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Wolfgang Gregor in seinem Büro daheim in Markt Schwaben: Mit seinem Enthüllungsbuch über die Schattenseiten der Kreuzfahrtbranche sorgt er zurzeit für Wirbel.

Markt Schwabener gewährt Blick hinter die Kulissen einer Scheinwelt

So geht es in der Kreuzfahrtbranche wirklich zu

Markt Schwaben - Wolfgang Gregor (62) aus Markt Schwaben hat ein Buch über die Schattenseiten der Kreuzfahrtbranche geschrieben. „Der Kreuzfahrtkomplex“ heißt es und ist die in diesem Umfang erste Publikation, die im Duktus einer Enthüllungsreportage Wunden aufzureißen im Stande ist.

„Eigentlich“, sagt Wolfgang Gregor mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, „bin ich zu einem unberechenbaren und unbequemen Faktor geworden. Jemand, der den Finger in eine offene Wunde legt“. Die, die hier Unbehagen spüren müssten, sind die Protagonisten eines weltweit operierenden Wirtschaftszweigs mit noch lange nicht ausgeschöpftem Wachstumspotenzial, nämlich die Kreuzfahrtindustrie.

Was aber macht Gregor für die Branche so unbequem? Die Antwort: Seine Vita. In ihm, dem 62-jährigen Markt Schwabener, vereinen sich nämlich Fachwissen, gute Beziehungen, Neugier und Hartnäckigkeit. Gregor war und ist „Kapitän auf Großer Fahrt“ – und damit unbestritten ein nautischer Experte. Er arbeitete jahrelang in Großkonzernen an verantwortlicher Stelle. Und er weiß, wie die Uhren dort gehen. Wolfgang Gregor kennt sich mit Marketing und allen dort gängigen Tricks aus. Ist obendrein nach eigenen Worten politisch gut vernetzt – weit über den Markt Schwabener SPD-Ortsverein, dem er angehört, hinaus.

Der verheiratete Familienvater war, zumindest noch vor Jahren, zudem Kreuzfahrt-Tourist auf den großen und ganz großen Pötten dieser Welt. Und, nach der einen oder anderen schlechten Erfahrung dort, so neugierig geworden, um nach einer für ihn und seiner Frau chaotischen Überfahrt nach Südamerika hinter die Kulissen der Branche schauen zu wollen. Den Kulissen eines Wirtschaftszweigs, dem der gebürtige Dortmunder inzwischen nicht mehr viel Positives abgewinnen kann.

In diesen Tagen hat Gregor, der im Laufe seiner eineinhalbjährigen Recherchen erst nach langen Mühen einen Presseausweis bekam und damit so eine Art „Türoffner“ in der Brieftasche, ein Buch zu den Schattenseiten der Kreuzfahrtbranche vorgelegt. „Der Kreuzfahrtkomplex“ heißt es und ist die in diesem Umfang erste Publikation, die im Duktus einer Enthüllungsreportage Wunden aufzureißen im Stande ist in einer Branche, die bislang für die schöne, weiße, unbefleckte Welt der Vergnügungsdampfer stand. Gregor macht darin mit Recherchen, die erst Ende September 2016 wirklich abgeschlossen waren, auf Risiken, Gefahren und wirtschaftliche Zusammenhänge aufmerksam.

Fünf Schwerpunkte setzt der Autor. Und beleuchtet, erstens, die teilweise an moderne Sklaverei grenzende Situation von Teilen der Besatzung. Er wendet sich, zweitens, kritisch und mit dem Blick eines seemännisch erfahrenden Fachmanns den (aus seiner Sicht teils eklatanten) Sicherheitsmängeln auf den Kreuzfahrtschiffen verschiedener Reedereien zu. Drittens wirft er der Branche vor, durch alle möglichen Tricks die unterschiedlichen Steuergesetze der Länder zu eigenen Gunsten auszunutzen. Das alles finde, viertens, abseits jeglicher Transparenz gegenüber den Kunden, also den Kreuzfahrtfahrern, statt. Und, fünftens, legt Wolfgang Gregor auch die Finger in eine gerade wieder in diesen Tagen und Wochen in und um Venedig öffentlich gewordene Wunde; den mangelhaften Umweltschutz-(gedanken). In Venedig hat sich eine inzwischen starke Initiative gebildet, die gegen die Kreuzfahrtindustrie ankämpft und ihr massiv vorwirft, die historische Lagunenstadt nach und nach zu zerstören. Alles untermauert der Autor mit Daten, Beispielen und der Schilderung eigener Erlebnisse sowie der Auswertung zahlloser Interviews. Er hat zahlreiche Mitarbeiter befragt, die ihm jedoch nahezu ausschließlich nur unter dem Deckmantel der Anonymität Einblick gewährten in ihr berufliches Innenleben. Selbst Professoren, andere Fachleute, Insider etc. standen dem freien Journalisten beim Faktencheck behilflich zur Seite. Auch sie – in Sorge um ihre Arbeitsplätze – großteils anonym. Nicht zuletzt hat sich der Schwabener daher die Dienste eines Medienanwalts gesichert, der seine Reportage vor Drucklegung entsprechend prüfte.

Dass sich Wolfgang Gregor kritisch mit den zunehmenden sozialen und ökologischen Lasten der Reiseschiffe auseinandersetzen und dazu ein Buch verfassen wird, weiß die Fachwelt seit August vergangenen Jahres. Im Hamburger Rathaus stellte der Markt Schwabener damals einen Zwischenstand seiner Recherchen vor. Die „Welt“ berichtete am 22. August 2015 und zitierte Gregor so: „Der Trend in der Branche geht zum Massentourimus. Der Preis dafür ist, dass ökologische und gesellschaftliche Standards immer stärker unterlaufen werden.“ Durch Gregors Vortrag bzw. jetzt durch sein Buch habe die schöne Welt der weißen Vergnügungsschiffe einige Kratzer bekommen, heißt es.

Gregor schreibt konkret von Stundenlöhnen einfacher Kräfte, zumeist aus Asien, nahe der Ein-Euro-Marke. Von oftmals unzureichenden Rettungsboot-Kapazitäten. Offenbar gezielten Verstößen gegen die Vorschriften bei Fluchtwegen. Er räumt mit dem Irrglauben auf, die Riesenpötte könnten jeglichen Wind- und Wetterverhältnissen auf hoher See standhalten.

Der Autor beschreibt Schlachtszenen am Büffet, berichtet über sexuelle Übergriffe und Gewalt unter der Belegschaft, über wirtschaftliche Verflechtungen der Großreedereien und welche Rolle Staaten wie Italien, Panama oder die Bahamas dabei spielen. Er rechnet vor, dass auf den Sonnendecks der ganz großen Pötte nur noch ein Bruchteil der Passagiere einen Platz findet. Schildert Praktiken, um zu verhindern, dass Kreuzfahrer ihr Geld anderswo als auf dem Schiff ausgeben. Der Journalist prangert an, dass auf Schiffen schon Minderjährige ans Glücksspiel herangeführt werden. Schreibt von Privatinseln, die sich die Reedereien zugelegt hätten. Vom Größenwahn beim Schiffsbau. Von einem wahren Kastensystem im Unterdeck oder vertuschten Unglücksfällen. Es berichtet von Scharlatanen, die sich als Ärzte ausgeben, von Abzocke oder Kriminalität in Häfen. Deutschland, speziell die Hansestadt Hamburg, nimmt der Autor bei allem nicht aus.

Immer wieder geht es um Rationalisierungen, die letztlich auf Kosten der Qualität und der Sicherheit gingen. Und es geht um Gier. Er berichtet, so heißt es in seinem Schlusswort, von einer Industrie, die ihren Erfolg auf den Rücken von Umwelt, Mitarbeitern, mangelnder Steuergerechtigkeit und Sicherheit aufgebaut habe.

16 Kreuzfahrten bei unterschiedlichen, aber namhaften Anbietern hat Gregor inzwischen erlebt. Einige davon gezielt aus Recherchegründen. Ob er je wieder eine Fahrt unternehmen würde? Der 62-Jährige antwortet vielsagend: „Zurzeit nein, mittelfristig will ich das aber nicht ausschließen.“ Und wenn ja, dann wohl eher auf einem kleineren Schiff.

Das Buch

Wolfgang Gregor, „Der Kreuzfahrtkomplex“, Verlag tredition, ISBN: 978-3-7345-5373-8, Preis: 17,90 Euro.

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