesehen hat, kann sie sich wieder unbeschwert darauf freuen.“

15 Helferinnen koordiniert Lößl derzeit im Landkreis Ebersberg. „Im Norden könnten es mehr sein“, sagt sie, ansonsten hielten sich Angebot und Nachfrage einigermaßen die Waage.

Mittlerweile, nach rund einem dreiviertel Jahr, ist Erni Frank so etwas wie eine Leihoma für die Familie Zistl geworden, erzählt Mutter Steffi. Irgendwie gehöre sie einfach dazu. Ganz selbstverständlich war es da zum Beispiel, dass die 53-Jährige bei der Taufe des kleinen Leo dabei war. Sie hat auch schon mal auf die ganze Rasselbande mit Amelie (10), Lily (7), Dominik (5), Maja (3) und Leo aufgepasst. Wie die meisten Helferinnen leistet Erni Frank wöchentlich zwei bis sechs Stunden ehrenamtlich Dienst, bekommt im Gegenzug lediglich Fortbildungen und Fahrtkosten erstattet – und natürlich eine ganz große Portion Liebe. „Wenn die Kleinen so viel Vertrauen zu dir haben, dass sie auf deinem Arm einschlafen, das ist einfach schön. Dieses Gefühl, etwas so Sinnvolles zu machen, kannst du mit Geld nicht bezahlen“, sagt sie, und das Strahlen, das sie bei diesen Worten vom kleinen Leo erntet, sagt mehr als tausend Worte.

Uta Künkler

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