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Hans Zehetmair war lange Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung. Heute wird er 80.

Kultusminister a.D. Hans Zehetmair 80

Der Herr der Rechtschreibung gibt sein letztes großes Amt ab

Erding - Viele Jahre war er einer der wichtigsten Politiker Bayerns. Am heutigen Sonntag wird Hans Zehetmair 80. Wir haben den Erdinger zu Hause besucht. 

Seine körperlichen Kräfte mögen nachgelassen haben, doch geistig ist er immer noch hellwach. Vor dem Interview räumt er noch einige Unterlagen vom Tisch – die Papiere für die nächste Sitzung des Rates für Deutsche Rechtschreibung. Dessen Vorsitz hat er seit 2004 inne, nächsten Freitag gibt er ihn ab. Die Rede ist von Hans Zehetmair, dem wohl wichtigsten Politiker, den der Landkreis Erding je hatte. An diesem Sonntag feiert der frühere Landrat, Abgeordnete, Kultusminister und Stellvertreter von Ministerpräsident Edmund Stoiber 80. Geburtstag.

Vom politischen Tagesgeschäft hatte sich der gebürtige Langengeislinger und Lehrer spätestens 2014 verabschiedet, als er nach zehn Jahren den Vorsitz der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung abgab. In nicht mal einer Woche wird Zehetmair auch die Bürde des Rechtschreib-Rates los sein. Aufziehende Wehmut – nicht erkennbar.

Der Mann, der sich immer eher als Philologe denn als Politiker betrachtet und als Kultusminister acht Fachhochschulen in Bayern gegründet hat, wird auch nach seinem 80. Geburtstag in kein Loch fallen. Er sitzt in Gremien diverser Verbände und Stiftungen. Nicht zu vergessen seine Professuren in Moskau und Peking.

In einem Interview mit dieser Zeitung im Sommer 2014 hatte Zehetmair erklärt, dass man es mit der Rechtschreibreform übertrieben habe. Er erinnert sich an die „damals verworrene Situation“ zwischen Bewahrern und Erneuerern. Der Versuch, 39 Mitgliedern aus den deutschsprachigen Ländern – in großer Mehrheit Wissenschaftler – gerecht zu werden, sei bis heute eine Herausforderung. Aktuell ringe man um „ss“ oder „ß“ etwa in Namen und Bezeichnungen.

Erfolge habe es trotz aller Kritik gegeben, ist Zehetmair überzeugt. „Es gab zu Beginn Tendenzen, alles klein zu schreiben, auch die Hauptwörter“, erinnert er sich. Das hat er verhindert. Durchgesetzt hat sich hingegen, zusammenhängende Begriffe so zu schreiben, dass sie einen Sinn ergeben. Ein Beispiel: Man kann auf dem Stuhl sitzen bleiben, aber in der Schule auch einmal sitzenbleiben. „Unterm Strich sind viele Kompromisse herausgekommen“, gibt er zu, „der Duden erlaubt immer öfter mehrere Möglichkeiten“. Er ist den Weg mitgegangen: „Das bricht mein Gemüt nicht.“

Aus der Kommunalpolitik verabschiedet hat sich der Ehrenvorsitzende des CSU-Kreisverbandes Erding mit der Kommunalwahl 2014. Seine Begründung damals: „Ich wollte nicht der letzte Mohikaner sein.“

Das hindert ihn aber nicht daran, das aktuelle Geschehen aufmerksam zu verfolgen. Und zu kommentieren. Wenn man ihn darum bittet. Seine Haltung zum Abitur in acht Jahren ist hinlänglich bekannt: Er hält es für einen Fehler, „zumal damals weder Lehrer, Bücher, Lehrpläne, Eltern und Schüler darauf eingestellt waren“.

Den Dauerstreit zwischen Horst Seehofer und Angela Merkel verfolgt er mit Abneigung. „Wie er vor einem Jahr die Kanzlerin beim CSU-Parteitag einfach hat stehen lassen – das ist nicht mein Stil.“ Merkels „Wir schaffen das“ habe ihm hingegen imponiert. „Da war sie stark und mutig.“ Er interpretiert ihren Satz als Ermutigung, sich einer großen Aufgabe zu stellen. Zehetmair glaubt, dass sich die Kanzlerin „auch deshalb so stur stellt, weil sie nicht will, dass Seehofer recht bekommt“.

An die Unionsschwestern appelliert er, „wieder in eine konstruktive Phase zu gelangen“. Das sei das effektivste Instrument gegen die AfD. Dazu gehöre eine verbale Abrüstung. Ihn besorgt der Ton, in dem zunehmend über Flüchtlinge gesprochen werde. „Bei allen Problemen: Wir reden von Menschen, Mitmenschen.“

Diese Ratschläge dürfen Seehofer nicht erfreuen. Noch weniger wird ihm Zehetmairs Hinweis gefallen, er solle „nicht so oft so laut denken“. Die Ränkespiele mit Markus Söder verurteilt Zehetmair, der sich anders als Seehofer für die Ämter des Ministerpräsidenten und des Parteichefs in einer Hand ausspricht, als „Theaterspiel“. In dem agiere der ehrgeizige Franke derzeit bedeutend klüger. „Man kann schüren, aber dann sollte man von der Feuerstelle zurücktreten.“

Und wie wird der runde Geburtstag gefeiert? Der Sonntag gehört der Familie, seiner Frau Ingrid, den Geschwistern, den drei Kindern und acht Enkeln. Am Montag lädt er Freunde zum Weißwurstessen ein. Am Donnerstag bittet die Hanns-Seidel-Stiftung zum Empfang. Die Festrede wird Stoiber halten. Auch der Landkreis plant eine Veranstaltung.

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