Noch sind die Regale gut gefüllt im Filmverleih von Jasmin Casagranda. Bis Mitte September sollen sie leer sein.

Immer mehr Internet-Medien 

Letzte Videothek im Landkreis schließt

Altenerding – Bereits seit einigen Jahren sterben Filmverleihe langsam, aber sicher aus. Jetzt schließt auch die letzte Videothek im Landkreis ihre Pforten.

von Julia Adam

Ein Viertel Jahrhundert lang war „World of Video“ an der Max-Planck-Straße die Anlaufstelle für Filmliebhaber aus dem ganzen Landkreis. In einem Videobus konnten vor 25 Jahren erstmals Filme in Erding ausgeliehen werden. Seit vier Jahren geht es jedoch steil bergab, wie Betreiberin Jasmin Casagranda bedauert. Der Grund: Netflix, Amazon & Co.

„Heutzutage wird doch alles online gemacht. Man bekommt mittlerweile die neuesten Filme ganz einfach im Netz, legal und illegal“, erklärt Casagranda im Gespräch mit der Heimatzeitung. Vor allem Jugendliche setzen seit vielen Jahren keinen Fuß mehr in die letzte Videothek des Landkreises. „Das Durchschnittsalter meiner Kunden beträgt 35 Jahre“, weiß Casagranda. Sie kennt ihre Filmzentrale wie die eigene Westentasche. Und auch die Vorlieben der Erdinger sind ihr durchaus bekannt. „Sie sind richtige Horrorliebhaber. Normalerweise sind Komödien immer am beliebtesten, aber die sind in Erding relativ schlecht gelaufen.“

Auch der Erotikbereich, der, von einer Trennwand abgeschirmt, nur gegen Vorlage des Personalausweises betreten werden darf, sei gemieden worden. Während der Erwachsenenbereich in zahlreichen Filialen die Haupteinnahmequelle gewesen sei, habe bei den Landkreisbürgern von Anfang an eine Hemmschwelle bestanden. „Außerdem habe ich in dieser Abteilung nur Kunden im Alter von 50 aufwärts, die Jugend schaut das heute alles im Internet an“, sagt die Betreiberin.

Einfach die Segel gestrichen hat Jasmin Casagranda keinesfalls. Wie eine Löwin habe sie um den Erhalt von „World of Video“ gekämpft. „Als immer mehr Filmverleihe geschlossen haben, habe ich gehofft, dass diese Kunden dann zu mir kommen, aber das war nicht der Fall.“ Werbung, Sonderangebote und Tauschaktionen waren alles andere als erfolgreich. Innerhalb von zweieinhalb Jahren musste die Anzahl der Angestellten von acht auf lediglich eine Mitarbeiterin gesenkt werden. „Es geht einfach nicht mehr, auch wenn das wirklich traurig ist“, erklärt die 48-jährige Münchnerin.

Bereits seit 25 Jahren ist der Filmverleih Jasmin Casagrandas Leben. Neben Erding war sie die Betreiberin von 24 anderen Videotheken in ganz Oberbayern. Nach und nach mussten alle geschlossen werden. Erding ist die Letzte der „World of Video“-Filialen. Wie es jetzt für sie und ihre Mitarbeiterin weitergeht, weiß Casagranda nicht. Auch ihre Stammkunden seien ratlos. „Die sind natürlich traurig. Der nächste DVD-Verleih ist in München.“

Stammkunde Drazen Fürst aus Berglern bestätigt Casagrandas Aussage. „Ich bin ein totaler Filmliebhaber. Vor allem Action und Fantasy schaue ich gerne. Das wird jetzt wohl ein Ende haben“, sagt der 38-Jährige. Die Filme online anzuschauen kommt für ihn nicht in Frage. „Ich bin eher der Retro-Typ“, begründet er. Andere ehemalige Kunden haben schlicht und einfach nicht die Möglichkeit, auf die Online-Version zurückgreifen. „Es sind viele aus dem Erdinger Umland gekommen. Da ist das Netz meistens viel zu schwach“, erklärt Jasmin Casagranda.

Ein kleiner Trost: Ab sofort startet der Ausverkauf in der Videothek. Alle DVDs und Blu-Rays sind zwischen zwei und 5,90 Euro erhältlich. Neben dem ältesten Film, der Originalfassung von Sissi aus dem Jahr 1960, können sich die Filmkenner einen Vorrat aller Filme der vergangenen 20 Jahre zulegen. Und auch die Erotikabteilung soll geräumt werden. „Da gibt es auch noch ganz alte Klassiker wie die Filme mit Dolly Buster. Auch die mit Tatort-Kommissarin Sibel Kekilli haben wir. Die sind sonst gar nicht mehr erhältlich“, empfiehlt Casagranda.

Bis Mitte September soll der Laden leer sein. Dann wird ein neuer Mieter für die 150 Quadratmeter große Fläche gesucht.

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