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Dicht umlagert war der Büchertisch in der Stadtpfarrkirche, an dem Andreas Englisch vor und nach seinem lebendigen Vortrag seine Werke signierte.

Vortrag von Vatikan-Experte Andreas Englisch

Der Aufstand des Papstes

Erding - Papst Franziskus ist ein Kämpfer. Und im Umgang mit Menschen ein Naturtalent. Wie der Argentinier die katholische Kirche umkrempelt, darüber sprach Vatikan-Experte Andreas Englisch in Erding.

Andreas Englisch kennt den Vatikan wie kaum ein anderer. Der heute 53-Jährige arbeitet seit fast 30 Jahren als Korrespondent in Rom, hat Päpste auf ihren Auslandsreisen begleitet, zahlreiche Bücher geschrieben. Nach Johannes Paul II. fasziniert ihn Papst Franziskus. „Der Kämpfer im Vatikan“ heißt Englischs aktuelles Buch über den Argentinier, der die katholische Kirche umkrempelt und sich mit der Kurie anlegt.

Zum Abschluss seiner Vortragsreise machte Englisch am Freitagabend in Erding Station. Die Katholische Arbeitnehmerbewegung und das Katholische Bildungswerk hatten ihn eingeladen. Mehr als 350 Besucher kamen in die Stadtpfarrkirche St. Johannes und lauschten eineinhalb Stunden lang gespannt seinen unterhaltsamen Geschichten.

Er sei im Sommer 1987 nur nach Rom gegangen, um Italienisch zu lernen, erzählte Englisch. 4000 Mark hatte er dabei, die waren in zwei Monaten weg. Da kam der Aushang einer US-Agentur, die einen Vatikan-Experten suchte, gerade recht. Englisch bekam den Job – ohne Italienisch- und Theologie-Kenntnisse. Beides eignete er sich bald an. Aus dem „rebellischen jungen Mann ist ein gläubiger Christ geworden“, sagt er über sich. Und: „Sie haben mich zum Glauben zurückgebracht.“ Sie, das sind die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und eben jener Franziskus, der seit seiner Wahl im März 2013 die katholische Kirche umkrempelt.

„Dass einmal ein Papst kommen könnte, der sich über alle Regeln hinwegsetzt, war unfassbar“, sagt Englisch über die Reformen, die Franziskus an- und damit die Kurie vor den Kopf stieß. Angefangen bei seiner Weigerung, in den apostolischen Palast einzuziehen, sondern lieber in ein 20-Quadratmeter-Zimmer im Gästehaus der Heiligen Martha (Englisch: „Keiner von Ihnen möchte dort Urlaub machen“), oder seine Weigerung, mit dem luxuriösen Dienstwagen zu fahren („Er fährt wie die anderen mit dem Bus, will aber vorne sitzen“) oder sich von Ordensfrauen bedienen zu lassen. Noch heute esse Franziskus in der Mensa, so Englisch. Dort sei seit seinem Amtsantritt Schluss mit Service und Weinkarte. „Jetzt gibt es kaltes Büfett, Selbstbedienung und am Sonntag Grillhendl.“ Einer der größten Eklats sei Franziskus’ Weihnachtsansprache 2014 gewesen, als er über die Sünden der Kurie sprach, ihr Skrupel- und Gewissenlosigkeit vorwarf.

Schon als Kardinal hatte Jorge Mario Bergoglio laut Englisch viel Ärger mit der Kirche. Der war so groß, dass man sein Rücktrittsgesuch kurz vor dem 75. Geburtstag vorab annahm. „Wenn er nicht im März 2013 zum Papst gewählt worden wäre, wäre er im Mai in Rente gegangen“, erzählt Englisch. Dass Franziskus gewählt worden sei, liege an den Wahl-Kardinälen, die im Gegensatz zu den Kurienkardinälen „den härtesten Reformer wollten, den es gibt“ – auch wegen des Geldwäsche-Skandals um die Vatikan-Bank.

Kaum im Amt, machte Franziskus seinen Verbündeten Kelvin Felix zum Kardinal – und zum Chef der Kontrollkommission der Konten des Vatikans. Ein Schachzug, der Englisch heute noch begeistert. Nicht nur, weil er und der Erzbischof von Castries in der Karibik alte Freunde sind. „Alle reden über Leute wie Tebartz-van Elst, aber es gibt auch echte Helden in der katholischen Kirche.“ Wie Felix, der in den Slums arbeitete und einen Zweitjob als Autowäscher hatte.

Englisch kennt hunderte solcher Geschichten. Eine zeigt Franziskus’ Talent im Umgang mit Menschen. So verließ er bei der Heiligsprechung Johannes XXIII. und Johannes Pauls II. im April 2014 gegen jedes Protokoll und ohne Sicherheitsvorkehrungen im Papamobil den Petersplatz und fuhr bis auf die Via della Conciliazione hinaus, um die begeisterten Massen zu segnen. Diese ganz normalen Menschen, die der Papst hinter sich habe, seien auch der Grund, warum der Aufstand gelinge.

Und er ist noch nicht zu Ende. „Der letzte Krieg“, den Franziskus jetzt noch führe, sei die Einführung des Frauen-Diakonats, sagt Englisch. Er prophezeit, dass es in dieser neuen globalen Kirche „eine ganze Weile dauern wird, bis wir wieder einen europäischen Papst haben“.

Wie einfach es ist, ein Christ zu sein, verstand Englisch beim Weltjugendtag 2013 in Rio de Janeiro. Beim Abschlussgottesdienst mit über drei Millionen Gläubigen, der an der Copacabana gefeiert wurde, sagte der Papst: „Helft denen, denen ihr helfen könnt. Geht dahin, wo ihr Unfrieden gebracht habt. Geht aus den Kirchen raus und macht die Welt besser.“ (zie)

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