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Halbzeit für Klimaschutzmanager Tobias Aschwer im Rathaus Vaterstetten.

Interview mit dem Vaterstettener Klimaschutzmanager Tobias Aschwer

Verzögerung bei der Nahwärme

Vaterstetten - Halbzeit für Tobias Aschwer (28) im Rathaus Vaterstetten. Seit eineinhalb Jahren ist der studierte Forstwirt Klimaschutzmanager in der größten Landkreisgemeinde. Eineinhalb Jahre läuft sein befristeter Vertrag noch. Wir fragten ihn zum Nahwärmekonzept der Gemeinde und zu seinen künftigen Projekten.

Was ist im Moment Ihr wichtigstes Projekt?

Der Neubau der Schule und die dortigen Pläne für eine Solarthermie oder eine Fotovoltaikanlage. Durch das Gebäudemanagement ist da sehr viel in Bewegung gebracht worden. Es geht unter anderem auch um die wirtschaftliche Betrachtung des Projektes. Über einen Batteriespeicher haben wir uns auch Gedanken gemacht. Wir haben ein ganz gutes Paket geschnürt, das der Gemeinderat am Donnerstag vorgelegt bekommt.

Und das zweite wichtige Projekt?

Das ist der Ausbau der Nahwärmeversorgung zusammen mit den Gemeindewerken. Da geht es auch um das Einbringen von erneuerbaren Energien. Da bin ich als Projektkoordinator aktiv.

Beim dazu gehörigen Blockheizkraftwerk am Stadion scheint aber nichts voranzugehen?

Das ist richtig. Es gab Änderungen in der Planung. Wenn das BHKW beauftragt ist, dauert es bis zu einem halben Jahr, bis es produziert wurde und einsatzbereit sein kann. Gleichzeitig waren bei vielen Firmen die Auftragsbücher voll. Da geht es unter anderem um die Arbeiten an der Fassade und den Bau der Türen. Wir haben dafür zunächst niemanden bekommen. Jetzt sind die Ausschreibungen alle durch, abgeschlossen und beauftragt. Es wird jetzt rasch weitergehen. Das BHKW wird im Herbst geliefert und eingebaut. Zu Beginn der Heizperiode wird es fertig sein und in Betrieb gehen.

Es war doch ursprünglich geplant, im Neubaugebiet Nordwest schon in diesem Jahr ein zweites BHKW zu bauen.

Ja. Aber wir haben uns beim Grundkonzept neu orientiert. Die Planung für das neue Baugebiet hat sich zeitlich ein bisschen verschoben. Es ist unsinnig, ein zweites BHKW zu errichten, ohne die Abnehmer zu haben. Wir sind uns noch gar nicht sicher, ob wir überhaupt ein zweites BHKW brauchen, oder ob wir nicht andere Möglichkeiten der Wärmeerzeugung in Betracht ziehen können.

Was wäre das?

Dies könnte eine Holzpelletanlage oder auch oberflächennahe Geothermie in Kombination mit einer Wärmepumpe sein. Die endgültige Entscheidung steht hier aber noch nicht fest.

Es ist ja auch nicht gerade sehr nachhaltig, wenn man das BHKW, wie geplant, mit Erdgas betreibt.

Das ist richtig. Die Kritik kommt nicht nur aus dem Arbeitskreis Energiewende. Ich kritisiere das auch. Aber es ist derzeit mit den sich ständig verändernden politischen Rahmenbedingungen schwierig. Da hat jetzt auch die EU-Kommission mitzureden. Die entscheidet, ob das Kraftwärmekopplungsgesetz so umsetzbar ist, wie es derzeit aussieht, oder ob es sich um einen verbotene Beihilfe handelt. Das sind alles Dinge, die das aktuelle Vaterstettener Projekt auch verzögern. Das BHKW kann jederzeit auf Biomethan umgestellt werden. Das ist im Prinzip ein aufbereitetes Biogas, das Erdgasqualität besitzt. Durch die politischen Änderungen und die Drosselung des Zubaus von Biogasanlagen hat das Biomethan zur Zeit im Vergleich zu Erdgas aber einen Preis, mit dem man ein BHKW nicht wirtschaftlich betreiben kann. Man müsste die Kosten auf den Endkunden umlegen. Einen extrem hohen Wärmepreis zahlt aber niemand. Wir können jedoch aus anderen Quellen etwas einspeisen, beispielsweise die Abwärme aus der Biogasanlage Böhm. Wir planen auch mit der „Eigene Erneuerbare Energien Genossenschaft 3E“ die Nutzung des Abwassers als Wärmequelle.

Sind denn die notwendigen Leitungen für die Nahwärmeversorgung schon gebaut? 

Die Leitungen, die wir im Moment brauchen, haben wir. Von der Biogasanlage Böhm zum neuen BHKW. Dann eine Leitung zum Sportzentrum. Das ganze Sportzentrum wird mit Warmwasser versorgt. Wir haben eine Leitung zum OHA. Und dann gibt es noch eine Leitung zur Reitsberger-Siedlung. Dort existiert schon seit Jahren ein Nahwärmenetz. Wenn das neue Heizwerk läuft, geht das dortige alte Heizwerk außer Betrieb. Zur Zeit läuft die Versorgung der Siedlung allerdings über eine mobile Zentrale. Das ist der orange Container, der neben dem Heizwerk steht. Der ist dazu da, dass in dem alten Heizwerk der Ölbrenner nicht laufen muss. Der Betreiber des alten Heizwerkes hatte Probleme mit der dortigen Hackschnitzelanlage. Da lief der Ölbrenner als Ersatz oft. Die mobile Zentrale wird mit Erdgas betrieben.

Ist Erdgas so viel besser als Erdöl?

Erdgas ist natürlich auch ein fossiler Energieträger, aber vom CO2-Ausstoß her betrachtete nicht ganz so schlecht wie Erdöl. Erdöl ist im Prinzip der hochwertigere Rohstoff, den man auch in anderen Bereichen verwenden kann. Zum Beispiel in der Medizintechnik.

Was wird am Grundkonzept der Nahwärmeversorgung geändert?

Falls wir das zweite BHKW in Nordwest bauen, wissen wir noch nicht, wann eine Verbundleitung zwischen den beiden Standorten entstehen wird. Wir wissen noch nicht, wann wir das Rathaus anschließen werden. Das Kommunalunternehmen wird schneller als bisher geplant versuchen, neue Anschlussgebiete zu akquirieren.

Bei einem Thema ist Vaterstetten sehr aktiv, nämlich bei der Fotovoltaik. Es gibt große Vorzeigeobjekt im neuen Gewerbegebiet Parsdorf.

Es ist schade, dass man das nicht sieht. Die Anlagen sind auf den Dächern der großen Gebäude. Hintergrund ist eine geschickte Grünordnung, die vorschreibt, dass auf die Dächer entweder Begrünung drauf muss oder eben Fotovoltaik. Das haben wir auch für das neue Baugebiet Vaterstetten Nordwest übernommen. In Parsdorf produzieren die Anlagen drei Megawatt Leistung. Das entspricht dem Verbrauch von rund 800 Standarthaushalten. Da leistet Parsdorf einen großen Anteil zum Klimaschutz. Wir haben dort zwar Flächenversiegelung. Aber die Dächer werden genutzt. Da sind wir im Landkreis, soweit ich weiß, einzigartig.

Vaterstetten hat bei der Fotovoltaik aber ein Problem. In vielen Gärten stehen große alte Bäume und verschatten die Dächer von Privathäusern.

Das ist richtig. Da bin jetzt in einer Doppelrolle. Als Klimaschutzmanager befürworte ich natürlich den Zubau nachhaltiger Energiequellen. Auf der anderen Seite bin ich allerdings auch im Umweltamt. Aus meinem forstwirtschaftlichen Hintergrund heraus unterstütze ich die Baumschutzverordnung. Weil wir den Gartenstadtcharakter erhalten wollen, werden wir die Baumschutzverordnung nicht für Fotovoltaikanlagen öffnen. Dies ist auch durch einen Beschluss des Umweltausschusses festgelegt.

Es gab den Vorschlag, die Lärmschutzwände an den Autobahnen für Fotovoltaik zu nutzen. Wird das noch weiter verfolgt?

Wir haben Kontakt zur Autobahndirektion aufgenommen und planen für September einen gemeinsamen Termin. Für die A 99 und für die A 94 gibt es Ausbaupläne. Wir haben schon einen großen Fragenkatalog gesammelt. Den haben wir der Autobahndirektion auch zukommen lassen. Weil es an der A 94 nicht nur Vaterstetten als Anlieger gibt, sondern auch andere Landkreiskommunen, wird bei dem Termin der Kreisklimaschutzmanager Hans Gröbmayr dabei sein.

Um was geht es bei dem Gespräch genau?

Es geht unter anderem um zeitliche Abläufe. Wann muss man anfangen, um schon in die Planung der Autobahndirektion eingebunden zu sein? Welche Lärmschutzwände sind vorgesehen? Können wir auf diese Entscheidung Einfluss nehmen? Und man muss schauen, wo bringe ich den Strom überhaupt hin? Einfach nur Strom zu produzieren bringt ja nichts, wenn ich keinen Abnehmer oder keine Einspeisemöglichkeit habe.

Wie sieht es mit Standorten für Windräder aus? Mit der 10H-Regelung sehe ich derzeit keine Möglichkeit. Es wurde zwar eine Konzentrationsflächenplanung gemacht. Da hätten wir Standorte. Aber „10H“ hat da einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Wie will Vaterstetten ohne Windräder das Ziel erreichen, bis zum Jahr 2030 unabhängig von fossilen und anderen endlichen Energieträgern zu sein?

Das Ziel 2030 kann auch weit ausgelegt werden. Nicht in Bezug auf die Jahreszahl, sondern bilanzkreistechnisch. Die Energiewende bedeutet: Vor Ort dezentral erzeugen. Wenn es aber durch rechtliche Vorgaben nicht geht, 100 Prozent der Energie, die wir verbrauchen, auch vor Ort zu erzeugen, müssen wir schauen, ob wir sie von einem anderen Ort beziehen können, ähnlich wie die Stadtwerke München. Die haben ja auch das Ziel, die Stadt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu versorgen. Die Stadt München hat in ihrem Bereich aber nahezu keine Anlagen zur Produktion von erneuerbaren Energien. Die setzen auf Offshore-Parks vor England oder Solarparks in Spanien. Die sagen eben, so viel Energie wie die Kunden der Stadtwerke verbrauchen, so viele wollen sie irgendwo erneuerbar produziert haben. Das ist für kleinen Kommunen keine Alternative. Mit einem ordentlichen Fotovoltaikausbau und einem Ausbau bei der Wärme werden wir schon einen großen Teil dazu beitragen können, das Ziel 2030 erreichen.

Ist es nicht ein bisschen gemogelt, auf diese Bilanzrechnereien zu setzen?

Das ist beim Ökostrom ja ähnlich. Wir beziehen und bezahlen zwar zu 100 Prozent Ökostrom, der auch irgendwo produziert wird, bekommen aber realistisch betrachtet Atomstrom vom Kraftwerk an der Isar geliefert. So ähnlich würde es auch mit Biogas laufen. Die großen Anlagen zur Produktion sind im Nordosten der Republik. Die speisen dann ins Erdgasnetz ein. Die Energiewende ist ein großes Bilanzhinundhergeschiebe. Die echte Energieautarkie ist extrem schwierig. Es gib nur wenige Pilotkommunen, die tatsächlich autark sind.

Ein Teil Ihrer Aufgaben ist auch die Arbeit mit den Schulen.

Richtig. Das macht viel Spaß. Ich mache das zusammen mit dem Arbeitskreis Energiewende und der Initiative Netzwerk Schule. Wir haben da ein Dreierteam. In diesem Jahr waren wir an der Schule an der Wendelsteinstraße, im vergangenen Jahr in Parsdorf. Wir hatten drei dritte Klassen und haben unser komplettes Programm vorgestellt. Den Kindern hat es sehr gefallen. Interessant war, wie viel Wissen die Kinder inzwischen schon haben über den Umgang mit Energie und mit Einsparungen.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Demnächst wird das kommunale Energiemanagement starten. Wir wollen die Verbräuche in den kommunalen Liegenschaften im Detail anschauen, analysieren und prüfen, also Wasserverbrauch, Stromverbrauch, Heizungsbedarf. Über Messungen, die taggenau sind, kann man auch falsch eingestellt Technik entdecken. Viele Heizungsanlagen laufen auch nachts in den Schulen, wenn das überhaupt nicht gebraucht wird. An diese Möglichkeiten der Energieeinsparung wollen wir rankommen. Wir machen in Vaterstetten demnächst eine Begehung der Liegenschaften. Zunächst wird es wohl um die Schule in Parsdorf, die neue Kinderkrippe, das ist ein Passivhaus, und ein älteres, nicht saniertes Gebäude gehen.

Wie kommen Sie mit der Politik zurecht?

Ich werde auch außerhalb der Gemeinderatssitzungen angefragt. Es gibt kaum Widerstände. Das könnte passieren, wenn man versuchen würde, ein nicht wirtschaftliches Projekt durchzudrücken, nur weil es im Sinne der Energiewende ist. Üblicherweise hat die Gemeinde jedoch einen Doppelnutzen. Energiewende und gleichzeitig eine gute Investition.

Bürger können sich auch an Sie wenden, wenn sie Informationen haben wollen? Angesichts des niedrigen Ölpreises ist es derzeit wohl schwer, beispielsweise für alternative Heizungen zu werben?

Das ist richtig. Der Ölpreis wird wohl noch länger günstig bleiben und dann auch nur langsam steigen. Da hatte es vor ein paar Jahren noch ganz andere Annahmen gegeben. Das schreckt die Leute ab, auf Heizungen mit erneuerbaren Rohstoffen oder Mischvarianten mit Gaskessel plus Fotovoltaik zu setzen. Dazu kommen noch die vielen neuen gesetzlichen Regelungen. Das macht es auch nicht einfacher, Entscheidungen zu treffen. Dazu gibt es aber die Energieberatung. Für die ersten Informationen können sich die Leute auch an mich wenden. Ich habe in der Woche drei bis vier Bürger bei mir. Man muss allerdings vorher einen Termin ausmachen.

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