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Ist alles wasser- und luftdicht? Bevor es ins dunkle Nass geht, muss die Ausrüstung sitzen.

Faulturmtaucher im Klärwerk Neufinsing

Abtauchen in die zähe Dunkelheit

Neufinsing – Absolute Finsternis, umgeben von zähem Schlamm, Atemluft aus dem Schlauch: Faulturmtaucher haben keinen angenehmen Job. Platzangst und Ekel darf man nicht empfinden, wenn man in die Tiefen der Klärwerkstürme taucht.

Es riecht nach faulen Eiern. Im tiefen Loch wabert zäh der schwarze Klärschlamm. Die drückende Hitze ist bis zum Rand der Einstiegsluke zu spüren. Siegfried Richter wird dort gleich hinabsteigen. Doch der Gestank stört ihn wenig. Er bekommt in seinem luft- und wasserdichten Anzug nichts davon mit. Richter ist Faulturmtaucher – und reinigt an diesem Tag einen Turm der Neufinsinger Kläranlage.

Ein wenig klein fühlt man sich schon vor dem größten der drei Faultürme der Anlage. Immerhin ist er 24 Meter hoch. Um aufs Dach zu gelangen, muss man erst einmal vier Treppen erklimmen – und dann steht man vor dem Loch. Es hat vielleicht einen Meter Durchmesser, und es führt in absolute Dunkelheit.

Der Geruch ist nicht gerade angenehm, aber die Arbeiter des Klärwerks sind das gewohnt. Es ist der typische Geruch nach faulen Eiern, der einem manchmal bei einem Spaziergang um das Werk vom Wind zugetragen wird. Betriebsleiter Markus Mayer kennt den Einstieg auf dem Dach. Der schwarze Klärschlamm wirkt nicht besonders einladend, aber Industrietaucher Richter macht das schließlich nicht zum ersten Mal: Er lässt sich ohne zu zögern in die Brühe abseilen.

Er verschwindet für 127 Minuten im Faulturm. Den Großteil davon ist er damit beschäftigt, hauptsächlich Sand am Boden des Turms abzupumpen. Der Sand beeinträchtigt die Funktionsfähigkeit der Kläranlage und muss raus. Bevor er den Klärschlamm wieder verlassen darf, muss Richter noch 20 Minuten in drei Metern Tiefe verweilen, um den Stickstoff aus seinen Lungen ganz langsam wieder abzuatmen. Dekompression nennt man diesen Vorgang.

Richter, 56 Jahre alt, ist Chef der Firma Tauchbetrieb S. Richter GmbH. Als Kampfschwimmer in der ehemaligen DDR hat er angefangen und war danach als Taucher auf Bohrinseln tätig, bevor er seine kleine Firma in Schenefeld, im Nordwesten Hamburgs, gegründet hat.

Für den 24 Meter hohen Faulturm, den größten des Klärwerks in Neufinsing, brauchen die Industrietaucher insgesamt 22 Tage. Vier weitere Taucher, die laut Richter allesamt „ebenfalls von der Küste stammen“, unterstützen ihn bei seiner Arbeit. Sie wechseln sich nach jedem Tauchgang ab. Zwei Taucher gleichzeitig würden sich mit den Schläuchen verknoten. Während an einem Tag vier der fünf Männer abtauchen, darf einer immer aussetzen.

Den kompletten Tauchgang über müssen sie sich auf ihren Tastsinn verlassen. Denn umgeben vom rund 36 Grad warmen Klärschlamm sieht man absolut nichts. „Es macht in der Zeit auch keinen Sinn, die Augen offen zu haben“, sagt Richter – also lässt er sie zwei Stunden lang einfach zu. Als er wieder auftaucht, wirkt er ein wenig verschlafen. Seine Augen müssen sich erst wieder ans Sonnenlicht gewöhnen.

Die Kollegen, die während des Tauchgangs oben an der frischen Luft verweilen, haben aber auch einiges zu tun. Sie schalten die Pumpe ein und halten Kontakt zu dem Mann, der am Fuß des Turms steht und die Maschine zur Entwässerung des Schlamms bedient. Ständig verbunden sind sie auch mit dem Taucher im Turm, falls es zu Problemen mit den Schläuchen oder der Ausrüstung kommen sollte. „In den letzten 25 Jahren ist aber nie was passiert“, sagt Richter.

Seine Firma, die sich zwar auf Faultürme, Nachklärbecken oder auch Biogasanlagen spezialisiert hat, erledigt auch andere Taucharbeiten, solange das Gewässer nicht über 55 Grad heiß wird. Es gibt in Deutschland nicht viele Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, nicht einmal eine Handvoll. Kein Wunder also, dass die Taucher den weiten Weg von Hamburg auf sich nehmen, um in Neufinsing ihre Arbeit zu machen.

Dafür muss ein Industrietaucher im Prinzip alle Aufgaben eines Handwerkers unter Wasser beherrschen. Deshalb steht vor der Ausbildung zum Berufstaucher auch eine Ausbildung in einem Handwerk, zum Beispiel als Schlosser oder Zimmerer. „Der Beruf fordert einen schon stark. Man muss beißen“, sagt Richter.

Damit dabei keine gesundheitlichen Gefahren drohen, müssen die Taucher einmal im Jahr zum Arzt, um den Beruf weiter ausüben zu dürfen. Alle Taucher wirken fit, und das müssen sie auch sein. Immerhin tragen sie zwei Stunden lang eine bis zu 40 Kilo schwere Ausrüstung. Denn um im Klärschlamm bis nach unten zu kommen, wird der Tauchanzug mit Gewichten beschwert, die vor dem Einsteigen in die schwarze Brühe als Weste umgehängt werden.

Zum Schluss bekommt der Taucher den schweren Helm aufgesetzt. Das kleine Sichtfenster erscheint zumindest im Faulturm selbst sinnlos. Sobald der Taucher das Zeichen gibt, dass alles dicht ist und passt, wird er an einem Gestell durch die Einstiegsluke in den Turm abgeseilt.

Während oben der Schlamm noch größtenteils aus Wasser besteht, setzen sich am Boden der Faultürme Mineralien, Sand und Reste aus dem Abwasser, zum Beispiel Hygieneartikel, sowie Fäkalien ab. Diese feste Schicht im größten der Türme in Neufinsing schätzt einer der Taucher auf eine Dicke von fünf bis sechs Metern. Der Sand und die sonstigen Bestandteile müssen abgetragen werden, da sonst der Klärschlamm nicht mehr fließen kann und die Gasproduktion nicht mehr funktioniert. Der Schlamm wird nach unten gepumpt, entwässert und verbrannt.

Was genau in einem Faulturm passiert, erklärt Thilo Kopmann, Vorstand des gemeinsamen Kommunalunternehmens Ver- und Entsorgung München-Ost. Er vergleicht den Faulturm mit einem Magen: „Im Magen arbeiten Organismen, die dafür sorgen, dass dem Körper Energie zugeführt wird. Ähnlich ist es mit den Türmen“, sagt Kopmann. Dort lagert der Klärschlamm, der von Mikroorganismen zersetzt wird. Dabei entstehen Gase wie Methan, das zur Stromerzeugung im Blockheizkraftwerk verbrannt wird.

Nachdem der Taucher seine einsame Arbeit vollbracht hat und wieder aufgetaucht ist, wird er samt Anzug mit einem Schlauch abgespritzt. Für den nächsten Einsatz muss alles sauber sein, auch wenn die Ausrüstung wieder im Schlamm versinkt.

Die Froschmänner der Firma machen das ständig. Und doch würde Richter selbst im Urlaub noch tauchen gehen. „Was Besonderes muss es dann aber sein“, sagt er. In Australien das Great Barrier Reef erkunden oder Haitauchen in Südafrika zum Beispiel. In den Ferien lässt sich der 56-Jährige also lieber eine frische Brise um die Nase wehen – den belebenden Geruch von Meer, Salz und Sonne.

Von Franziska Huber

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