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Für das Wohl der Flüchtlinge (v. l.): Asyl-Sozialbetreuerinnen Veronika Wegmaier und Anja Wosch sowie Petra Strasser von der Gemeindeverwaltung und Christian Blatt, Fachbereichsleiter Asyl im Landratsamt, vor einem der vier Wohnmodule.

Unterkunft bei Oberding

Gegen die Berührungsängste

Oberding – Eines der größten Flüchtlingsheime der Region ist auf Oberdinger Flur zwischen Flughafentangente und Erding-West entstanden. Seit zwei Monaten können dort Asylbewerber leben. Jetzt ziehen die Vertreter von Helferkreis, Gemeinde und Landratsamt ein erstes Zwischenfazit.

von Friedbert Holz

Wohl ganz bewusst hat der Oberdinger Gemeinderat die Zufahrt zu den vier Wohnmodulen, die Vinzenz-von-Paul-Straße, nach jenem französischen Priester benannt, der im 17. Jahrhundert als sozialer Vorkämpfer bekannt und dafür sogar heiliggesprochen wurde. Er gilt als Begründer der neuzeitlichen Caritas, der nach dem Leitsatz „Liebe sei Tat“ lebte.

25 junge Männer aus Afghanistan, Pakistan, dem Senegal und Nigeria bewohnen mittlerweile zwei der vier Wohnmodule. Diese jeweils zweistöckigen Container-Einheiten bieten Platz für 108 Flüchtlinge, die in Zwei-Personen-Zimmern untergebracht sind. „Wir kümmern uns von der Akquise bis zur Bewirtschaftung“, sagt Christian Blatt, Fachbereichsleiter Asyl im Landratsamt.

„Viele der Flüchtlinge sind schon länger bei uns und haben in anderen Unterkünften gelebt. Aus verschiedensten Gründen wurden sie umgesiedelt“, erzählt Blatt. Denn manche der über 100 Unterkünfte im Landkreis werden Schritt für Schritt aufgelöst (wir berichteten). In jedem der Module gibt es eine große Küche mit vier Elektro-Herden, einen Aufenthaltsraum mit Fernseher sowie sanitäre Anlagen. Hinzu kommt ein Raum mit je fünf Waschmaschinen und Trocknern.

Die 20 Quadratmeter großen Zimmer sind mit Betten, Spinden sowie Tisch und Stühlen möbliert. Zudem gehört ein großer Kühlschrank mit zum Bestand, „denn sonst“, so Blatt, „gäbe es wohl ständig Streitereien darüber, wem welches Lebensmittel gehört“. Die Wohneinheiten gelten wegen des Brandschutzes als strikter Nichtraucherbereich.

Rauchmelder abmontieren geht nicht

Das ist ein ständiges Diskussionsthema. Denn manche der Flüchtlinge haben seit ihrem Einzug Ende Juni Teppiche als Bodenschmuck besorgt, sitzen auf privat organisierten Sofas. Was die persönliche Wohnlichkeit erhöht, würde allerdings im Fall eines Feuers verheerende Wirkung haben. Einige waren sogar so kühn und haben Rauchmelder in ihren Zimmern abmontiert. „Das geht natürlich nicht“, so Blatt, „das müssen wir leider permanent kontrollieren“.

Aber wieso ist die Unterkunft so weit von den Ortschaften entfernt? „Von allen möglichen Standorten ist das der beste. Hier ist genügend Platz für vier Module samt einer gefälligen Außenanlage. Zudem haben die Flüchtlinge hier eine sehr gute Anbindung an eine Bushaltestelle und zu zwei Supermärkten“. Oberdings Bürgermeister Bernhard Mücke ergänzt: „Private Immobilien waren nicht im Angebot, als wir eine Fläche für diese Unterkunft suchten. Eine Möglichkeit wäre gewesen, die Wohnmodule im Schwaigermoos aufzubauen. Doch dort gibt es keine befriedigende Busverbindung. Zudem bietet der jetzige Standort sehr gute soziale Kontakte nach Erding – viele der Flüchtlinge kommen ja von dort. Und wer nach Oberding möchte: Mit dem Fahrrad sind es gerade mal fünf Minuten bis Aufkirchen.“

Die Gemeinde hat das Gelände vom Dorfener Bauträger Georg Scharl auf elf Jahre gepachtet, die Anlage selbst ist gemietet. Eventuell, so Mücke weiter, soll eine Bepflanzung den jetzigen Bauzaun ersetzen. Dann wäre ein besserer Schall- und Sichtschutz zur Bundesstraße hin möglich.

Auch wenn die übrige Begrünung noch fehlt, macht die Anlage schon jetzt einen sauberen Eindruck. Petra Strasser, Verwaltungsangestellte in der Gemeinde und Bindeglied zwischen Rathaus und Helferkreis, ist zufrieden mit dem bisher Erreichten. „Laut Plan sollen einmal rund 90 Flüchtlinge zu uns kommen. Wir sind bestens gerüstet.“

Ohne den Helferkreis, dem schon gut 50 Oberdinger angehören, würde das tägliche Leben wohl kaum funktionieren. „Wir sind mit rund acht Mitgliedern nahezu jeden Tag dort, kümmern uns um die Flüchtlinge und ihre Sorgen“, sagt Sprecherin und Gemeinderätin Andrea Hartung. „Wir sehen uns als Botschafter zwischen den Flüchtlingen und der hiesigen Bevölkerung. Denn immer noch haben viele Bürger hier Berührungsängste mit den neuen Bewohnern unserer Gemeinde. Doch wir wollen dafür sorgen, dass sich alle sicher und wohl in ihrer Haut fühlen“, so Hartung.

Das funktioniert aber nur über gelebte Integration. „Deshalb haben wir für alle Flüchtlinge Fahrräder besorgt, damit sie mobil sind. Allerdings mussten sie dafür auch eine Kaution hinterlegen, denn wenn kein erkennbarer Wert dahinter liegt, wird auch nicht darauf geachtet. Zwei unserer Mitglieder, Franz Neumaier und Günter Daimer, kümmern sich um die kleinen technischen Pannen, die passieren können, Karl-Martin Klein gibt den Flüchtlingen Deutsch-Unterricht“, erzählt Hartung.

„Unglaublich, wie viele Leute noch Angst haben“

Sie ist stolz auf ihre engagierte Truppe, der kein Weg zu weit ist. „Vor kurzem haben wir eine Tischtennisplatte aufgebaut, und im Herbst wollen wir Gras für einen Bolzplatz ansäen. Außerdem wünschen sich alle Bewohner dringend WLAN, der Kontakt zu ihren Familien ist elementar wichtig. Vor allem aber langweilen sich unsere jungen Männer aus Afrika, die derzeit noch nicht arbeiten dürfen.“ So gebe es manchmal Konflikte mit jenen, die täglich zur Arbeit fahren – in einer Security-Firma, beim Paketdienst, in der Therme oder in der Gastronomie.

Zudem gibt es bereits gute Kontakte zu den Sportvereinen FC Schwaig und TuS Oberding. „Fußball steht natürlich an erster Stelle des Interesses. Aber wir haben sogar einen erfolgreichen 400-Meter-Läufer aus Pakistan unter uns, der hier trainieren möchte“, erzählt die Sprecherin.

Trotz allem hat Hartung noch viele Wünsche – an die Flüchtlinge sowie an Oberdings Bevölkerung. „Den Umgang mit Sauberkeit in der Unterkunft müssen viele unserer jungen Männer noch lernen. Manchmal bin ich etwas schockiert, wenn ich in eine der Küchen oder den Waschraum komme. Da steht ungewaschenes Geschirr, da ist der Boden mit Waschpulver bedeckt. Aber“, relativiert sie, „besser würde es bei einer Gruppe junger Deutscher nach dem gemeinsamen Kochen wahrscheinlich auch nicht aussehen“.

Was Oberdings Bürger angeht, sei es für sie „unglaublich, wie viele Leute Angst vor unseren Zuwanderern haben. Dabei sind alle meist sehr freundlich und friedlich. Ich kann nicht verstehen, wenn mich einige Bürger fragen, ob ich mich nicht fürchte, wenn ich dort alleine unterwegs bin. Vielleicht wäre es gut, wenn mehr Bürger Zugang zu unseren Flüchtlingen finden würden. Schließlich ist der Umgang mit anderen Kulturen lehrreich und spannend zugleich“. Vinzenz von Paul, der sich schon vor 400 Jahren für Arme und Flüchtlinge eingesetzt hat, hätte dem wohl nichts hinzuzufügen.

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