Poinger verurteilt

Cannabis angebaut, Bewährungstrafe geerntet

Poing - War es ein aufmerksamer, aber bis heute anonymer Nachbar, der durch eine Anzeige einen 41-jährigen Poinger indirekt wieder auf die richtige Spur brachte? Dass es genau so kommen mag, darauf setzt das Schöffengericht in Ebersberg.

 Ein Schock sei es gewesen, sagt Hassan P. (Name von der Redaktion geändert), als er im Mai 2015 abends von der Arbeit nach Hause kam. Schon von der Straße aus sah er Licht in seiner Eigentumswohnung in Poing. Und ahnte wohl sofort: Das ist nichts Gutes.

War es auch nicht. Beamte der Polizeiinspektion Poing hatten, genehmigt mit einem richterlichen Durchsuchungsbeschluss, seine Immobilie in Abwesenheit mal eben unter die Lupe genommen. Und waren dort auf eine Cannabisplantage sowie auf fast 350 Gramm Marihuana gestoßen. Teilweise aus eigener Ernte und von „guter Straßenqualität“, wie der Staatsanwalt betonte.

Vorangegangen war dem polizeilichen Einsatz eine bis heute anonyme Mail an die örtliche Inspektion, verfasst mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Nachbarn. Einem Nachbarn, der zuvor sehr gut recherchiert hatte. Insbesondere fiel ihm auf, dass der Stromverbrauch im Haus ungewöhnlich in die Höhe geschossen war. Die Gründe dafür waren schnell gefunden. Cannabis-Aufzuchten brauchen u.a. viel Licht. Und auch sonst viel Feingefühl und, damit das alles gelingen kann, ein paar hundert Euro Investitionen für die entsprechenden Apparaturen. Dass auch die herangeschafft wurden, hatte der Nachbar offenbar auch beobachtet.

Diese Geräte besorgte sich der Poinger zuvor im Internet, nachdem sich der 41-Jährige entschieden hatte, seinen eigenen Drogenbedarf nicht auf windige Art und Weise durch Geschäfte mit Dealern zu decken, sondern selber Pflanzen anzubauen und zu ernten. Auf die Idee war er nach dem Studium einer entsprechenden You-Tube-Seite gekommen, berichtete der gebürtige Münchner gestern Richter Markus Nikol und den Schöffen in seiner Verhandlung vor dem Amtsgericht Ebersberg.

Aufgrund der großen Menge, die in Poing vorgefunden worden war, ging die Staatsanwaltschaft davon aus, dass hier jemand einen illegalen Handel betreibe. Genau das aber sei nicht der Fall, versicherte der Beschuldigte. Seine Plantage, die Rede war von neun Pflanzen, habe lediglich dazu gedient, den Eigenbedarf zu decken. Einen Eigenbedarf, der nach gut 20 Jahren Drogenkonsum schon eine gewisse Stattlichkeit bekommen hatte. Zwischen 400 und 600 Euro hatte Hassan P. nach eigenen Angaben vor seinem Start in die eigene Zucht im Monat für Marihuana ausgegeben. Zwei Gramm pro Tag seien normal gewesen. Bereits vor dem Frühstück habe er erstmal einen Joint geraucht, und dann im Tagesverlauf bei nahezu jeder Gelegenheit. „Der Alltag ist mit Rauchen vergangen“, gestand er ein. Erst die Hausdurchsuchung der Polizei habe ihm die Augen geöffnet. „Ich habe die Kontrolle verloren“, so der Poinger. Von Panik sprach er gestern im Saal 2 des Amtsgerichts Ebersberg. Von seiner Abhängigkeit, vom Führerscheinverlust und seiner Scheidung, als er 28 war. Das sei wie ein Weltuntergang gewesen. Beruflich gab es dagegen keine Probleme, am Arbeitsplatz habe man von seinen Problemen nichts mitbekommen, ist sich Hassan P. bis heute sicher.

Eine ambulante Therapie hat er inzwischen in Markt Schwaben absolviert. Offenbar mit Erfolg. Dem Richter legte der Angeklagte ein Schriftstück vor, das ihm bescheinigt, seit eineinhalb Jahren drogenfrei zu sein. Und frei von Alkohol und Tabletten, wie er hinzufügte.

Dem anonymen Anzeigenerstatter, also dem Nachbarn aus vermutlich unmittelbarer Nähe, müsse er wohl irgendwie sogar dankbar sein, fügte der Beschuldigte an. Seine Reue beeindruckte. Das Gericht verurteilte den zuvor nicht vorbestraften Poinger zu 14 Monaten Freiheitsentzug auf Bewährung, 5000 Euro Geldstraße und diverse andere Auflagen. Das Urteil sei, so Richter Markus Nikol, als ein großer Vertrauensvorschuss zu verstehen.

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa/dpaweb

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