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Flughafen-Chef Michael Kerkloh: „Leute, denkt dran, wir stehen im Wettbewerb!“

Merkur-Interview

Kerkloh zur 3. Startbahn: „Entscheidet bitte!“

München - Vier Kilometer – oder eine unendliche Geschichte? Der Streit um die dritte Startbahn am Flughafen München wird in diesem Jahr juristisch entschieden. Flughafen-Chef Michael Kerkloh verlangt jetzt auch eine zügige politische Entscheidung.

Bauen oder nicht? In zwei Jahren müsse die Frage geklärt sein, sagt der 61-Jährige im Interview.

Sie haben Baurecht für die dritte Startbahn, Sie haben die Milliarde auf der hohen Kante – woran fehlt es? Mumm der Politik?

Wir warten noch eine Gerichtsentscheidung ab. Dieses Jahr, eher Ende als Mitte, wird beim Bundesverwaltungsgericht über die Nichtzulassungsbeschwerde zur Revision entschieden. Das ist eben der deutsche Rechtsstaat. Dann ist endlich alles erledigt, eines der größten Planfeststellungsverfahren der Nachkriegsgeschichte hat einen positiven Ausgang...

...und bei Ihnen beginnt das große Zittern, ob die drei Flughafen-Gesellschafter Bund, Freistaat und Stadt nun bauen wollen oder nicht.

Geld ist da, 1,2 Milliarden Euro vom Flughafen für die Infrastruktur mit enormer Multiplikator-Wirkung. Anders als bei jeder Straße und jedem Stück Schiene bezahlen wir den Ausbau ja selbst. Wir verlangen keinen einzigen Euro vom Staat! Am Ende wird es darum gehen, dass unsere Gremien zustimmen – die Stadt München sieht ja noch eine Bindungswirkung des Bürgerentscheids, der juristisch aber nicht mehr gilt.

Sie haben ja einen guten Draht zu OB Dieter Reiter, spielen sogar gemeinsam in einer Band. Nehmen Sie ihn sich bald in einer Probenpause zur Brust?

Wir haben beide den gleichen Musikgeschmack und verstehen uns auch sonst gut. Er formuliert mit der Skepsis zur dritten Startbahn eine politische Position unabhängig davon, was er womöglich persönlich denkt.

Ist es die Lösung, die Bürger in München einfach nochmal zu fragen? Oder gibt das nur die nächste Abfuhr?

Ich glaube, dass es eine schweigende Mehrheit in München für das Projekt gibt. Wir haben ja kein Imageproblem. Beim ersten Anlauf hat man aber unterschätzt, was man unternehmen muss, um diese Mehrheit zu motivieren.

Jetzt können Sie ja auch ganz Bayern fragen. Würden Sie gern das ganz neue Instrument der landesweiten Volksbefragung für die Startbahn nutzen?

Ich bezweifle, ob das für uns das richtige Instrument ist. Luftverkehr ist keine Alltagserfahrung. In Hof, Aschaffenburg oder Würzburg, wo die Menschen eher von Frankfurt abfliegen, können wir nur schwer ein Interesse oder eine Empathie für den Flughafen München wecken. Hier in der Region ist das leichter. Die Münchner sollten begreifen, was das mit ihrer persönlichen Lebenssituation zu tun hat. Die Startbahn schafft die Rahmenbedingungen dafür, dass unsere Kinder in 30 Jahren auch noch Wohlstand haben. Wir müssen schon was tun, um die Zukunft zu gestalten. Und dieses Projekt ist jetzt realisierbar.

„Jetzt“ bedeutet: Jetzt oder nie?

Alle warten darauf, dass das politisch entschieden wird. Ich rede mit Befürwortern und Gegnern, überall höre ich: Entscheidet bitte! Man darf nicht mehr so lange warten. Wir sind seit zehn Jahren mit dem Projekt unterwegs. Zehn Jahre! Wir haben einen zweistelligen Millionenbetrag für die Planung ausgegeben, jetzt ist das entscheidungsreif. Über den Bau muss meines Erachtens innerhalb der nächsten zwei Jahre entschieden werden. Ich glaube nicht, dass man das Projekt schieben kann – dann wäre es womöglich für immer weg.

Und der Flughafen-Chef Kerkloh auch?

Nein. Wenn die Politik Nein sagt, akzeptieren wir auch diese Entscheidung. Aber ich werbe sehr dafür. Diese Investition wäre ein enormer Motor für Bayern, der andere Branchen mitzieht. Ein Beispiel: Jedes Langstreckenflugzeug, das in München stationiert wird, bringt über 200 hochwertige Arbeitsplätze, das summiert sich zu Milliardengewinnen für die Region...

...die jetzt schon unter ihrem Wachstum und horrenden Mieten leidet!

Leute, denkt dran: Wir sind in einem internationalen Standortwettbewerb. Diese Startbahn ist die letzte, die in Deutschland gebaut werden kann. Wir werden Wachstum nicht verhindern. Ohne die dritte Startbahn wird es weltweit keinen einzigen Flug weniger geben – aber er wird eben anderswo abgewickelt, unter weniger strengen Umweltvorgaben und ohne Arbeitsplätze und Wertschöpfung für uns in Bayern. An Flughäfen, die nicht wie wir die Hälfte der Baukosten in Ausgleichs- und Renaturierungsmaßnahmen und den Schallschutz der Anwohner stecken.

Sie hassen die Frage nach den sinkenden Flugbewegungen, aber...

...nein. Ich kenne sie.

...die Notwendigkeit der Piste erschließt sich eben nicht, wenn die Zahl der Flüge dauerhaft sinkt.

Die Zahl der Flugbewegungen ist im Januar gestiegen, das war eine Trendwende. Die Fluglinien haben inzwischen auf größere Maschinen umgestellt, die werden immer voller, die Zahl der Fluggäste steigt ja seit Jahren kontinuierlich. Jetzt braucht es mehr Frequenzen, mehr Flüge. Was in der Debatte leider gerne totgeschwiegen wird: Entscheidend ist, wie viele Flüge wir in einer Stunde abwickeln können. Acht Stunden am Tag sind wir da in München bereits fast ständig am Maximum von 90 Bewegungen pro Stunde. Mit dieser Knappheit kämpfen wir schon seit 2005. Nur eine weitere Bahn wird den Engpass auflösen.

Das Interview führte Christian Deutschländer.

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