„Ein wachsames Kind greift keiner an“

Klettham - Verhaltensregeln und Tipps für die Selbstverteidigung lernten die Kletthamer Grundschüler bei einem Kurs.

Tatort: Turnhalle Grundschule Klettham, Samstagmorgen, 10 Uhr. Jim, neun Jahre alt, steht vor einem Koloss von Kerl und denkt fieberhaft nach: „Wie war das nochmal mit dem Angriffstrick?“ Dirk Johannes Melchert, der „Kerl“, fixiert den Buben und setzt ihn so unter Druck. Es ist ganz wie im Ernstfall, er will den Burschen angreifen. Doch Jim ist schneller, hat ganz fix Melcherts Arme abgefangen, sich um die eigene Achse gedreht und ist dann davon gelaufen. Super gemacht, der Test ist bestanden. 59 andere Kinder johlen dazu, Eltern klatschen, Ausbilder strahlen.

„Ohne Stress prägt sich nichts ein“, sagt Trainer Melchert. Er weiß, wovon er spricht, schließlich hat er schon vielen Mädchen und Buben spielerisch die Angst vor Angreifern genommen und die richtige Verteidigung gelehrt, unterrichtet sein Können in vielen bayerischen Grundschulen.

Lehrerin Nikola Schoß, die auch Schulhund Jerry betreut, präsentierte das Projekt im Lehrerkollegium, und es herrschte sofort Begeisterung. Ein Elternabend zur Vorstellung von Programm und Personen folgte. Drei Tage hintereinander war schließlich der Dorfener Taekwondo-Meister Melchert, der auch Erwachsene als Mental- und Motivationslehrer schult, in Klettham, hat in rund zehn Stunden sieben wichtige Übungen und Verhaltensregeln vermittelt. „Wir müssen die Kinder sensibilisieren für mögliche Gefahren. Schon die richtige Ernährung am Morgen ist wichtig, die Wahl des Schulwegs, die Freunde, die eigene Körperhaltung - ein wachsames Kind greift keiner an“, sagt Melchert.

Doch jetzt, als Übung in der Turnhalle, werden die Mädchen und Buben ständig angegriffen. Und sie müssen sich richtig wehren. „Ihr müsst auch laut um Hilfe schreien, das nimmt eure eigene Angst etwas und schüchtert den Unhold ein“, motiviert sie Melchert. „Lasst keinen näher als etwa einen Meter an euch herankommen, sonst müsst ihr handeln. Ihr dürft euch auch nicht nur mit den hier gelernten Übungen wehren - kratzt, beißt, haut und schlagt zu“, rät der Experte zu vollem Körpereinsatz in der Not. „Nur wer sich wehrt, hat eine Chance“, sagt Melchert.

Wichtig ist schon das

gesunde Frühstück

Der Sicherheitstrainer versucht, die kleine Tina mit ihrem großen Schulranzen auf dem Rücken zu attackieren. Doch keine Chance: Tina hat gelernt, was jetzt zu tun ist, windet sich geschickt aus der Umklammerung. Mit einem lauten Hilferuf rennt sie weg, wirft den Ranzen zur Seite, um schneller zu sein. Springt über ein Hindernis, schlüpft unter einer Turnmatte hindurch, kommt ans Ende des künstlich aufgebauten Parcours, tritt kraftvoll noch ein Brett durch. Melchert ist begeistert, belohnt die Leistung mit einem lauten „Applaus für die Maus“.

Auch eine Polizistin ist mit von der Partie, Polizeioberkommissarin Miriam Voigt von der Erdinger Inspektion. Sie kennt sich nicht nur mit tätlichen Angriffen auf der Straße aus, auch häusliche Gewalt ist ihr Thema: „Ihr solltet auf euer Bauchgefühl achten. Wenn ihr euch bei jemandem nicht wohl fühlt, sagt es den Eltern“, sagt sie.

„Hören Sie auf ihre Kinder und nehmen Sie sie ernst“, fodert die Polizistin die Eltern auf, „oftmals sind erste Signale schon sehr wichtig“. Und sie übt mit den Kindern, zum Beispiel Personen-Identifikation. Ein Mädchen betrachtet ganz kurz drei erwachsene Trainer im Raum. Dann dreht sie sich um und versucht, ihrer Freundin möglichst präzise zu beschreiben, welchen sie meinte. „Dabei sind nicht nur Körpergröße, mögliches Alter oder Haarfarbe wichtig. Auch winzige Details, etwa an der Kleidung, können später entscheidend helfen“, erklärt Voigt.

Konrektorin Angelika Poth ist begeistert. „Diese Aktion hat sich gelohnt, ich bin stolz auf meine Mannschaft. Immerhin hat das Pausenbrot-Team, das einmal pro Woche gesunde Schulspeisen verkauft, diesen Kurs finanziell unterstützt - den Rest tragen die Eltern“, erzählt sie.

Jetzt ist Leo dran, zehn Jahre. Er hat gelernt, dass er morgens, gleich nach dem Aufstehen, zuerst ein Glas Leitungswasser trinken soll. „Um das Schwitzen im Schlaf wieder auszugleichen“, erklärt Melchert den teilweise erstaunt dreinblickenden Eltern, und um fit zu sein. „Dann“, fährt Leo fort, „sollte ich gesund frühstücken und aufmerksam aus dem Haus gehen“. Brav gelernt, auch er bekommt, wie alle Schüler, am Ende des Tests eine Urkunde.

Jim indessen hat seine Bestätigung längst zur Seite gelegt, trainiert mit einem der Erwachsenen schon wieder seine Schnelligkeit. Er kann sich fix drehen, stellt sich dann kurz dem Gegner und tritt kräftig zu. „Den entführt keiner“, da ist sich Melchert sicher.

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