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Das „Horrorszenario“ vor Augen: Georg Brandhuber in seinem Büro. An der Wand ein Foto einer Lärmschutzwand in Ampfing und eine Kopie des Stadtratsbeschlusses, der nach Meinung des BI-Sprechers bis heute nicht vollzogen wurde.

Kampf gegen Bahnausbau mit Lärmschutzwänden

Der Don Quijote von Dorfen gibt nicht auf

Dorfen - Er ist 75 Jahre alt und eigentlich im Ruhestand. Doch genießen kann Georg Brandhuber diesen nicht. Der Dorfener kämpft für seine Heimat, will die Stadt vor der „größten Verschandelung aller Zeiten“ durch den Bahnausbau bewahren. Viele zollen ihm Respekt. Andere belächeln ihn.

Die Welt des Georg Brandhuber hat sich in den vergangenen Jahren gewaltig verändert. Als der Dorfener vor zehn Jahren seine Rolladenbau-Firma verkaufte, freute sich Brandhuber auf den Ruhestand. Endlich mehr Zeit für die Familie, für Hobbys und Reisen. Doch das rosige Rentnerdasein gab Brandhuber vier Jahre später abrupt auf. In Ampfing hatte Brandhuber ein Erlebnis, das ihn nachhaltig veränderte. Es waren riesige Wände entlang der Bahnlinie, die den Dorfener irritierten. Es handelt sich um Lärmschutzwände, die im Zuge des zweigleisigen Bahnausbaus aufgestellt wurden. Dem Rentner war schnell klar, dass solche Lärmschutzmaßnahmen auch Dorfen beim zweigleisigen Ausbau drohen.

Brandhuber versuchte die Dorfener Politiker für dieses Thema zu sensibilisieren. Doch im Rathaus und in den Parteien interessierte dies „niemand wirklich großartig“, erinnert sich der 75-Jährige. „Ich hab’ mir gedacht: des derf doch ned sei.“ Zuzusehen, wie Dorfen im Zuge des Bahnausbaus durch eine Lärmschutzmauer geteilt und verschandelt wird, das wollte Brandhuber nicht. Er gründete die Bürgerinitiative „Für einen Bahnausbau ohne Mauern und Schranken“. Er, der sein Leben lang unpolitisch war, wurde jetzt politisch. Schnell fand Brandhuber in der Bevölkerung Unterstützer. Mehr als 4000 Menschen sind es bis heute, die sich mit ihrer Unterschrift gegen den geplanten Bahnausbau in Dorfen mit Lärmschutzmauern und Über- und Unterführungen aussprechen.

Anfangs bestand noch Konsens zwischen der Bürgeriniative und Dorfener Lokalpolitikern. Auch Bürgermeister Heinz Grundner war noch mit im Boot. Doch das Verhältnis ist erst schleichend, später rasant schlechter geworden. Denn Brandhuber prangerte immer wieder die seiner Meinung nach „Tatenlosigkeit“ der Stadt im Umgang mit der Bahn an. Exemplarisch macht Brandhuber das an einer Aussage von Stadtchef Grundner fest, wonach die Bahn nichts von Dorfen wolle, „sondern wir von der Bahn“.

Heute sagt Brandhuber dazu: „Mein lieber Schwan, der verwechselt Täter und Opfer.“ Schließlich wolle nicht Dorfen den zweigleisigen Ausbau, sondern die Bahn, die damit jährlich durch den Güterverkehr auf der Strecke hunderte Millionen Euro verdienen wolle. Für Brandhuber steht fest: Stadtchef Grundner „ist koa Burgamoasta, sondern a Bahnmoasta.“

Keine Angst vor der Obrigkeit

Das Tischtuch zwischen der Bürgerinitiative, Bürgermeister Grundner und großen Teilen des Stadtrates ist längst zerschnitten. Zu oft und zu heftig hat Brandhuber die Lokalpolitiker kritisiert und verbal abgewatscht. Und Brandhuber ist hartnäckig: Er lässt sich nicht einlullen, neigt bei seiner Überzeugungsarbeit zu missionarischem Eifer.

Den 75-Jährigen ärgert, dass 19 Anschreiben und Anträge der BI Bahnausbau vom Bürgermeister „einfach nicht beantwortet wurden“. Auch einen Bürgerentscheid – „gedacht als Weckruf zur Besinnung auf Planung in menschenfreundlichen Dimensionen“ – lehnten Grundner und der Stadtrat ab. Angst vor der Obrigkeit hat der Dorfener nicht. Gegen Grundner hat Brandhuber vergangenes Jahr eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingelegt. Gegen das Landratsamt, dass diese verworfen hat, heuer eine Beschwerde bei der Regierung von Oberbayern. Die Retourkutsche erfolgte prompt: Die CSU-Stadtratsfraktion forderte Brandhuber auf, als BI-Sprecher zurückzutreten. Seine Vorwürfe gegen Grundner seien „ehrenrührig“.

Doch Brandhuber ist auch davon unbeeindruckt. Er macht weiter. Er war zwar Mitte vergangenen Jahres schon einmal zurückgetreten, hatte dann aber kurz darauf den Rücktritt vom Rücktritt vollzogen – In der Bürgerinitiative wollte niemand seine Nachfolge antreten. Das Verwirrspiel geht seither trotzdem weiter. Der Stadtrat richtete Wochen nach Brandhubers Rücktritt vom Rücktritt einen Arbeitskreis Bahnausbau ein, dem auch zwei Vertreter der Bürgerinitiative angehörten. Diese sind aber Ende 2015 aus dem Arbeitskreis ausgetreten – weil ihnen von der Stadt ihrer Meinung nach wichtige Informationen vorenthalten werden.

Brandhuber ist heute immer noch das, was er schon immer war. Der Gründer einer Bürgerinitiative, der einen fast einsamen Kampf für den Schutz seiner Heimat führt. Er kann sich zwar auf 4000 Unterstützer berufen, doch von denen tritt öffentlich kaum einer in Erscheinung.

Doch Brandhuber stört das nicht sonderlich – auch nicht, dass man ihm vorwirft, er führe wie Don Quijote einen Kampf gegen Windmühlen. Er setzt auf Argumente – und die hält er für stichhaltig.

Brandhuber ist überzeugt davon, dass die Deutsche Bahn bei der für Dorfen geforderten Troglösung mit falschen Zahl agiert. 80 Millionen Euro setzt die Bahn pro

Stadt vertraut der „Bahn blindlings“

Kilometer Trog in einer Tiefe von 3,5 Meter an. Gutachter der Bürgerinitiative berechnet dagegen nur 30 Millionen Euro. Bei einer geforderten Troglänge von 3,5 Kilometern setze die Bahn hier mit 240 Millionen Euro 150 Millionen Euro zuviel an.

Für Brandhuber steht außer Zweifel, dass der Bahnausbau mit der von der Bürgerinitiative geforderten Troglösung nicht teurer würde, als der von der Bahn geplante mit Lärmschutzwänden und sieben Brückenbauten im Bereich Dorfen. Maßlos ärgert den Dorfener, dass sich der Stadtrat mit den von der BI vorgelegten Kostenschätzungen nicht auseinandersetzt – und stattdessen „blindlings auf die Bahn vertraut“. Hinzu kommt, dass ein 2013 einstimmig gefasster Stadtratsbeschluss nach Ansicht Brandhubers bis heute nicht vollzogen wurde. Darin wurde unter anderem festgelegt, dass die Stadt eine Tunnel- oder Troglösung fordere und keine Kreuzungsvereinbarungen zur Beseitigung von Bahnübergängen unterzeichne. Gegen erlassene Planfeststellungsbeschlüsse solle die Stadt klagen. Ferner sollte die Stadt ein unabhängiges Planungsbüro mit einer vergleichbaren Kostenschätzung beauftragen.

Fakt ist: Die Stadt hat Kreuzungsvereinbarungen unterschrieben, gegen Planfeststellungsbeschlüsse zu spät Rechtsmittel eingelegt. Eine vergleichende Kostenschätzung wurde in Auftrag gegeben – allerdings „unter falschen Voraussetzungen“, wie Brandhuber betont. Anstatt der geforderten Troglösung habe das von der Stadt beauftragte Planungsbüro die Bahnpläne mit einem wesentlich kostenintensiveren Tunnelbauwerk verglichen. Und noch eines kann der BI-Sprecher nicht verstehen: Die Stadt nimmt die Schließung der Ziegelei Meindl nicht zum Anlass, den Bahnausbau neu zu überdenken. Nach Meinung Brandhubers würde ein Ausbau auf Meindl-Grund viel erleichtern. So würden durch eine südliche Verschiebung der Gleise unter anderem die Kosten für den so genannten Bau unter rollendem Rad wegfallen.

Bis zur Fertigstellung des neuen Gleisbettes könnte das bestehende weiter genutzt werden. All das zeige, dass weder Bürgermeister Grundner noch der Stadtrat die Dimension erkennen würde, um die es beim Bahnausbau gehe. „Was da geplant ist, ist eine Versündigung an Mensch und Natur“, konstatiert der Dorfener und kann es kaum fassen.

Bürgerversammlung am Dienstag

Der Kampf gegen die Verschandelung Dorfens hat bei Brandhuber mittlerweile auch zu gesundheitlichen Problemen geführt. Er sollte sich eigentlich nicht mehr aufregen. Doch das Thema Bahnausbau „ist zu meinem Lebensthema geworden“, sagt der Dorfener. Und so wird er am kommenden Dienstag wieder aktiv werden. Die Deutsche Bahn stellt bei einer Bürgerversammlung im Jakobmayer-Saal ab 19 Uhr die Vorplanungen zum Ausbau vor. Brandhuber ist seit Wochen mit seinen ganz eigenen Vorbereitungen dazu beschäftigt. Die Bürgerinitiative will auf Tafeln ihre Sicht der Dinge darstellen und aufzeigen, dass Bahn und Stadt mit falschen Zahlen argumentieren.

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