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Absoluter Meister seines Fachs: Gerhard Polt, ein urkomischer Grantler. 

Polt und die Well-Brüder aus dem Biermoos

„Dorfen ist so schwarz wie das schwärzeste Loch im Universum“

Dorfen – Riesenbeifall, Lachsalven, Bravo-Rufe: Der Jakobmayer-Saal gleicht am Samstagabend einem Tollhaus. Es ist keine Faschingsfeier, bei der die Besucher ausflippen. Gerhard Polt und die Well-Brüder aus dem Biermoos sind zu einem Auftritt im Dorfener Kulturzentrum. Und sie bereiten den mehr als 300 Zuhörern einen grandiosen Abend.

Verschont wird bei der Derbleckerei und Grantlerei niemand: nicht die Dorfener Stadtpolitik, nicht die CSU und auch nicht die Vereinsmeier. Ein Einblick in die Welt des bayerischen Kleingeists. Im gesamten deutschsprachigen Raum sind der 72-jährige Kabarettist Gerhard Polt sowie die Musiker Christoph („Stofferl“), Karl und Michael Well unterwegs. Das Ende der Biermösl-Blosn bedeutet nicht das Aus für eine besondere Sicht auf die bayerische Lebensart: Polt und die Well-Brüder sind sarkastisch, bissig, entlarvend und böse geblieben. Über jeden noch so kleinen Auftrittsort wissen sie offenbar besser Bescheid, als es den Politikern lieb sein kann.

Die Well-Brüder aus dem Biermoos begeistern mit Sarkasmus und einzigartiger Musik

Stofferl Well sorgt schon bei der Begrüßung für das erste Gelächter. Er freut sich, „dass wir mal wieder da sein dürfen in ...“, dann folgt der Blick auf den Spickzettel, „in Dorfen“. Ja, so bekannt ist sie, die „Weltmetropole“ und heimliche „Kulturhauptstadt im Landkreis“. Es geht es Schlag auf Schlag weiter, mit lustigen Gstanzln und bissigen Kommentaren über die Isenstadt. Mit dem Jakobmayer habe Dorfen das „schönste Kulturzentrum weit und breit“, schwärmen die Well-Brüder. Doch bei der Anreise ist die Frage aufgetaucht, wo sie gelandet sind, und die Antwort geben sie gleich selbst: „Im Autobahn-McDonald’s-Erwartungsland“ und einem Ort der Kriege, vom „Bierkrieg bis zum 30-jährigen Krieg ums Isental“. Die Zuhörer brechen in Jubel aus, als die Well-Brüder auf die aktuelle Diskussion um die B 15 neu eingehen: „Dejenigen, dene woos ned schnoi gnua ganga is, dass de Autobahn kriang, genau de Soibn dann jetzt midm Landrat mit Mahnwachn gegen de B 15 protestiern.“ „Leid, wia hoits denn ihr des aus, aus jeda Zeitung grinst die Ulrike Scharf heraus.“ „Wo de Dorfna doch de Folgen vo da A 94 jetzt scho biassn miassn, weil de Baupreis’ ins Endlose schiassn.“ Und dann kommt eine Breitseite gegen den „großen, kleinen Burgamoasta“ Heinz Grundner und die örtliche CSU: „Dorfen ist so schwarz rundrum, wia s’schwärzeste Loch im Universum. So schwarz wia in einer Geisterbahn, dass sogar beim Doog mid Liacht rumfahrn.“ Und auch den kulturellen Wettstreit zwischen Taufkirchen und Dorfen nehmen die Well-Brüder aufs Korn: „Will man in Taufkirchen kulturell wos erlebn, muas ma den Jakobmayer-Weg nach Dorfen gehn.“

Musikkabarettistischer Feingeist

Während die Well-Brüder, ein jeder ein Virtuose an fast jedem Instrument, ihren musikkabarettistischen Feingeist versprühen, sitzt Polt regungslos daneben, um dann auf einmal bärbeißig aufzustehen. In seinem ihm eigenen Humor entlarvt er Archetypen des bayerischen Kleingeistes. Er erzählt vom 125-jährigen Jubiläum der Feuerwehr Hausen. Erst ruhig, dann steigert er sich rein. Das war kein Fest, nein, das war ein „Mega-Event“ im Bierzelt mit internationalen Kapellen, weil die „Drei Hax’n aus Tirol“ auch aufgetreten sind, wie ein Dorfvertreter schwärmt. Tausende Mass Bier haben die Besucher getrunken, 1200 Gickerl und drei Fischssemmeln verzehrt. Schön wars, „doch diese Frau Tschambrowski vom Lokalfernsehen, diese Medienschlampe“, die hat das alles nicht gebührend gewürdigt. Nicht einmal die Feuerwehr-Jugend hat die Journalistin erwähnt, die ein eigenes Edelweißzelt aufgestellt und für jedes verkaufte Stamperl Schnaps zehn Cent für ihr Anti-Drogenprojekt abgezwackt hat: „1620 Euro san da z’amkommen.“ Die Zuhörer gröhlen – und dürften es doch eigentlich gar nicht, weil man sich eigentlich fremdschämen sollte. Das ist halt der Polt: Er lässt niemanden aus der schizophrenen Zwickmühle raus.

Die Well-Brüder haben die Lösung für die aktuelle Islam-Debatte. „Schweinsbratn für Europa und die Welt“ singen sie, „damit das Land nicht dem Islam verfällt“. Doch die Drei machen nicht nur Gaudi – sie sind ein musikalischer Hochgenuss. Die Well-Brüder sind wirkliche Könner. Vor allem Stofferl, dessen Vergangenheit als Solotrompeter bei den Münchner Philharmonikern und späterer Konzertharfenist immer wieder aufblitzt.

Gerhard Polt und die Well-Brüder aus dem Biermoos sind auch nach Jahrzehnten auf der Bühne unverbraucht. Sie stehen für hochintelligentes Kabarett, schaffen den Spagat zwischen deftig-bayerischer Unterhaltung und anspruchsvoller, nachdenklich stimmender Zeitkritik. Die Dorfener sind dem Kabarett-Quartett am Samstagabend zu Füßen gelegen. Dass sie überhaupt in den Jakobmayer-Saal gekommen sind, hat ihre Ursache in der alten Verbundenheit und jahrelangen Freundschaft zu Kulturmanagerin Birgitt Binder. Es bleibt zu hoffen, dass Binder ihre Beziehungen zu Polt und den Well-Brüdern bald wieder spielen lässt. Denn was die Vier auf die Bühne bringen, das ist wie Unterricht in der Schule: Bei ihren Auftritten kann man wirklich fürs Leben lernen.

Anton Renner

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