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Die Lappachtal-Brücke ist fertig und führt dicht an Häusern vorbei. Rechts und links davon wird noch gebaut.

Ortsbesuch bei halbfertiger Autobahnschneise

A94-Baustelle: Lehmbraune Furche im Isental

Dorfen - Wie ein fetter brauner Mehlwurm frisst sich eine halb fertige Autobahnschneise durch das Isental östlich von Erding. 2019 soll die A94 eröffnet werden – trotz 30 Jahren Widerstands dagegen. Ein Ortsbesuch.

Heiner Müller-Ermann, 67, Jeans, Wuschelbart, steht auf einem Hügel, er streckt die Arme aus und blickt in die Ferne. Ein bisschen sieht er aus wie Jesus im gelobten Land, nur dass die einst sanfte und sattgrüne Hügellandschaft ganz unbiblisch von Baggern und Lastwagen zerfurcht daliegt. „Saubande verreckte“, entfährt es Müller-Ermann.

Man merkt: Ganz abgefunden hat sich die einstige Galionsfigur des A94-Widerstands mit dem Bau noch nicht. Aber er sei nicht verbittert, das sagt er mehrmals. Viele Unterlagen, 13 Umzugskisten, hat er weggeworfen, den Rest weit entfernt von seinem Haus eingelagert. Der A94-Protest ist Geschichte. Aber als dann mittags um 12 Uhr das Lindumer Kircherl bimmelt, was auch an der frisch betonierten Lappachtal-Brücke gut zu hören ist, da ist es für Müller-Ermann wie bei einem „alten Zirkuspferd, das die Musik hört“, und er muss kräftig schlucken. Das Lindumer Kircherl war einst Treffpunkt des Widerstands gegen die Isental-Autobahn.

Die sogenannte Isental-Trasse wälzt sich wie ein träger lehmbrauner Strom durch die Landschaft. Teilweise dicht vorbei an Häusern, deren Anwohner bald eine Autobahn vor der Nase haben werden. Im März war Baubeginn, Ende 2019 soll die Strecke fertig sein. Sie ist Teil der Autobahn von München bis Pocking bei Passau. 33 Kilometer zwischen Pastetten, Dorfen und Heldenstein baut ein internationales Konsortium mit niederländischer und französischer Beteiligung. Es entstehen vier Anschlussstellen und 58 Brücken – die größte über die Isen mit einer Spannweite von 600 Metern.

Oberhalb von Dorfen, in der Mitte der Isental-Autobahn, sind vier Höfe, die Keimzellen des Protests waren. Müller-Ermann kennen hier alle. „Servus Heiner“, begrüßt ihn der Bauer Anton Wastl, der gerade seinen Kühen die Klauen kürzt. Wastl war Kläger gegen die A94.

Doch der Kampf ist verloren – 50 Meter unterhalb des „Bauern am Eck“ rumpeln nun Lastwagen auf der breiten Furche dahin. Am Ende hat Wastl, wie jeder hier, seinen Grund abgetreten. Gutes Ackerland, wie er betont. Er nennt das „Zwangsverkauf – sonst hätte ich zehn Jahre aufs Geld warten müssen“.

Heiner Müller-Ermann steigt den Hang runter, er ist durchzogen von Wasserrinnen. Vor einigen Monaten gab es hier einen Erdrutsch, nun wird dem Hang aufwändig Beton injiziert, damit er hält. Das Dorfener Isental, sagt Müller-Ermann, ist ein Quellgebiet, es gibt zahllose Rinnsale, die den Autobahn-Erbauern jetzt zusetzen. Der Widerständler Müller-Ermann, seit 50 Jahren Sozialdemokrat, seit 30 Jahren im Widerstand gegen die A94, seufzt. „Das ist doppelt bitter, wenn man sieht, dass man hinterher recht hat.“

„Servus Heiner“ - Landwirt Anton Wastl (M.) mit seinem Sohn. Rechts Heiner Müller-Ermann.

Der Spaziergang geht weiter, vorbei an Widerstandsrelikten von einst: ein Findling aus dem Bayerischen Wald, acht Tonnen schwer. Ein rostiges Rückgrat, mit dem die SPD mal signalisierte, dass man es sich nicht verbiegen lassen werde. Ein Schild mit der Aufschrift „Wir werden unsere Heimat nicht verkaufen“. 50 Meter vom „Bauern am Eck“ entfernt stand früher der legendäre Schwammerl, ein mannshoher Fliegenpilz – Symbol des Widerstands. Er ist nun eingelagert im Dorfener Bauhof – sonst hätten ihn die Bagger wohl eingeebnet.

Die Fahrt führt von Dorfen einige Kilometer nach Osten, nach Schwindkirchen. Auf der Anhöhe blickt man links nach Norden auf den legendären Bräu zur Loh, wo einst Georg Lohmeier aufgewachsen ist.

Auch ihn wollte Müller-Ermann einst für den Widerstand rekrutieren. Aber der königstreue Schriftsteller taugte irgendwie nicht als Aushängeschild gegen die A94. Dann schon lieber die Biermösl Blosn, die vor 5000 Zuhörern ein Freiluftkonzert gaben. Lang ist’s her.

500 Meter von Schwindkirchen entfernt werden die Fundamente der Goldachtal-Brücke betoniert. „Metzeleien in der Landschaft“ – so sagt es Müller-Ermann. Er regt sich jetzt doch auf. Obstbäume wachsen neben Baucontainern. Der Bauernhof, der da einst stand, wurde für die A94 abgerissen.

Müller-Ermann hält die Entscheidung, die Autobahn durch das Isental zu führen, nach wie vor für einen kapitalen Fehler. Würde die Autobahn hier einige Kilometer südlich auf der Trasse der heutigen B12 entlangführen, müsste weniger Landschaft zuasphaltiert werden, sagt er. Einen Hauptschuldigen für die A94 will Müller-Ermann nicht nennen, aber öfter fällt doch der Name des einstigen Innenministers Gerold Tandler, der das Projekt maßgeblich vorangetrieben habe. Auch der Richter Erwin Allesch, der im A94-Verfahren gegen die Gegner entschied, kommt nicht gut weg. Fast eine Million Euro haben die Kläger in Prozesse investiert.

Und dann wäre da noch die eigene SPD, der Müller-Ermann Wankelmütigkeit vorhält. Nur Renate Schmidt habe einst zu 100 Prozent hinter ihnen gestanden. Mit dem ehemaligen Mühldorfer Bürgermeister Günther Knoblauch, Sozialdemokrat und Vorsitzender des Vereins „Ja zur A 94“, ist er bis heute verfeindet. Mehrmals hätte Müller-Ermann vor Wut beinahe sein Parteibuch zurückgeschickt. Das kann nicht mehr passieren. Er hat es einem Bauern gegeben. Der verwahrt es an einem unbekannten Ort.

Wenn die A 94 fertig ist, soll Dorfen Baumarkt, Tankstelle und McDonald’s bekommen. Ein Autobahn-Anschluss zieht Gewerbe nach sich. Das, so bemerkt Müller-Ermann bitter, seien wohl die Segnungen des Fortschritts.

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