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Die erste Hürde ist geschafft: Die ausgewählten Asylbewerber durchlaufen im Berufsbildungsswerk Kirchseeon eine Ausbildung und sollen bald arbeiten.

Ein Besuch im Klassenzimmer

Flüchtlinge werden Lidl-Azubis

Kirchseeon - Im Berufsbildungswerk  Kirchseeon läuft ein vielversprechender Integrationsversuch, der von Lidl unterstützt wird: 25 junge Flüchtlinge bereiten sich auf ihre dreijährige Ausbildung zum Fachlageristen vor. Ein Besuch im Klassenzimmer.

„Nein“, sagt einer der älteren Schüler aufgeregt, steht mit einem Plan in der Hand von seinem Stuhl auf und geht schnell zwei Tische weiter zu einem anderen jungen Mann. „So musst du das machen, so, schau mal“, sagt er und deutet auf das Blatt Papier mit Tabellen und vielen Zahlen.

Agnes Stadler steht im ziemlich unruhigen Klassenzimmer und grinst. Die Sozialpädagogin schreibt Städtenamen an die Tafel. München, Berlin. Es geht um Entfernungen. Eine ähnliche Szene spielt sich in einem anderen Klassenzimmer im Berufsbildungswerk St. Zeno in Kirchseeon ab. Dort kümmert sich Steven Mohns (24) um die Gruppe. Die gleiche Aufgabe wie im anderen Raum. Ein Lkw ist voll beladen mit verschiedenen Waren. Diese müssen an verschiedene Orte in Deutschland gebracht werden. Welche Route ist am besten, am kürzesten? Wie viel Zeit muss ich einplanen? Wie viel Treibstoff wird gebraucht? „Die Lenkzeiten müssen auch eingehalten werden“, meint Ausbildungsleiter Manfred Krumpholz schmunzelnd. Einige Klippen sind zudem eingebaut. Man muss schon wissen, dass Frankfurt am Main und Frankfurt an der Oder zwei verschiedene Städte sind, um die Aufgabe zu lösen.

Ausbildung zum Fachlageristen ist das Ziel

Die jungen Männer bereiten sich auf die dreijährige Ausbildung zum Fachlageristen vor. Alle sind zwischen 18 und 25 Jahre alt, alle sind Flüchtlinge, die im Landkreis Ebersberg untergekommen sind. Sie stammen aus Somalia, Mali, Afghanistan, Sierra Leone und Eritrea. Hinter dem Projekt stecken eine ganze Reihe treibender Kräfte, darunter die Firma Lidl mit ihrem großen Lager in Anzing. Das Unternehmen stelle sich „den Herausforderungen der derzeitigen Flüchtlingssituation“, heißt es aus der Firmenzentrale. Bereits im Jahr 2015 habe man „intensive Prüfungen angestellt, wie der ständige Bedarf nach qualifizierten Mitarbeitern mit einer beruflichen Perspektive für Flüchtlinge in Einklang gebracht werden kann.“ Lidl engagiert in erheblichem Umfang auch finanziell.

Über eine Unternehmensberatung war der Kontakt zum Landkreis Ebersberg entstanden. Zunächst sollte es um so genannte unbegleitete jugendliche Flüchtlinge gehen, wie Christian Salberg, Leiter des Ebersberger Kreisjugendamts erklärt. Er schlug aber vor, junge erwachsene Flüchtlinge bis 25 Jahren für das Projekt auszusuchen. Denen werde nur selten eine Perspektive auf eine fundierte Ausbildung und damit später einen sicheren Job geboten, so sein Argument.

Diese Fragen waren zu klären

Im Vorfeld mussten eine Reihe von Verfahrensfragen gelöst werden, beispielsweise welches Amt, welche Behörde für den jeweiligen Flüchtling in den unterschiedlichen Phasen des Projekts zuständig ist. Einbezogen sind unter anderem die Ausländerbehörde, das Integrationsamt, die Agentur für Arbeit und das Jobcenter. Hilfreich waren dabei persönliche Kontakte der einzelnen Akteure untereinander. So war Salberg vor seinem Wechsel zum Jugendamt im Landratsamt bei der Arbeitsagentur in Ebersberg tätig. Und auch die Verantwortlichen von St. Zeno waren bereits in gemeinsame Projekte eingebunden. Zudem hatte es im Berufsbildungswerk im September vergangen Jahres eine hochkarätig besetzte Veranstaltung gegeben, bei der es um die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt ging. Ein Arbeitsplatz versetze die Flüchtlinge „in die Lage, ihr Leben in Deutschland eigenverantwortlich zu gestalten und biete eine Möglichkeit, sich über die Berufsausübung aktiv in die Gesellschaft zu integrieren“, sagt Salberg. Und BBW-Ausbildungsleiter Krumpholz formuliert: „Die beste Integration ist ein Arbeitsplatz.“

25 Flüchtlinge sollen Ausbildungsplatz erhalten

Im aktuellen Projekt sollen 25 Flüchtlinge aus dem Landkreis einen Ausbildungsplatz bei Lidl erhalten. In einer ersten Runde wurden 99 Asylsuchende ausgewählt. Kriterien unter anderem: mindestens achtjähriger Schulbesuch im Heimatland, Besuch eines Sprachkurses oder Integrationskurses in Deutschland, Besuch eines Berufsintegrationsjahres, hohe Bleibeperspektive, mindestens 15 Monate in Deutschland.

An einem Samstag Ende Januar dann ein sprachlicher Eignungstest durch die Integrationsbeauftragte des Landkreises Ebersberg, Mirjana Simic. 60 junge Männer blieben übrig. Mitte Februar dann zweitägige Tests durch Lidl-Mitarbeiter in einer Jugendherberge. Danach waren die 25 Bewerber gefunden.

Um die Ausbildung auch wirklich zu einem Erfolg zu machen, startete am 1. März, ein Vorbereitungstraining im Berufsbildungswerk in Kirchseeon, dessen Ausbilder sich üblicherweise um Jugendliche mit höherem Förderbedarf auf dem Weg in die Arbeitswelt kümmern. „Wir haben auch Erfahrungen mit Migranten, beispielsweise aus Russland, Nordafrika oder der Türkei“, erklärt Krumpholz. Immer fünf der Anwärter sind quasi zum Praktikum im Lidl-Lager in Anzing, 20 in zwei Gruppen in der „Schule“ in Kirchseeon.

Sprache spielt eine wichtige Rolle

„Die Arbeit ist gar nicht schwierig“, meint einer der künftigen Auszubildenden nach ersten praktischen Erfahrungen. „Aber Deutsch ist schwierig.“ Deshalb spielt die Sprache eine sehr wichtige Rolle. Unterstützt wird das BBW dabei von der Volkshochschule. Dazu kommt in der „Schule“ Sozialkunde samt Informationen darüber, wie das Leben in Deutschland funktioniert, Mathematik, Wirtschaftslehre oder eben fachspezifischere Übungen wie die Routenberechnung für den vollen Lkw. Die jungen Männer sollen fit gemacht werden für die nächsten Schritte. Denn an die Flüchtlinge werden ab September am Ausbildungsplatz die gleichen Anforderungen gestellt, wie beispielsweise an deutsche Jugendliche.

Für die gesamte Dauer der Ausbildung wohnen die jungen Männer in einem Internatsgebäude auf dem Gelände von St. Zeno, in Zwei- und Dreibettzimmern. „Lernen in einer großen Unterkunft mit hundert oder 200 Mitbewohnern geht einfach nicht“, erklärt Krumpholz. Möglichkeiten zum Kontakt mit Jugendlichen, die in St. Zeno eine Ausbildung machen, haben sie beispielsweise im Speisesaal oder beim Sport. „Konflikte gibt es bisher nicht.“

"Es wird anstrengend"

Auch später wird die Ausbildung unterstützt, durch begleitende Maßnahmen, quasi eine erweiterte Nachhilfe. „Das alles aber zusätzlich, am Abend oder am Wochenende. Es wird anstrengend“, so Krumpholz. Von St. Zeno in Kirchseeon nach Anzing wird ein Shuttle-Bus eingesetzt. Teilweise müssen die Flüchtlinge aber auch mit den öffentlichen Verkehrsmittel zurechtkommen. Das bedeutet Umwege und lange Strecken zu Fuß, beispielsweise vom Bahnhof Kirchseeon bis rauf auf den Hügel zum BBW. Manche nehmen inzwischen auch das Fahrrad.

„Das Projekt in Ebersberg steht noch ganz am Anfang“, erklärt Bernd Zimmer, Geschäftsführer des Bildungswerks St. Zeno. Die jungen Menschen müssten sich an ein neues Umfeld, eine neue Gruppe und an die Anforderungen in Integrations- und Berufsvorbereitungskursen gewöhnen. „Hinzu kommt, dass vielen dieser Azubis die Bilder aus ihren Heimatländern und die Strapazen der Flucht noch sehr präsent sind. Zu unserem Integrationsauftrag gehört auch, dass wir die jungen Erwachsenen nicht als Attraktion darstellen wollen, sondern ihnen Raum und Zeit geben, sich an das Hier und Jetzt zu gewöhnen und die Vergangenheit aufzuarbeiten.“

1700 Flüchtlinge im Kreis Ebersberg

Im Landkreis Ebersberg leben derzeit rund 1700 Flüchtlinge, darunter 116 Jugendliche, die ohne Angehörige auf der Flucht waren. Klar ist für Zimmer, dass man für dieses Projekt quasi die Elite ausgewählt hat, die im Gegensatz zu den vielen anderen Flüchtlingen eine gute Chance erhalten. Für die anderen, die übrig blieben, die Mehrheit, hätte man noch keine Lösung. „Aber wir müssen einmal anfangen.“

Bei Lidl ist man zuversichtlich: „Wir freuen uns, mit den 25 jungen Erwachsenen freie Lehrstellen besetzen zu können. Mit unserer hochwertigen Ausbildung stellen wir die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens sicher. Mit den motivierten Nachwuchskräften des Pilotprojektes gewinnen wir am Standort tatkräftige Unterstützung für die Versorgung der Region“, so die Personalleiterin der Lidl-Regionalgesellschaft München, Kinga Kökény.

Den Flüchtlingen ist klar, das sie noch einiges vor sich haben. Darüber wurden viele Gespräche mit den Betreuern geführt, um die Abbrecherquote so gering wie möglich zu halten. Aber wie einer der jungen Männer erklärt, will er seine Familie zuhause unterstützen. Derzeit reicht das Geld dafür nicht aus. „Da brauche ich eine gute Arbeit.“ Andere Träume gibt es auch, wie ein weiterer junger Mann erzählt: Selbständig sein, eine eigene kleine Wohnung, heiraten, Kinder, aber erst später. Zuerst ein guter Job und zuvor die Ausbildung.

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