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Abflug 17.40 Uhr, Ziel Tirana: Für diese Albaner ist der Traum vom Leben in Deutschland vorbei, sobald die Flugzeugtür hinter ihnen zugeht. Etwa 40 Rückführungs-Flieger heben jedes Jahr am Flughafen München ab.

Flughafen als Bühne der Flüchtlingspolitik

Abschiebung in München: Heimflug ins Ungewisse

Erding – Voriges Jahr wurden über den Flughafen München 4000 Menschen in ihre Heimat abgeschoben. Technisch funktioniert das meist reibungslos. Doch wenn Menschen Deutschland verlassen müssen, platzen auch Träume. Wir waren bei einer Abschiebung dabei.

Der Traum vom Leben in Freiheit, Frieden und Wohlstand in Deutschland platzt um 17.40 Uhr. Vor dem Terminal 1, Flughafen München, rollt ein Airbus A 319 zur südlichen Startbahn. An Bord: 34 Menschen aus Albanien und viele Polizisten. Das Wetter – schön, der Himmel weiß-blau. Die Stimmung – trist. Die 34 Passagiere fliegen nicht wie Hunderttausende in diesen Tagen vom Erdinger Moos in die Ferien. Nein, vom Vorfeld geht es zurück in ein Leben, das die Familien mit Kindern, die jungen Männer und die Ehepaare hinter sich lassen wollten.

Sie sind 34 von etwa 4000 abgelehnten Asylbewerbern, die pro Jahr von Deutschlands zweitgrößtem Flughafen abgeschoben werden. Ihr Flugzeug ist eines von etwa 40, die die Behörden für Sammelabschiebungen pro Jahr ab München chartern. Sie sind 34 von 13 000 Ausländern, die seit Jahresbeginn das Land verlassen mussten. Eine gute Stunde später werden sie in Tirana, Albanien, landen. Was danach passiert? Ungewiss.

Der Flughafen ist eine Drehscheibe – für über 40 Millionen Passagiere pro Jahr, aber auch für Tausende von Flüchtlingen. Der Flughafen ist eine Bühne, auf der man zuschauen kann, wie die deutsche und die europäische Flüchtlingspolitik funktioniert. Oder wie sie – mit Blick auf die menschlichen Schicksale – scheitert.

Abgeschoben wird mit dem Ferienflieger

Bei den 34, deren Maschine in der tiefstehenden Abendsonne verschwindet, war von Anfang an klar, dass sie nicht bleiben dürfen. Albanien, die anderen Westbalkanstaaten, alle EU-Länder, aber auch Ghana und der Senegal gelten als sichere Herkunftsstaaten. Flüchtlinge aus den Balkanstaaten werden gesammelt – in Bayern, in Deutschland, in anderen europäischen Staaten. Sind genug beisammen, wird eine Sammelabschiebung organisiert. Der Flug nach Tirana ist so eine kollektive Rückführung. „Zurzeit wird alle zehn Tage bis zwei Wochen eine Maschine gechartert“, erklärt Albert Poerschke, Sprecher der Bundespolizei am Flughafen.

Hier funktioniert die europäische Flüchtlingsverwaltung. Jede Sammelabschiebung ist ein logistischer und bürokratischer Kraftakt mit langem Vorlauf. Die Rückführung der Albaner ist eine Frontex-Maßnahme. Frontex – das ist die Grenzschutzbehörde der EU. Diesmal werden die Menschen aber nicht aus mehreren Ländern eingesammelt. Die Gruppe besteht ausschließlich aus Albanern, viele wurden von der Ankunfts- und Rückführungseinrichtung in Manching hergebracht und von Beamten an den Flughafen eskortiert.

In Behördendeutsch heißt das "unbegleitete Rückführung"

Von außen sieht die Abschiebung ruhig, geordnet, sachlich aus. Der Airbus, der die Menschen zurück in ihre Heimat bringt, ist ein ganz normaler Ferienflieger – so ist das meistens. Die Fluggesellschaften achten peinlich darauf, dass ihr Name nicht im Zusammenhang mit einer Abschiebung genannt wird. Ist wohl schlecht fürs Image. Die Flüge werden nach einer europaweiten Ausschreibung gechartert. Wenn genügend Ausreisepflichtige beisammen sind, rollt der Flieger an. Die Passagiere werden in einen gesonderten Bereich des Flughafens gebracht. Auch die 34 Albaner geben ihr Gepäck auf, checken ein, gehen durch die Sicherheitskontrolle. Um kurz nach 17 Uhr holt ein weißer Gelenkbus die Fluggäste ab und bringt sie aufs Vorfeld. Seitlich am Bus: die Flugnummer und das Ziel – Tirana. „An sich ist es das gleiche Prozedere wie bei jedem anderen Flug“, erklärt Sprecher Poerschke.

In Behördendeutsch heißt das, was hier passiert: „unbegleitete Rückführung“. Das bedeutet: Der Ausreisepflichtige wird von der Bundespolizei zum Flieger gebracht. Schließen sich die Türen, ist der Fall für die deutschen Behörden erledigt. „Es gibt auch Fälle, in denen eine unbegleitete Alleinreise ausscheidet“, erklärt Christian Köglmeier, ebenfalls Sprecher der Bundespolizei. „In jedem Fall findet eine Gefahrenanalsyse statt. Es kommt schon mal vor, dass ein einzelner Abschiebehäftling von bis zu drei Beamten und sogar einem Arzt begleitet wird.“

Einige wollen sogar zurück – weil sie enttäuscht sind

Bei dem Tirana-Trip werden die Stewardessen gleich Getränke und einen Snack servieren, doch normal ist hier ansonsten nichts. Es handelt sich um eine Zwangsmaßnahme. Und deswegen sitzen nicht nur die 34 Abzuschiebenden in der Kabine, sondern auch weit über ein Dutzend Bundespolizisten. Ohne Uniform, ohne Waffe. „Beides ist an Bord immer ein absolutes Tabu“, erklärt Köglmeier. Nur eine blaue Armbinde mit Deutschlandfahne und dem Aufdruck Police sowie eine Kappe mit Bundesadler und der Aufschrift Bundespolizei weist sie als Sicherheitskräfte aus. Vor und in der Maschine befinden sich weitere Polizisten.

Und wer zahlt das alles? Poerschke blickt in die tiefstehende Sonne. „An sich gilt das Verursacherprinzip.“ Das heißt: Eigentlich müssten die Albaner zahlen. „Aber fassen Sie mal einem Nackten in die Tasche“, schiebt der Oberkommissar hinterher. „Am Ende kommt in der Regel der Steuerzahler dafür auf.“ Ob dieser Aufwand sein muss, wollen Poerschke und Köglmeier nicht diskutieren. Sie sagen nur: „Sicherheit geht vor. Man hat als Staat eben eine gewisse Verantwortung und Garantenpflicht. Bei uns ist es noch nie zu einem Zwischenfall gekommen.“ Im Gegenteil: Viele Menschen brauchen vor der Abschiebung besonders viel Zuwendung und Aufmerksamkeit.

Spätestens in der Abflughalle wird ihnen klar: Der Traum ist vorbei. Die Bundespolizisten erleben aber auch das Gegenteil: „Es gibt Menschen, die freiwillig zurückkehren, weil sie mit falschen Erwartungen geflohen sind, weil ihnen leere Versprechungen gemacht wurden“, sagt Poerschke. Sein Kollege Köglmeier hat schon erlebt, „dass sich die Menschen am Ankunftsort in den Armen liegen, weil die Familie nach vielen Jahren wieder komplett ist, weil sie endlich ihre Oma wieder sehen.“

Wer die Transitzone in München sucht, muss sich gut auskennen

Die Gefühlslage der 34 Albaner lässt sich nur erahnen. Als erstes verlassen Familien den Bus. Es scheint, als wüssten die Mädchen und Buben – einen Teddy in der einen Hand, Mama oder Papa an der anderen – gar nicht, was da vor sich geht. Eine Jugendliche wird mühsam im Rollstuhl die Gangway hinaufgeschoben. Ein junger Mann winkt von der Treppe. Doch da ist niemand, dem der Gruß gilt. Manche verbergen ihr Gesicht hinter dem Aktendeckel des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Vielleicht nicht ihre erste Ausweisung.

An den europäischen Flughäfen enden jeden Tag hochfliegende Pläne von einem besseren Leben. Manche sehen in den großen Drehkreuzen Instrumente der Flüchtlingspolitik, Stichwort Transitzonen. Dass man Menschen gar nicht erst ins Land lässt, sondern sie durch die Transitzone schleust, und sie rasch wieder heimschickt, ohne dass sie je deutschen Boden betreten haben. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, CSU, lobte im Oktober 2015 die so genannten Flughafenverfahren und Transitzonen an den Airports als Vorbild, wie man die Zuwanderung über die Balkanroute stoppen könne. Doch das ist Theorie. Wer die Transitzone am Flughafen München sucht, muss sich auf dem Gelände schon gut auskennen. Der heruntergekommene, eingeschossige Flachbau, umgeben von Maschendraht, ist versteckt auf einem riesigen Parkplatz, zwischen dem Audi-Testgelände, der Lufthansa Technik und der Hubschrauberstaffel der Bayerischen Polizei. Adresse: Wartungsallee 6. Viel ist hier nicht los, viel kann hier nicht los sein.

Die Bundespolizisten stört schon der Begriff Transitzone. Den gibt es so nämlich nicht, Seehofer hat ihn erfunden. Ein Transitbereich ist ein streng abgegrenzter Bereich auf der Non-Schengen-Ebene, in den nicht-öffentlichen Bereichen der beiden Terminals. Korrekt ist: Asylunterkunft am Flughafen. Betrieben von der Regierung von Oberbayern, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ist als Nutzer nur Gast. Wenn es überhaupt da ist. Diese Unterkunft ist nur ein bis zwei Mal im Jahr belegt. Ein zentrales Instrument zur schnellen Abschiebung? Sicher nicht.

Rein in die Transitzone und sofort zurück? Reine Theorie

Trotzdem ist die Adresse Wartungsallee 6 ein elementarer Bestandteil des so genannten Flughafenverfahrens nach Artikel 18a des Asylgesetzes, er wurde in den 90er- Jahren bei der letzten größeren Flüchtlingswelle eingeführt. Angewendet wird der Paragraf ausschließlich an Flughäfen auf Flüchtlinge aus einem sicheren Herkunftsstaat. Oder auf solche, die keinen gültigen Pass vorweisen können. Alle anderen kommen sofort in eine Erstaufnahmeeinrichtung, um dort ihren Asylantrag zu stellen. 627 Flüchtlinge im Flughafenverfahren waren es im gesamten vorigen Jahr. Und zwar in München, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg und Berlin zusammen.

In der Praxis spielt das Verfahren keine Rolle. Im Kern sieht Paragraf 18a vor, dass das Bamf binnen zwei Tagen prüfen muss, ob ein Anrecht auf Asyl besteht. So lange darf der Antragsteller deutschen Boden nicht betreten. Faktische Nichteinreise heißt das im Amtsdeutsch. Darf der Asylbewerber nicht bleiben, kann er umgehend außer Landes gebracht werden. Schnellabfertigung. Bloß: Der Ansturm auf das Bamf ist einfach zu groß. Und wenn die Behörde die Zwei-Tages-Frist nicht einhalten kann, darf der Antragsteller doch einreisen. So sieht die Realität aus: Es macht sich so gut wie nie jemand die Mühe, an der Wartungsallee 6 auch nur aufzusperren.

Auch Touristen können abgeschoben werden

Nur 172 Menschen, darunter 35 Syrer, 18 Afghanen und 25 Iraker, haben zwischen September 2015 und Juni 2016 im Erdinger Moos Asyl beantragt. Diese Zahlen kann Poerschke im Schlaf aufsagen. Seine Kollegin Anna Voigt nennt die Zahlen vom gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor: Damals waren es 437, darunter 194 Syrer, 34 Afghanen und 19 Iraker. Die beiden heben diese Nationen hervor, weil Staatsangehörige aus diesen Ländern gute Chancen haben, länger Schutz in Deutschland zu bekommen.

In der Regel schickt das Bamf alle Flüchtlinge direkt nach München. Erstregistrierung durch die Bundespolizei mit Foto, Abnahme der Fingerabdrücke und vorläufige Beschlagnahmung der Dokumente. Danach geht es aber nicht im Streifenwagen zum Bamf, sondern meist mit der S-Bahn. Dass viele diese Gelegenheit nutzen, um unterzutauchen, um etwa zu Verwandten in Nordeuropa zu kommen, lassen die Bundespolizisten am Flughafen unkommentiert. Ihnen ist wichtig: „Die Bundespolizei prüft keine Asylanträge“, versichert Köglmeier. Die Aufenthaltserlaubnis beenden die Ausländerbehörden, sonst niemand.

Abgeschoben werden übrigens nicht nur Flüchtlinge. Auch jeder Tourist oder ausländische Arbeitnehmer, der sein Visum überzogen hat, muss das Land verlassen.

Die Bundespolizisten können sich nicht in jedes Schicksal einfühlen. Dennoch liegt ihnen diese Feinheit am Herzen: „Nicht jeder Ausländer, der abgeschoben wird, ist ein Krimineller. Im Gegenteil: Oft sind es die ärmsten Hunde.“ Menschen, deren Traum von einem neuen Leben zerplatzt, diesmal an einem Abend im August – um 17.40 Uhr. Eine Viertelstunde später als geplant, denn die Hydraulik der Flugzeugtreppe versagt plötzlich ihren Dienst. Für die Albaner gibt es trotzdem keinen Weg zurück.

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