Vor Gericht

Schulbuben in Sex-Falle gelockt

Dorfen - Es war wie eine Sucht: Mit perfider Masche hat ein 20-jähriger Azubi aus Dorfen Schulbuben sexuell gefügig gemacht. Die Quittung dafür: Viereinhalb Jahre Jugendstrafe und Unterbringung in einer Psychiatrie.

Mit dem Verhalten eines Drogensüchtigen sei der sexuelle Missbrauch von Schulbuben durch den 20-jährigen Kraftfahrer-Azubi zu vergleichen, sagte der Vorsitzende Richter der Jugendkammer beim Landgericht bei der gestrigen Verhandlung. Das Gericht verhänge unter anderem für Nötigung und schweren sexuellen Missbrauch eine Jugendeinheitsstrafe von viereinhalb Jahren und die Unterbringung in einer Psychiatrie. Laut Anklage nahm der 20-Jährige, der zunächst im südlichen Anhalt, ab November 2014 dann in Pfaffing (Kreis Rosenheim) und schließlich ab April 2015 in Dorfen wohnte, von September 2014 bis September 2015 mit mindestens 20 Buben im Alter zwischen elf und 15 Jahren über Facebook, WhatsApp oder per Telefon Kontakt auf und forderte in den meisten Fällen von ihnen, sich selbst zu befriedigen. Das geschah zum Teil bei direkten Treffen mit ihm, zum Teil bei Skype-Kontakten, oder er verlangte die Übersendung von Videos.

Um seine perversen Ansinnen durchzusetzen griff der Azubi in den überwiegenden Fällen zu perfiden Drohungen. Allerdings weigerten sich die von ihm kontaktierten Buben zum Teil, seinen Forderungen nachzukommen. Andererseits zwang er drei seiner Opfer zu persönlichen Treffen, bei denen er sie zu sexuellen Handlungen missbrauchte. Insgesamt warf die Anklage dem 20-Jährigen unter anderem. 30 Fälle der Nötigung, in fünf Fällen davon mit sexuellem Missbrauch von Kindern und in weiteren drei Fällen davon schweren sexuellen Missbrauch von Kindern sowie eine Vielzahl versuchter sexueller Nötigungen vor.

Auf sechs DIN A4-Seiten waren in der Anklage zum Teil haarsträubende Übergriffe aufgelistet. So beispielsweise der Fall eines 14-Jährigen aus dem Februar 2015, mit dem er von Pfaffing aus über Facebook und WhatsApp Kontakt aufgenommen und – wahrheitswidrig – behauptete, der Bub habe von seiner Cousine kompromittierende Bilder und Videos verlangt. Als „Gegenleistung“ forderte er Videos, auf denen sich der Schüler nackt präsentieren und selbst befriedigen sollte.

Täter räumt Vorwürfe ohne Abstriche ein

Der Bub kam dieser Forderung nach und war in der Falle: In der Folgezeit musste er noch zehn weitere derartige Videos liefern, weil ihm der 20-Jährige auch damit drohte, die bereits gelieferten Videos ins Netz zu stellen.

Anderen Buben drohte er damit, dass er zu ihnen nach Hause und in die Schule kommen, zur Polizei gehen werde oder sie was „auf die Fresse“ bekämen. Einen Zwölfjährigen verwickelte er in einen Chat über sexuelle Themen, forderte von ihm dann ein Nacktfoto und später persönliche Treffen, bei denen er den Buben zum Oral- und Analverkehr zwang.

Vor der als Jugendschutzgericht tagenden Jugendkammer räumte der Azubi die Anklagevorwürfe ohne Abstriche ein. Er habe sich die Buben anhand ihrer Profile im Internet mehr oder minder wahllos ausgesucht. Die von ihnen gelieferten Videos und Bilder habe er sich angeschaut und dann weitgehend wieder gelöscht.

Auf den Vorhalt, dass er noch weitergemacht habe, als bereits die polizeilichen Ermittlungen und Vernehmungen gelaufen seien, gab er freimütig zu: „Da war mir schon alles egal.“ Das resultierte daraus, dass er bereits 2014 von seinem damaligen Heimatgericht in Köthen wegen einer Vielzahl von gleichgelagerten Missbrauchsfällen zu einer Jugend-Bewährungsstrafe von 18 Monaten verurteilt und ihm eine Therapie auferlegt worden war.

Die vierwöchige Therapie beendete er regulär in einer Wasserburger Einrichtung. Bei der anschließenden ambulanten Fortsetzung gab es allerdings Schwierigkeiten: In der Fachambulanz, so der 20-Jährige, sei es „keine richtige Therapie“ gewesen. Als als er dann einen neuen Therapeuten gefunden habe, sei es für eine Wende schon zu spät gewesen. Er sei erneut verhaftet worden. Über die psychischen Folgen für seine Opfer, so der Azubi, habe er sich damals keine Gedanken gemacht: „Erst in der Haft habe ich registriert, wie scheisse das war.“

Richter: Möchte nicht in seiner Haut stecken

Die Jugendschutzkammer blieb beim Strafmaß erheblich unter dem Antrag von Staatsanwältin Barbara Keimel, die eine Jugendeinheitsstrafe (die Vorstrafe einbezogen) von sechseinhalb Jahren und die Unterbringung beantragt hatte. Die Verteidigerin hatte ebenfalls die Unterbringung beantragt und das Strafmaß in das Ermessen des Gerichts gestellt. In der Urteilsbegründung stellte Vorsitzender Richter Oliver Dopheide fest, dass die entscheidende Weichenstellung die Unterbringung in einer Psychiatrie sei. Sein Vorgehen komme einem Suchtverhalten gleich: Er erkenne und wisse, dass er sich selbst und anderen Schaden zufüge und trotzdem habe er die Intensität nach er vorausgegangenen Verurteilung noch mit persönlichen Begegnungen und Übergriffen gesteigert.

Eine Frage von akademischer Natur sei dagegen das Strafmaß gewesen: Der 20-Jährige befinde sich bereits in vorläufiger Unterbringung und in der Therapie, deren Dauer sich auf bis zu drei Jahren belaufen könne. Dabei solle es keinen „Bruch“ geben. Strafmildernd habe sich die dem Azubi vom psychiatrischen Sachverständigen bescheinigte verminderte Steuerungsfähigkeit ausgewirkt, ebenso sein umfassendes Geständnis, mit dem er seinen Opfern eine Aussage vor Gericht erspart habe. Der 20-Jährige, so der Vorsitzende, sehe sich selbst als „gespaltene Persönlichkeit“ und als Gefahr für die Allgemeinheit: „Seine sexuelle Identität erschreckt ihn einerseits, andererseits kann er damit nicht umgehen. Da möchte man nicht in seiner Haut stecken.“

Walter Schöttl

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