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Jutta Sirotek (62), die Kandiatin für den Vorsitz, hat einen Neuanfang vor. Jutta Sirotek will nach ungemütlichen Zeiten für die Zornedinger CSU endlich wieder Kommunalpolitik machen.

Jutta Sirotek im Interview

"Im Nachhinein ist man immer schlauer"

Zorneding - Am Montag, 2. Mai, wählt der CSU-Ortsverband Zorneding eine neue Vorstandschaft – für ein Jahr. Jutta Sirotek stellt sich der Verantwortung und tritt zur Wahl an. Wir sprachen mit ihr über Führungsstil, die Abgrenzung der CSU nach rechts und Humanität.

Seit November führt Jutta Sirotek (62) die Zornedinger Christsozialen kommissarisch. Damals war die langjährige Vorsitzende Sylvia Boher von ihrem Amt zurückgetreten. Sie hatte in der CSU-Ortsbroschüre „ZornedingReport“ einen hetzerischen und fremdenfeindlichen Artikel veröffentlicht. Danach folgte das „Neger“-Zitat von Gemeinderat und Ortsverband-Stellvertreter Johann Haindl gegen den aus dem Kongo stammenden Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende. Der Geistliche verließ später nach rassistischen Morddrohungen die Gemeinde. Haindl zog schnell die Konsequenzen. Bei Boher war dies schwieriger. Den Ortsvorsitz gab sie auf, andere Parteiämter behielt sie. Erst seit vergangenem Wochenende lässt sie diese ruhen. Jutta Sirotek stellt sich der Verantwortung und tritt zur Wahl an. Wir sprachen mit ihr über Führungsstil, die Abgrenzung der CSU nach rechts und Humanität.

Frau Sirotek, warum tun Sie sich das an?

Jutta Sirotek: Laut Geschäftsordnung hat der stellvertretende Vorsitzende die Aufgabe, das Amt zu übernehmen. Dem kann man sich nicht entziehen. Ich war die einzige sozusagen „unbelastete“ Stellvertreterin. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist Verantwortungsgefühl und das Interesse, politisch zu arbeiten.

Das war die Übernahme des Vorsitzes, als Sylvia Boher im November zurückgetreten ist. Jetzt aber kandidieren sie erneut?

Sirotek: Es ist für mich logisch, dass ich zumindest noch ein Jahr bis zum Ende der regulären Wahlperiode das Amt weiter führe. Ich habe als Vorsitzende eine Verantwortung. Ich bin praktisch eine Interimsmanagerin, bis jemand kommt, der jünger ist und das machen will. Die Arbeit, die ich bisher zusammen mit dem restlichen Vorstand gemacht habe, war eine Phase der Konsolidierung, eine Zeit, um wieder Ruhe reinzubringen. Ab jetzt ist es wichtig, zusammen wieder Themen zu bearbeiten in einer neuen Aufstellung im Vorstand mit neuen Gesichtern. Was in einem Jahr ist, das sieht man dann, das ist noch offen. Natürlich sind diejenigen noch nicht gewählt, die der bisherige Vorstand vorschlagen wird. Da müssen wir erst den Montag abwarten.

„Dass alles zum Schluss so wahnsinnig hoch gekocht ist, war zum Teil pressgesteuert.“

Nochmal ein Blick zurück auf den Auslöser der schwierigen Situation: Zunächst kamen die hetzerischen Äußerung der ehemaligen Vorsitzenden und Gemeinderätin Sylvia Boher, dann das „Neger“-Zitat von Gemeinderat und Stellvertreter im CSU-Vorstand, Johann Haindl und dann der Rücktritt von Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende nach rassistischen Drohungen . . .

Sirotek: Dass dies alles zum Schluss so wahnsinnig hochgekocht ist, auch international, war in meinen Augen zum Teil pressegesteuert. In den Zeitungen und im Internet wurde alles sofort verquickt. Das wurde nicht hinterfragt. Ich habe auch gehört, dass es Konflikte innerhalb der katholischen Gemeinde gab. Ich war nicht mehr involviert, ich gehöre seit zwei Jahren nicht mehr dem Pfarrgemeinderat an. Ich habe mit dem Pfarrer nicht darüber gesprochen. Es gab sicher verschiedene Auslöser für seinen Abschied. Aber damit das klar ist und ich nicht falsch verstanden werde: Erstens: Letztendlich waren es die rassistischen Drohungen. Ein Schreiben von Leuten, die einen nach Auschwitz schicken wollen, erschüttert jeden, auch wenn er ein noch so starkes Nervenkostüm hat. Zweitens: Ich nehme Frau Boher nicht in Schutz und stehe in keiner Weise hinter ihren Äußerungen.

Meinen Sie, wenn die Unterstützung in der Gemeinde für den Pfarrer größer gewesen wäre, wäre er dann geblieben?

Sirotek: Das ist eine hypothetische Frage, die ich so nicht beantworten kann. Ich kann das nur von außen sehen und hatte das Gefühl, dass die Pfarrgemeinde ihn unterstützt. Unsere Gesellschaft ist im Moment sehr sensibel geworden, was nicht negativ gemeint ist. Wenn diese ganzen Faktoren nicht zusammengewirkt hätten, also auch zeitlich, dann wäre das Echo nicht so groß gewesen. Ich bin gar nicht gegen das große Echo. Das ist nur eine Beobachtung und führt zu der Aufgabe, darüber nachzudenken, die Gesellschaft richtig wahrzunehmen.

Unabhängig davon wie groß das Echo war, ändert das doch nichts an der Tragweite der Vorkommnisse, ändert das nichts an den Äußerungen Bohers, an den Äußerungen Haindls und an den Folgen bis hin zum Rückzug des Pfarrers. Das steht doch alles in einem Zusammenhang.

Sirotek: Sie wollen jetzt darauf hinaus, dass man gewöhnt ist, wenn das Echo nicht so groß ist, dann passiert auch nichts. Das ist wahrscheinlich oft genug der Fall. Ich sehe das nicht so. In einem persönlichen Gespräch als kommissarische Vorsitzende habe ich mich für die Äußerungen von Herrn Haindl und Frau Dr. Boher sofort bei Pfarrer Ndjimbi-Tshiende entschuldigt. Vieles passiert auch intern. Und was dabei herauskommt ist nicht jedermanns Geschmack. Aber es ist schon klar: Die Äußerungen von Frau Boher waren der Auslöser. Und ich habe mich klar von Frau Boher distanziert und meine dies auch so.

Ein großer Teil der Aufregung entstand dadurch, dass die CSU, auch auf höheren Ebenen im Kreis und im Bezirk, nach den Boher-Äußerungen sehr zögerlich reagiert hat. Da hieß es zunächst beispielsweise, es gebe Meinungsfreiheit. Die Geschichte hat sich aber immer weiter aufgeschaukelt. Dann wurde Boher zum Rücktritt als Vorsitzende gedrängt, das Gemeinderatsmandat hat sie aber behalten. Die CSU ist mit Boher weiter in den Schlagzeilen. Hätte da früher und klarer reagiert werden müssen?

Sirotek: Hätte, hätte. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Vorsitz habe, den ich zurückgeben kann, oder ob ich ein von der Bevölkerung gewähltes Amt habe. Das wird oft nicht verstanden, das ist auch juristisch ein Unterschied. Ich kann auch nicht sagen, der Vorstand hat beschlossen, du bist nicht mehr Vorsitzende. Das geht nur bei einer Wahl. Man kann einen Vorsitz nur persönlich zurückgeben. Da ist auch nicht die Frage, ob freiwillig oder nicht. Das gilt auch für das Gemeinderatsmandat. Der CSU-Vorstand hat Frau Boher aufgefordert, ihr Gemeinderatsmandat abzugeben.

Und wo stehen Sie persönlich?

Sirotek: Ich stehe voll hinter den getroffenen Entscheidungen. Ich bin von Beruf Mediatorin und versuche in meinem Vorstand, die anderen mitzunehmen. Das heißt aber natürlich nicht, dass ich mir alles gefallen lassen.

"Ein demokratischer Staat ohne Ehrenamt als Pendant funktioniert nicht"

Erstaunlich war doch, dass sich mit den Konflikten um die unbegleiteten Flüchtlinge im Eschenhof in Zorneding eine breit aufgestellte Helferstruktur entwickelt hat. Und dann kamen die hetzerischen Sprüche von Sylvia Boher inklusive deren Folgen. . .

Sirotek: Das muss man differenzieren. Der Aufbau und die Arbeit des Helferkreises zeigen, dass in den Menschen unheimlich viel Sozialkompetenz steckt. Es zeigt auch, dass die Zivilgesellschaft fähig ist, den Staat dort zu unterstützen, wo er zunächst überfordert ist. Ein demokratischer Staat ohne Ehrenamt als Pendant funktioniert nicht. Wenn ich sage: Staat, du bist für alles verantwortlich, dann muss ich dafür eben zahlen, dann gebe ich alles ab. Wenn ich eigenverantwortlich stehen können will, dann muss ich mich auch gesellschaftlich einbringen, wenn ich kann. Zweiter Punkt: Wir haben inzwischen eine sehr komplizierte Welt. Je komplexer die Welt, desto schwieriger die Entscheidungssuche für einen selber, desto größer der Wunsch, dass einem jemand eine schnelle und plausible Antwort gibt. Aber das funktioniert nicht. Die einfachen Antworten gibt es nicht.

Und was bedeutet das für Sie als Ortsvorsitzende zum Thema Flüchtlinge?

Sirotek: Wir müssen uns darüber unterhalten: Wo wollen wir als CSU stehen? Was ist denn die Mitte? Was sind unsere Kennzeichen, unsere Werte? Um die Mitte kämpfen mehrere Parteien. Also muss ich mir ein Alleinstellungsmerkmal schaffen. Es geht um Positionen. Ich kann in der Flüchtlingsfrage sagen: Wir brauchen Humanität, kommt alle rein, wir sind das Paradies, wir sind alle für Euch da. Ich kann aber auch sagen, Humanität bedeutet: Ihr seid jetzt da, ich schau, dass es euch akzeptabel, menschenwürdig gut geht. Der Kampf geht darum, eine Grenze zu setzen. Wie weit geht unsere Humanität? Was können wir leisten, was wollen wir leisten? Wir brauchen da auch einen Realitätscheck.

Sie haben zuvor die Presse und die modernen Medien, sprich Internet, dafür mitverantwortlich gemacht, dass Themen sehr schnell hochkochen...

Sirotek: Das ist oft ein modernes, permanentes Haberfeldtreiben, das teilweise völlig unreflektiert ist. Das meine ich jetzt nicht nur in Bezug auf die Vorkommnisse in Zorneding, sondern allgemein. Es ist schon noch ein Unterschied zwischen der seriösen Presse und dem, was dann in den Kommentaren im Internet abläuft. Das gehört alles zusammen inzwischen zu der modernen Medienwelt. Und wehe dem Verlag oder der Zeitung, die so etwas nicht hat. Da wird man ganz schnell als antiquiert hingestellt und abgetan. Aber jeder kann sich im Internet erlauben, alles hinzukotzen. Das geht an die Substanz aller, die damit zu tun haben. Da sind alle Akteure, auch die Journalisten, Getriebene und Gezogene gleichermaßen.

Was sind die Auswirkungen?

Sirotek: Es stellt sich die Frage, was man noch öffentlich sagen kann. Äußere ich mich nur noch plakativ in hohlen Phrasen, dann heißt es: Die hat nichts zu sagen. Äußere ich mich konkret, dann hast du im Internet schnell so viele Gegner, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Natürlich kann man sagen, mit so einer Einstellung braucht sie nicht in die Politik gehen. Aber mit welcher Einstellung soll man denn überhaupt noch Politik machen? Haut einer drauf, ist es nicht richtig, ist man vorsichtig, passt es auch nicht.

„Wir haben als CSU nun mal ein C drinnen im Namen und ein S.“

Aber wenn man Politik richtig machen will, zumindest auf kommunaler Ebene als Ortsvorsitzende einer Partei, dann muss man doch auch nach außen gehen, vielleicht auch mit der ganzen Persönlichkeit. Man ist ja nicht ein Drittel Politiker und der Rest ist etwas ganz anderes, ein ganz anderer Mensch.

Sirotek: Das ist natürlich richtig. Ich bin seit November im Amt. Ich war zwar als Stellvertreterin bisher auch mit dabei. Aber nicht voll in alles eingebunden. Da könnte der Eindruck entstehen, ich sei etwas naiv. Ich komme eben aus der Bildung und habe auch eine andere Auffassung von Politik. Ich frage eher nach, was sind denn meine Inhalte, wo stehe ich, was kann ich denn davon ableiten. Wo sind die Themen? Da geht es um grundsätzliche Positionen. Ich bin auch Mitglied einer Partei und wir haben als CSU nun mal ein C drinnen im Namen und ein S. Die CSU hat sich vielleicht zu eng gemacht, hat sich zu sehr auf die Wirtschaftskompetenz konzentriert. Jetzt muss man auch wieder etwas anderes besetzen. Beispiel Klimawandel. Schöpfungsauftrag. Das ist aber schon mindestens seit 2000 Jahren zu lesen. Da entstehen doch Handlungsprämissen, egal auf welcher politischen Ebene man aktiv ist. Wir sind eine Volkspartei. Wir brauchen auch die Auseinandersetzung um soziale Themen. Wir müssen besonders als Christen eine Gerechtigkeitsdebatte führen. „Laudato si“ von Papst Franziskus gibt da gute Impulse, die ich als Politiker und als Politikerin aufnehmen kann.

Wie wollen Sie aber so etwas in einem Ortsverein einbringen, der doch in den vergangenen Monaten den Eindruck erweckte, wegen der Äußerungen Bohers zerstritten zu sein. Sie hatten auch prominente Parteiaustritte.

Sirotek: Sicher. Angelika Burwick, die Vorsitzende des Helferkreises. Ich persönliche habe mit ihr ein gutes Verhältnis. Der CSU-Ortsverband war im März dieses Jahres vor Ort und hat sich die Asyl-Unterkunft angesehen und mit einigen aus dem Helferkreis und Asylbewerbern selber gesprochen. Es waren nicht so viele Austritte. Und wir haben inzwischen auch wieder neue Mitglieder. Der Ortsverband ist nicht zerstritten, aber wir haben natürlich unterschiedliche Meinungen. Wir haben in den vergangenen Monaten gute Arbeit geleistet. Nach innen haben wir große Fortschritte gemacht. Das müssen wir auch nach außen tragen. Das ist aber die Aufgabe des neuen Vorstandes nach der Wahl. Es wird auch eine spannende Frage, wie der Vorstand künftig mit der Fraktion im Gemeinderat zusammenarbeitet. Wo sind die Schnittmengen, wo sind die Unterschiede?

Was wäre denn für Sie ein zentrales Thema in der Gemeindeentwicklung?

Sirotek: Beispielsweise die Gestaltung das Ortszentrums. Da hätte ich schon einige Visionen. Das ist dann aber letztendlich eine Aufgabe für die Fraktion im Gemeinderat. Nicht nur innerhalb des Ortsverbandes müssen wir tatsächlich eine Diskussion führen über die Ausrichtung der CSU. Das muss auch vor Ort geschehen. Es geht auch angesichts der Vorkommnisse um Boher um die Frage, wo steht die CSU und wo ist ihre rechte Grenze? Ich für mich habe es beantwortet.

Und das wollen sie alles innerhalb eines Jahre in ihrer Amtszeit als „Interimsvorsitzende“ machen?

Sirotek: Ich kann es anstoßen. Mir macht diese Arbeit Spaß.

Wird diese Arbeit nach der Wahl mit Boher sein oder ohne sie? Anders gefragt: Wenn Boher kandidiert und in den Vorstand gewählt wird, wollen Sie dann Vorsitzende sein?

Sirotek: Ein klares Nein. Die Realität hat diese Frage aber überholt.

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