Gärtnern gegen den Schmerz

Krebspatient muss für Cannabis-Anbau vor Gericht

Vaterstetten - Die Polizei hat im Reihenhaus von Günther K. in Vaterstetten fast 300 Gramm Cannabisblüten gefunden. Jetzt musste sich der 58-Jährige, der an Krebs leidet und die Droge zur Schmerzbehandlung anbaute, vor dem Ebersberger Schöffengericht verantworten.

Von einem Tag auf den anderen lebt Brigitte H.* in Angst vor ihrem Nachbarn und Vermieter Günther K.* Sie hat Angst davor, dass er ihre Kinder verdirbt, Angst davor, dass seine Umtriebe Einbrecher anlocken, Angst um sich selbst.

Die Mieterin zieht aus, dann zeigt sie ihn an

Bald hält Brigitte H. (53) es nicht mehr aus. Sie kündigt ihren Mietvertrag und zieht mit ihrer Familie weg aus Vaterstetten, weg von ihrem Nachbarn, dem Gefährder. Erst dann traut sich Brigitte H. zur Polizei zu gehen. Mit Günther K. spricht sie nicht. „Ich weiß ja nicht, wie ein Drogendealer reagiert“, sagt sie später aus. Im Wintergarten ihres Nachbarn und Vermieters hatte sie mehrere Hanfpflanzen gesehen, als sie beim Rauchen auf dem Balkon stand.

Keine drei Monate später, im Februar dieses Jahres, schlägt die Staatsgewalt zu. Polizeibeamte durchsuchen das Reihenhaus von Günther K., sie finden die Ernte, fast 300 Gramm Cannabisblüten, auf dem Dachboden. Günther K., Handwerker, 58 Jahre alt, muss vor das Ebersberger Schöffengericht. Es tritt zusammen, wenn eine besonders hohe Strafe im Raum steht. Denn die Herstellung solcher Drogenmengen ist laut Gesetz ein Verbrechen.

Im beigen Hemd sitzt Günther K. nun leicht gekrümmt auf der Anklagebank, korpulent, wenig Haar, und linst hinter dicken Brillengläsern hervor in den Gerichtssaal. Wie ein gefährlicher Drogendealer sieht er nicht aus, als er seine Geschichte erzählt, die mit ihm als Rauschgift-Großproduzenten endete.

"Teilweise fahre ich heim, weil ich es vor Schmerzen nicht mehr aushalte"

Als Handwerker hat er gearbeitet, sein Leben lang. Vor gut zehn Jahren hatte er sich mit einem kleinen Geschäft selbstständig gemacht. Ungefähr gleichzeitig gingen die Schmerzen los. Die Wirbelsäule ist von der Arbeit kaputt, von einer Operation raten ihm die Ärzte ab. Ein Hüftgelenk ist bisher ausgetauscht, das andere ruiniert. Jetzt schmerzt auch noch die Schulter – nicht operabel. Und dann kam auch noch der Krebs.

„Ich nehme am Tag zwei bis drei Schmerztabletten, damit ich gehen und stehen kann“, sagt er. „Mir tun alle Knochen weh.“ In seinem kleinen Betrieb kann er nur gut zwei Tage in der Woche arbeiten. „Teilweise fahre ich heim, weil ich es vor Schmerzen nicht aushalte“, sagt er. Von den vielen verschiedenen Schmerztabletten bekam er je nach Präparat Fieber, Durchblutungsstörungen und sie ruinierten ihm den Magen.

Marihuana gibt es nicht von der Krankenkasse

Irgendwann hat Günther K. dann eine Fernseh-Doku über Israel gesehen, wo in einem Altersheim chronische Schmerzpatienten Marihuana bekommen. In Deutschland ist das nicht so einfach, medizinisches Cannabis zahlt die Kasse nicht, und es kostet bis zu 20 Euro das Gramm – Geld, das Günther K. nicht hat. Er hat 200 000 Euro Schulden, für die Tilgung gehen fast alle Mieteinnahmen aus seinem Haus drauf, sein Betrieb wirft nicht einmal mehr 400 Euro im Monat ab.

Aber Schmerzen hat Günther K. und darum bestellt er im Internet fünf Hanfsamen, die er in seinem Wintergarten in Blumentöpfe steckt. Vier davon gehen auf, wachsen anderthalb Meter hoch. „Ich war schon kurz davor sie wegzuschmeißen,“ sagt er auf der Anklagebank. Es kamen nur Blätter, keine Blüten. Dann klappte es zu seiner Überraschung doch noch mit der Ernte, wenige Tage später stand die Polizei vor der Haustür.

„Ich habe erst auf der Wache erfahren, was das Zeug auf der Straße wert ist“, sagt Günther K. Ans Verkaufen habe er keinen Gedanken verschwendet, er habe nur gewollt, dass die Schmerzen weniger werden.

Das Gericht zeigt Milde

Das Mitleid mit Günter K. ist im Gerichtssaal spürbar. Eigentlich gibt es für solche Drogenmengen mindestens ein Jahr Haft. Doch selbst die Staatsanwältin ist überzeugt davon, es mit einem minderschweren Fall zu tun zu haben und fordert vier Monate Bewährungsstrafe – das ist nahe am absoluten Minimum.

Das Schöffengericht um Amtsrichter Markus Nikol entspricht dieser Forderung in seinem Urteil. Es verhängt keine Geldstrafe und keine Sozialstunden – ohne Geld und mit zerschundenem Körper hätte Günther K. dies ohnehin nicht leisten können, so die Begründung.

Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe (CDU) hat übrigens kürzlich versprochen, dass es Cannabis für chronische Schmerzpatienten ab 2017 auf Kassenrezept geben soll. Dann würden wohl mehr Schmerzpatienten wie Günter K. die Finger vom illegalen Gärtnern lassen.

* alle Namen geändert

Kommentar zum Artikel: "Gebt endlich den Hanf frei!"

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Cannabis-Prozess gegen Krebskranken - Gebt endlich den Hanf frei!

Rubriklistenbild: © dpa

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