Suche in Russland

Nach 71 Jahren am Grab des Vaters

Moosinning/Sestrorezk – Im Dezember 1945 ist Ludwig Ziegltrum in russischer Kriegsgefangenschaft gestorben. Nun, fast 71 Jahre später, konnte seine Tochter Erika Schneller am Grab Abschied nehmen.

Die Wangen der Frau, die auf dem Friedhof im russischen Sestrorezk steht, sind tränenüberströmt. Ihre Hände zittern. „Es fühlt sich an wie ein Traum“, sagt sie – ein schöner Traum, denn sie ist froh, hier zu sein. Erika Schneller hat im Alter von vier Jahren ihren Vater verloren. Jetzt, fast 71 Jahre später, konnte sie endlich Abschied nehmen.

Es ist ein Tag, der Schneller deutlich in Erinnerung geblieben ist: Der Tag, an dem sich Ludwig Ziegltrum von seiner Familie verabschiedete, um nach Russland in den Krieg zu ziehen. „Meine Mutter hat damals schon gespürt, dass er nicht mehr wiederkommen wird. Wir sind noch lange am Hof gestanden und haben gewunken“, erinnert sich Schneller, und erneut kommen ihr die Tränen.

Abend für Abend habe die Familie, die damals in Mariabrunn bei Hallbergmoos gelebt hat, um das Überleben ihres Familienoberhaupts gebetet. Erfolglos, wie sich bald erahnen ließ. Die Karten, die der damals 43-Jährige regelmäßig geschickt hatte, blieben irgendwann aus. Und für Erika, ihre beiden Schwestern und ihre Mutter Maria folgte eine lange Zeit der Ungewissheit. „Wir wussten nur, dass er in Russland vermisst wird“ , sagt die heute 75-Jährige.

Von Ludwig Ziegltrums Tod erfahren hat sie erst drei Jahre später. Zufällig begegnete ihre Mutter einem Kameraden, der, gemeinsam mit Erikas Vater, am 23. Juni 1945 in Russland gefangen genommen worden war – kurz vor Kriegsende. Er konnte Licht ins Dunkel bringen: Rund fünf Monate habe Ziegltrum im Gefangenenlager Sestrorezk verbracht, bis er im Dezember 1945 verstorben sei. „Dann hatten wir traurige Gewissheit“, erzählt Schneller.

„Doch eine geborene Ziegltrum lässt sich nicht unterkriegen“, sagt sie. Seit vielen Jahren lebt Schneller gemeinsam mit Ehemann Gerhard in Moosinning. Auch wenn sie gelernt habe, mit der Trauer umzugehen: Einen Tag, an dem sie nicht an ihren verstorbenen Vater denkt, gebe es nicht. Darüber nachgedacht, sich selbst auf die Suche nach dem Grab zu machen, hat Schneller dennoch nie – bis der Vater von Erikas Schwiegertochter, Andreas Faltermaier, das Thema Russland an einem Familiennachmittag zufällig zur Sprache brachte. „Er hat gemeint, er würde gerne mal nach Leningrad fahren. Ich habe ihm dann erzählt, dass mein Vater dort verstorben sein soll“, erzählt Schneller.

Über die Webseite des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gelang es Faltermaier, Ludwig Ziegltrums Bestattungsort zu recherchieren. Mit Hilfe des Volksbundes konnte man den Friedhof genau lokalisieren. „Die absolute Sensation war dann noch, dass Russland 1997 die Kriegsgefangenenakten an die Bundesrepublik Deutschland überstellt hat“, erzählt Faltermaier.

Schneller kam damit in Besitz eines Fragebogens vom russischen Geheimdienst mit der letzten Unterschrift ihres Vaters. Sogar der Totenschein war beigefügt, sowie eine genaue Lokalisierung des Grabes. Und so machte sich Schneller mit einem mulmigen Gefühl, einem kleinen Holzkreuz, einer Kerze und einer Handvoll Erde aus der Heimat im Gepäck gemeinsam mit ihrem Sohn Gerd und Faltermaier auf den Weg nach Russland. Dort lebende Bekannte brachten sie zum Friedhof.

„Als wir vor dem großen Eingangstor standen, war ich wahnsinnig aufgeregt“, erzählt Schneller. Unter 109 in den Boden eingelassenen Grabsteinen wurde sie schließlich fündig. „Ich konnte mich nach so vielen Jahren endlich richtig von meinem Vater verabschieden“, sagt die 75-Jährige mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht.

Ziegltrums Grabstätte ist seit dem Besuch der Schnellers nicht mehr zu übersehen. Kerze, Blumen und das Holzkreuz zieren den grauen Stein. „Ludwig Ziegltrum“ ist auf dem Holz eingraviert, außerdem eine Rose sowie Geburts- und Sterbedatum. „24.08.1901 – 02.12.1945“ steht ins Holz gebrannt – dieses Sterbedatum wurde der Familie nach dem Krieg gemeldet und steht auch auf dem Grabstein in Deutschland. Der tatsächliche Todestag dürfte aber der 4. Dezember sein, der auf dem Grab in Russland und in der russischen Sterbeurkunde zu lesen ist. „Wir haben dann noch zwei evangelische Priester getroffen, die uns erzählt haben, dass wir in den sieben Jahrzehnten die Ersten seien, die hier ein Grab besucht haben“, wundert sich Schneller.

Konstantin Sperling und Alexander Gerlach betreuen im Auftrag des Volksbundes den Friedhof – und sie konnten Schneller sogar noch die Überreste des Gefangenenlagers zeigen. Das Kommandanturgebäude ist noch vollständig erhalten. „Mit den Priestern halte ich auf jeden Fall Kontakt. Sie wollen sich in Zukunft um das Grab kümmern und an Weihnachten und zum Geburtstag eine Kerze anzünden“, erzählt Schneller.

Zwar konnte der Besuch am Grab die verlorene Kindheit mit ihrem Vater freilich nicht ersetzen. Dennoch habe sich gleich darauf Erleichterung breit gemacht. „Ich habe endlich mit eigenen Augen gesehen, wo er begraben ist. Außerdem konnte ich ihm sagen, dass es uns allen gut geht“, sagt Schneller. Die Erleichterung ist ihr auch Tage nach der Reise noch deutlich anzusehen. Für Sohn Gerd steht schon jetzt fest, dass er das Grab abermals besuchen wird – gemeinsam mit der kompletten Familie Schneller.

Julia Adam

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