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Das Team bleibt dem Amarillo’s bis zum Schluss treu (v. l.): Irene Schlegel, Ariane Hofmann-Hernaiz, Bine Juranek, Jacky Cleever, Marisa Neglia und Trixi Klieber. Nicht auf dem Bild: Chiara Neglia. „Ohne das Team, die Gemeinde, die Kirche, unsere Lieferanten, Nachbarn und Gäste wäre es nie gegangen“, blickt Neglia auf die vergangen elf Jahre zurück.

Musikkneipe Amarillo’s in Forstern wird abgerissen

Aus der Traum

Forstern – Gerade auf dem Land schließen viele Wirtschaften, weil die Gäste ausbleiben. An Kunden mangelt es dem Amarillo’s in Forstern wahrlich nicht. Die Kneipe boomt. Doch im kommenden Frühjahr ist Schluss. Das gesamte Areal muss dem neuen Dorfzentrum weichen.

Es ist fast so, als würde der Traum von Marisa Neglia, 43, und Jacky Cleever, 56, in seine Einzelteile zerschmettert. In Schutt und Asche gelegt von einer riesigen Abrissbirne. Genau das wird im kommenden Frühjahr passieren, wenn mit den Häusern rund um den Wörlsaal auch ihre Kneipe Amarillo’s, und damit ihr gemeinsamer Traum ausradiert wird.

Sämtliche Gebäude auf dem Wörl-Areal weichen der neuen Ortsmitte samt Pfarrzentrum und Rathaus-Erweiterung. Den Wörlsaal hat die Gemeinde vor Jahren gekauft. Er ist längst geschlossen. Die Familie, die in der Wohnung darüber lebt, hat eine neue Bleibe in Aussicht. Es gibt noch Mieter, die Räume auf dem Gelände etwa als Lager nutzen. Ansonsten stehen die Gebäude leer – bis auf das Amarillo’s. Doch auch über ihm schwebt das Aus seit Jahren wie ein Damoklesschwert. Jetzt steht fest: Am 25. Februar 2017 sperren die Pächter ihre Musikkneipe für immer zu.

Promi-Besuch: Fritz Wepper (2. v. r.) war schon zu Gast.

Neglia und Cleever haben vor elf Jahren die Räume von der Erzdiözese München und Freising gepachtet. Das wunderschöne böhmische Gewölbe ist viele Jahrzehnte alt – und hat einst einen Kuhstall beherbergt. Vor mehr als 30 Jahren hat ein Italiener darin seine Gastwirtschaft eingerichtet. „Gianni hieß er“, erinnert sich Cleever. Später waren ein jugoslawisches und zwei griechische Restaurants darin, bevor die Musikkneipe einzog.

Einzelhandelskauffrau Neglia hat als junge Frau im Café Rottenbiller als Bedienung angefangen. „Ich habe aber schon immer von einer eigenen Bar geträumt“, erzählt sie – ein Traum, den sie mit Cleever teilte. Zusammen hatten sie früher einen Glühweinstand für soziale Zwecke organisiert und waren an einer Route-66-Bar im Eicher-Verwaltungsgebäude beteiligt, bevor ihnen die Räume an der Hauptstraße angeboten wurden.

Eine Saison noch

Der erste Vertrag lief bis 2008. Wehmut schwingt in jedem von Neglias Worten mit, als sie von den Abenden erzählt, an denen zum Fußball-Sommermärchen mitgefiebert wurde, Schauspieler Fritz Wepper seinen Geburtstag in Forstern feierte und die ersten Konzerte stiegen. Dann kam die Hiobsbotschaft: Das Areal wird abgerissen. Doch die Arbeiten wurden immer wieder verschoben, und mit ihnen auch das endgültige Aus des Amarillo’s. „Seit 2010 wurde der Pachtvertrag von Jahr zu Jahr verlängert“, sagt Cleever. Bis vor wenigen Wochen schließlich die Kündigung kam.

Eine Saison bleibt dem Amarillo’s noch, bis Ende Februar wird weiter gefeiert. Im März wollen Neglia und Cleever ihre Kneipe ausräumen. Wo sie das Inventar lagern oder ob sie es verkaufen, wissen die beiden noch nicht. Und danach?

Treue Stammgäste: Das Amarillo’s-Team kann auf seine „Familie“ zählen. Viele Besucher sind von Anfang an Fans der Forsterner Tex-Mex-Bar.

„Sicher haben wir gewusst, dass es irgendwann vorbei ist. Doch jetzt ging es schneller als erwartet“, sagt Neglia mit Tränen in den Augen. Plan B? „Gibt’s noch nicht, wir müssen komplett umdenken.“ Die beiden hätten einige Objekte angeboten bekommen, zum Beispiel Sportgaststätten. „Aber das ist nicht unser Ding“, sagt Neglia. In Sachen Gastronomie wollen sie nichts übers Knie brechen. „Die Philosophie muss stimmen. Und wir wollen hier nicht weg“, ergänzt der gebürtige Österreicher Cleever, der vor 21 Jahren nach Forstern gezogen ist. Der Liebe wegen, wie er sagt, der Liebe zu seiner Marisa wegen. Beim Lied „Amarillo By Morning“ haben sich die USA-Fans einst kennengelernt. Der Song wurde zum Lieblingslied – und gab später der Kneipe ihren Namen.

Nicht zu übersehen: die knallbunte Amarillo’s-Fassade.

Mit viel Liebe zum Detail haben sie das Amarillo’s her- und eingerichtet – von dicken Fässern als Stehtischen über die kleine Bühne bis zum Außenanstrich. Zu übersehen ist das Lokal, das die Pächter „Tex-Mex-Bar & more“ nennen, jedenfalls nicht – sonnengelb die Fassade, knallrot die Mauer davor. Ein strahlender Farbtupfer in der ansonsten recht tristen Umgebung des Abriss-Areals.

Innen tauchen Lichterketten am Gewölbe den Raum in gemütlichen Schein. An der Bar hängen Tannengirlanden und zwischendrin – warum auch immer – Bananen. Die Wand zieren Foto-Collagen mit vielen Schnappschüssen aus den vergangenen Jahren. „Amarillo’s and Friends forever“ steht auf einem Bild.

Die Deko ist ein liebenswürdiges Sammelsurium an Erinnerungsstücken. Den schwarzen Sombrero etwa hat ein Spezl des Paares aus Los Angeles mitgebracht, das Longhorn ist ein Souvenir ebenfalls aus den USA, dazwischen hängen Blechschilder und Fotos vom King of Rock’n’Roll. Eine „Huldigung an den Chef“ nennt Cleever seine Elvis-Ecke.

„Wir sind hier eine richtige Familie“

Warum, ist unverkennbar. Cleevers Look bis hin zur Frisur schreit förmlich nach Elvis. Wen wundert’s? War der heute 56-Jährige doch in den 80er und 90er Jahren ein bekannter Elvis-Imitator, spielte sogar die Hauptrolle in einem Elvis-Musical in München.

Bei so viel musikalischer Leidenschaft gehören Auftritte von Livebands im Amarillo’s einfach dazu – von Pop über Irish Folk und Country bis hin zu Fifties-Rock’n’Roll. Bands aus ganz Bayern und sogar aus den USA haben in dem gemütlichen Musiklokal schon gespielt.

„Das heimelige Gewölbe macht den Raum besonders intim. Die Bands sind bei uns mittendrin, da wurlt’s richtig“, sagt Cleever, der selbst regelmäßig zu Gast auf seiner eigenen Bühne ist. Mit der Amarillo’s House Band „Jack and the Daniel’s“ zum Beispiel – einem zusammengewürfelten Haufen musikalischer Gäste.

Nicht nur hinter der Bar, sondern auch auf der Bühne ist Jacky Cleever (l.) zuhause – hier mit Gustl Erl in der Formation „Gams N’ Roses“.

„Wir lachen, wir weinen, wir singen zusammen. Die Leute können ihren Kummer da lassen – wie es sich für eine Bar gehört. Wir sind Seelsorger, Spaßmacher – zehn Berufe in einem. Und wir sind eine richtige Familie“, sagt Neglia, und kämpft wieder mit den Tränen. So richtig realisiert, dass sie in wenigen Monaten zusperren muss, hat sie es noch nicht.

Und auch die Gäste sind fassungslos. Es ist vor allem ein Wort, das man dieser Tage hört, wenn es ums Amarillo’s geht: Schade. „Alle bedauern, dass wir schließen“, sagt Cleever und erzählt lachend von ein paar Besuchern, die angekündigt hätten, in Sitzstreik zu treten. „Es ist schön, wie die Leute zu uns halten. Aber es tut auch weh“, sagt Neglia.

Es ist Donnerstagabend, 19 Uhr. Aus den Boxen tönt der Ray-Charles-Klassiker „Hit the road Jack!“. Die Hocker an der Bar sind voll besetzt. Die Gäste trinken Wein, ein Bierchen, eine Cola. Sie ratschen, lachen, haben Spaß. „Das ist unsere Bar-Skyline“, sagt Cleever grinsend. Altersgrenzen gibt’s hier nicht. Die Jüngsten sind 16 und kommen mit ihren Eltern her. Der älteste Gast ist 87 Jahre alt – und wohnt nur wenige Gehminuten entfernt.

„Hier hat es nie Ärger gegeben“

An der Stirnseite der Theke sitzt Rul Kellner (50) mit seinem Spezl Willi (51). „Hier ist unser Wellnessbereich, unser Stammplatz“, sagen sie mit einem Augenzwinkern. „Es ist schade für Forstern, dass die Bar zumacht. Und es ist schade für die Kulturlandschaft hier. Bands, die man sonst nur in München für teures Geld sieht, gibt’s hier für ein paar Euro. Außerdem hat es hier noch nie Ärger gegeben, keine Aggressionen, keine Handgreiflichkeiten“, erzählt Kellner.

Volles Haus: An Gästen mangelt es dem Amarillo’s in Forstern nicht.

Nach einem Konzert vor fünf Jahren in München sind die beiden auf der Heimfahrt nach Isen auf einen Absacker im Amarillo’s eingekehrt – „und es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Kellner, der nicht nur privat Stammgast ist. Mit seiner Band Gefälschte Polnische Papiere hat der Sänger Ende Januar die Ehre, gleich an zwei Abenden aufzuspielen. „Und ganz zum Schluss gibt’s 48 Stunden lang Großkampfzeit mit hoffentlich vielen ehemaligen Wegbegleitern“, sagt Cleever.

Zu ihnen zählen sicher auch Sandra (37) und Joe (43) aus Karlsdorf. Das Ehepaar ist seit zehn Jahren Stammgast – wie die meisten Besucher. Man kennt sich. Und wer neu ist, lernt die anderen einfach kennen. „Dass hier bald Schluss ist, ist für uns alle schlimm“, sagt Sandra. „Wo spielen denn heute noch Livebands? Wo gibt es denn noch Kleinkunst?“ Ihr Mann ergänzt: „Hier ist immer was los, und es ist sehr familiär.“

„Es steckt so viel Herzblut hier drin“

Wortwörtlich zur Familie gehört Jenny Klieber. „Ich bin die Nichte des Hauses“, erzählt die 24-Jährige. Ihre Mama Trixi ist Cleevers Schwester und bedient im Amarillo’s. Sie ist eine von fünf Mitarbeiterinnen, die Teilzeit in der Bar arbeiten. Und sie alle halten dem Amarillo’s bis zum Schluss die Treue.

Auch Jenny hat früher hier gekellnert. Sie ist mit der Tex-Mex-Bar aufgewachsen, seit ihre Familie vor zehn Jahren nach Forstern gezogen ist. „Jetzt muss ich meine Jugenderlebnisse gehen lassen und meinen Traum, hier meine Hochzeit feiern zu dürfen“, sagt Klieber. Das Amarillo’s sei Singlebörse, Therapiestunde und vieles mehr. „Es steckt so viel Herzblut hier drin. Für viele Menschen ist das Amarillo’s wie ein zweites Zuhause, und es hängen Existenzen dran.“

Das Aus ihrer Bar haben Cleever und Neglia vor zwei Wochen auf Facebook verkündet: „Ja, es ist nun Gewissheit. Das Amarillo’s schließt am 25. Februar 2017 für immer seine Pforten.“ Doch statt Trübsal zu blasen, wollen sie es weiter richtig krachen lassen: Feiern, bis die Bagger anrollen.

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