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„Wir haben eine Gaudi“, sagt Kramerin Maria Niggl aus Emmering. Das ist der Unterschied zum Supermarkt.

Viel mehr als ein Geschäft in Emmering

Bei Tante Emma geht der Punk ab

Emmering - Der Kramerladen von Maria Niggl in Emmering (Kreis Ebersberg) ist mehr als ein Geschäft: Er ist soziales Zentrum und Nachrichtenzentrale des kleinen Ortes. Das liegt vor allem an der Chefin. Wir haben bei ihr auf einen Kaffee vorbeigeschaut.

Unter einem mit roten Blümchen behangenen Balkon geht es an einem Drehständer voller Glückwunschkarten vorbei in das Reich von Maria Niggl. Die Chefin steht im roten Verkäuferkittel und einer dunklen Daunenweste an der Kühltheke. Mitten in dem wohnzimmergroßen Kramerladen in Emmering brütet sie über Bestellformularen.

„Schmeckt’s?“, ruft die Kramerin zwischendurch der kleinen Tochter einer Kundin zu, die von Verkäuferin Yvette gerade ein Raderl Gelbwurst zugesteckt bekommt. Das Kind nickt kauend, Niggl lächelt.

"Irgendwie ist mir der Platz ausgegangen"

Um die Kühltruhen, die gerade als Schreibtisch herhalten müssen, drängen sich die Regale mit Obst, Zeitschriften, Suppenwürze und Putzlumpen. Maria Niggl (51) blickt sich in ihrem Reich um. „Irgendwie ist mir der Platz ausgegangen“, sagt sie und verzieht ein bisschen das Gesicht. Einen Lotto-Stand hätte sie gerne noch irgendwie untergebracht. Geht aber nicht. Dann muss sie lachen. „Mir fällt viel Blödsinn ein“, sagt sie. Stillstand ist nicht ihre Sache.

Sie deutet zum Schaufenster hinaus Richtung Parkplatz und beschreibt mit einer Hand die Umrisse eines Anbaus – ein paar Tischchen zum Kaffeetrinken wären recht. „Aber dann brauchst du gleich wieder ein Klo“, seufzt Niggl und beugt sich wieder über die Bestellformulare.

Frühstück auf der Kühltruhe

An ihr vorbei schlurft eine ältere Frau mit einem Teller in der Hand, auf dem ein Vanillecroissant liegt. Eine weitere Kühltruhe wird zweckentfremdet. Die Seniorin benutzt sie als Frühstückstisch. Während sie der Kramerin von ihrem neuen Fernseher erzählt, landen ein paar Tropfen Kaffee auf der Glasabdeckung.

Yvette und Maria, zwei der fünf Verkäuferinnen, die Niggl tageweise unterstützen, reichen derweil Aufschnitt, Schinken und Leberkässemmeln über die Wursttheke – das Herzstück des Ladens. „Auf die zwei ist Verlass“, lobt die Chefin ihre Helferinnen.

Maria Niggl braucht helfende Hände, denn „bei uns geht vormittags der Punk ab“, sagt sie. Die erste Kundschaft steht oft schon um viertel nach sechs in der Ladentür – offiziell ist um diese Zeit noch geschlossen. „Die müssen dafür manchmal mit anpacken“, sagt Niggl und grinst. „Ich hab sie schon im Griff, meine Leut.“

Lieber 70 als 5000 Quadratmeter

Später belagern hungrige Schulkinder und Pendler den Kramerladen, zur Mittagszeit fallen die Handwerker ein. „Die erzählen mir dann die neuesten Witze“, sagt Niggl. „Wir haben eine Gaudi.“ Das ist der Unterschied zum Supermarkt. Niggl war in mehreren davon mal stellvertretende Marktleiterin. Immer größer sind die Märkte geworden, bis zu 5000 Quadratmeter. Seit 13 Jahren regiert die Kramerin knappe 70. Das ist ihr lieber. Näher am Kunden. Mit dem ist sie per du, da gibt es keine Ausreden.

Zwischendurch fährt Maria Niggl mit dem Auto in die Nachbarorte und liefert Wurstsemmeln an Betriebe aus. „Da wetze ich los“, sagt sie. „Immerhin warten 30 hungrige Männer auf mich.“

Gerade ist es ausnahmsweise ein bisschen ruhiger geworden, auch die Seniorin an der Kühltruhe hat ihr Kaffeehaferl geleert. „Zwischendurch ist mal ein kleines Loch“, sagt die Kramerin mit Blick auf die Wanduhr mit dem grünen Logo des TSV Emmering.

Die hat sie übrigens bei einer Weihnachtsfeier gegenüber beim Bichlerwirt ersteigert. Geplant war das nicht, aber nach der Auktion hatte sie beide Hände voller Krimskrams. Passiert. Niggl ist halt keine, die lange fackelt.

Integration auf bairisch

Ein dunkelhäutiger junger Mann kommt ins Geschäft. „Servus“, sagt er, marschiert an Niggl vorbei ins Getränkekammerl und holt sich eine Cola. Asylbewerber, würden die meisten sagen. „Meine Schatzerl“, sagt Maria Niggl. Integration auf bairisch.

Die Kramerin ist gedanklich schon wieder ein paar Wochen weiter gesprungen. Sie freut sich auf die Weihnachtszeit. Der Advent beginnt in Emmering sogar ein bisschen früher: Am Wochenende vor dem ersten Advent veranstaltet Maria Niggl ihren Weihnachtsmarkt, der eher ein kleines Dorffest ist: Sie baut ein Zelt auf und es gibt Würstl. „Danke sagen“, will sie damit ihrer Kundschaft. Die rennt ihr spätestens an Heiligabend mit weit über hundert Vorbestellungen die Türe ein. Dann geht bei Maria Niggl wieder der Punk ab. Stade Zeit ist eh nicht so ihr Ding

Mitarbeit: Rosa Pfluger

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