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Vorläufer des Halloween-Kürbis: Diese Kinder schnitzten gestern mit Sandra Angermaier (hinten, l.) Sauruam.

Traditionelle Vorläufer des amerikanischen Grusel-Kommerz

Die bayerischen Wurzeln von Halloween

Erding - Kürbisfratzen, Süßes oder Saures, Gruselkostüme – moderne Spielereien aus den USA? Nicht alles an Halloween ist ein US-Import, sagt Brauchtumsexpertin Sandra Angermaier. Sie kennt die Mythen, die dahinter stecken. Auch in Bayern haben sie Wurzeln.

Geschnitzte Kürbisgesichter stehen vor jedem Haus. Manch einer schmückt Heim und Garten gar im Friedhofslook. Gruselig verkleidet ziehen die Menschen durch die Straßen. In den USA ist Halloween einfach Kult. Gefeiert wird es am 31. Oktober – und vom englischen „All Hallows Eve“, also dem Vorabend von Allerheiligen, kommt der Name. Auch zu uns ist das Horrorfest längst geschwappt. Es scheint ein modernes Event der Spaßgesellschaft zu sein. Dabei haben Halloween und seine Bräuche Wurzeln, die viel tiefer gehen – und die auch in Bayern zu finden sind, sagt Sandra Angermaier.

Die 40-Jährige Geschäftsführerin des Erdinger Kreisvereins für Heimatschutz und Denkmalpflege ist Expertin in Sachen Brauchtum und weiß: Nicht alles an Halloween ist neumodern. Süßigkeiten verteilen und flackernde Fratzen vor den Häusern zum Beispiel. Freilich verbinde man mit diesem Fest – Funk, Fernsehen und Internet sei dank – vor allem Grusel-Kitsch aus Amerika. „Doch das amerikanische Volk setzt sich aus vielen Völkern zusammen, auch aus Bayern. Als sie ausgewandert sind, haben sie ihren Glauben und ihr Brauchtum mitgenommen“, sagt Angermaier und nennt als Beispiel das Totengedenken, das es in vielen Kulturen gibt.

Hier sieht die Erdingerin die Anfänge des Halloween-Kults. Denn rund um den 1. November habe es schon immer sehr viel Volksglauben gegeben. Dazu zählt die Überzeugung, dass in den Stunden zwischen Allerheiligen und Allerseelen, wenn die Grenzen zwischen Dies- und Jenseits durchlässig sind, die armen Seelen im Fegefeuer für eine Nacht erlöst werden und nach Hause dürfen. Jene Seelen, die noch nicht angekommen sind beim Herrgott, sondern zwischen Hölle und Paradies herumirren. „Um sie zu begrüßen und ihnen den Weg heimzuleuchten, wurden Lichterl vor der Haustür angezündet“, sagt Angermaier.

Da früher Bienenwachs sehr teuer war, entflammten die einfachen Leute sogenannte Unschlittkerzen aus Rindertalg und Blut, die furchtbar rußten und schon beim kleinsten Windhauch ausgingen. Zum Schutz stellten sie die Bauern in ausgehöhlte Futterrüben, die Sauruam. Weil die Leute die heimkehrenden Geister zugleich fürchteten, wollten sie ihnen wiederum Angst machen, und schnitzten gruselige Gesichter in die Rüben. Ein Brauch, den Auswanderer später in die Neue Welt nahmen, wo dicke, orangefarbene Kürbisse als Kerzen-Gehäuse dienten – und Halloween seinen Siegeszug antrat.

Vor allem Kinder haben ihren Spaß daran, mehr oder minder furchterregend verkleidet von Haus zu Haus zu ziehen und Süßigkeiten zu verlangen. Sogar das beruht auf altem Brauch. Früher habe man aus Hefeteig und Rosinen süße Allerseelenzöpferl gebacken, die verschenkt wurden. Angermaier erklärt, was dahinter steckt: „Ich gebe etwas Süßes her und tue damit Gutes. Und für jede gute Tat wird eine arme Seele aus meiner Verwandtschaft aus dem Fegefeuer befreit.“

Dass diese Bräuche hierzulande in Vergessenheit geraten sind, habe sehr viel mit den Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg zu tun. „Die Menschen hatten so viel Leid erlebt. Sie wollten einfach nichts mehr mit Tod und Trauer zu tun haben“, erklärt Angermaier. Heute sei das Fest vor allem auf Grusel getrimmt. Der eigentliche Sinn des Gedenkens sei verloren gegangen, es regiere der Kommerz. Doch: „Brauchtum ist eben immer im Wandel, so wie sich das Leben auch stetig wandelt“, sagt Angermaier.

Und so kommen die Geister heute nicht erst in der Nacht vor Allerseelen, sondern schon einen Tag früher. Der Allerseelentag habe für die meisten Katholiken seine Bedeutung verloren, nicht zuletzt, weil vielerorts die damit verbundene Gräbersegnung bereits an Allerheiligen, dem arbeitsfreien gesetzlichen Feiertag, stattfindet.

Und den Kommerz, den gab es früher schon. Auf großen Märkten wie dem Allerseelenmarkt in München konnte man tannengrüne Kränze kaufen. Verziert mit bunten Bändern, kamen sie am 2. November aufs Grab. Der Grabschmuck ist geblieben. Floristen und Gärtnereien haben Hochsaison.

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