Ritt in der Sonne: (v.l.) Sonja Schmidt-Simmet, Eselin „Gina“ geführt von Susi (9) und Kevin (11) auf Reitesel „Valentino“, geführt von Pflegerin Ramona (24). foto: S. rossmann

Therapie in Kirchseeon

Mein Freund, der Esel

Kirchseeon - Eine ganze Eselherde hat Sonja Schmidt aus Kirchseeon. Doch für sie bedeuten die acht Tiere keinen Stress. im Gegenteil: Entschleunigung. Genauso wie für ihre Therapiekinder.

„Leopold“ ist zwei. Und ein bisschen tollpatschig. Manchmal stolpert er über seine eigenen Füße, fällt sogar hin. „Leopold“ ist eben noch ein Kind, sagt Sonja Schmidt-Simmet, 49 - er ist ein „Eselkind“. Der dunkle Poitou, eine französische Rasse, groß und mit langem Fell, ist der einzige Hengst in Schmidts Eselherde, die sie im Moos in Kirchseeon hält. Irgendwann soll „Leopold“ Leittier werden. Und Vater.

„Ich will meine Eselherde noch vergrößern“, sagt Schmidt. Lächelnd beobachtet sie ihre acht Esel vom Zaun aus. Die stehen eng zusammen auf einem sonnigen Fleck ihrer Wiese. Schmidt hat zwar bereits die größte Eselherde des Landkreises, aber „es langt noch nicht“, findet sie. Die vierbeinigen Sturköpfe sollen nämlich nicht nur ihr selbst Spaß machen: Schmidt setzt ihre Esel seit einiger Zeit erfolgreich zu Therapiezwecken ein. „Für Kinder mit psychischen Problemen“, sagt sie. Mobbing, ADHS, Autismus. Eigentlich arbeitet Schmidt auf Schloss Zinneberg in der heilpädagogischen Tagesstätte. Die Esel-Therapie bietet sie privat an, zusammen mit ihrer Freundin Gabi Ober, 49. Das Angebot soll jetzt größer werden. Gemeinsam mit den Eseln besuchen sie Kindergärten, auch dement kranke, ältere Menschen wollen sie therapieren.

Fünf oder sechs Kinder und Jugendliche besuchen regelmäßig Schmidts Eselfarm. Ramona, 24, kommt jeden Tag. Die „Borderlinerin“ aus Kirchseeon hilft bei der Eselpflege. Auch Susi, 9, und Kevin, 11, sind heute da. Beide sind aus Kirchseeon und beide sind große Esel-Fans. Zuerst darf jeder seinen Lieblingsesel von der Weide holen. Bei Susi ist das „Gina“, Kevin mag „Ludwig“ am meisten. Dann wird fest gestriegelt, gestreichelt und lieb gehabt. „Wir machen oft Spaziergänge. Im Sommer sogar mit einer kleinen Kutsche“, sagt Schmidt. Heute geht es aber zurück auf die Weide. Kevin darf reiten. Das macht der Bub am liebsten. Susi und ihr Esel laufen nebenher. Beide lachen.

Begonnen hat die Eselei in Kirchseeon mit Schmidts 40. Geburtstag. „Mein Mann hat mir zwei Esel geschenkt“, erzählt sie. „Josi“, eine „ganz normale“ graue Hausesel-Stute, war die erste auf Schmidts Weide neben dem Wohnhaus. Die große Wiese samt kleinem Stall hat die Eselbesitzerin von der Nachbarin gepachtet. Die hatte früher einmal eine Landwirtschaft. Eselin „Josi“ ist die Chefin hier, sagt Schmidt. Und das obwohl die Eseldame das kleinste und schmalste Tier ist. Sie hält die Herde zusammen, egal wie viele Tiere es sind. „Eine Zeit lang hatte ich sogar 16 Esel“, sagt Schmidt. Eigene und untergestellte.

Vor zwei Jahren dann musste Sonja Schmidt aber fast alle Esel weggeben, schweren Herzens: Schmidt litt an einer schlimme Augenerkrankung. „Ich habe nicht gewusst, ob ich irgendwann wieder sehen kann“, sagt sie. Gerade so konnte sie sich um die fünf verbleibenden Tiere kümmern, wollte sie aber keinesfalls aufgeben. Die vertrauten Esel gaben ihr Kraft. „Einer eignete sich beim Spazierengehen sogar als Blinden-Esel“, sagt Schmidt. Jetzt geht es ihr besser. „Endlich kann ich die Eselherde wieder vergrößern“, sagt sie. Sie streichelt sanft über „Josis“ weiche Eselnase. Ihre Tiere sollen nun auch anderen helfen.

Schmidts eigene Tochter ist Autistin. Und trotzdem: Die Esel fanden schnell Zugang zu ihr. Da kam Schmidt die Idee: Hippotherapie mit Eseln. Das therapeutische Reiten für psychische und physische Erkrankungen gibt es bereits mit Pferden. Dabei sind Esel dafür viel besser geeignet, findet Schmidt. „Mit Gewalt geht bei den Sturköpfen nämlich nichts. Nur mit gut Willen. Man muss den Esel als Freund gewinnen, sein Vertrauen bekommen.“ Außerdem ist der Esel ruhig, gemächlich. „Man braucht Zeit für ihn. Die Kinder werden dadurch geduldiger und lockerer. Sogar Rabauken werden mit den Tieren ganz sanft“, sagt Schmidt. Esel bedeuten Entschleunigung pur, findet sie.

Carolin Nuscheler

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