Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt 

Jobwunder Asyl – ein ferner Traum

Walpertskirchen – Viele Wirtschaftsbosse waren überzeugt: Die Flüchtlinge werden dabei helfen, den Fachkräftemangel in Deutschland zu bewältigen. Doch bis zum Arbeitsvertrag gibt es viele Hürden – nicht nur sprachliche.

Jarvad Rezaei hat etwas, von dem tausende andere Asylbewerber träumen: einen Job. Der Afghane lebt seit zwei Jahren in Walpertskirchen, seit Juli ist er Hilfsarbeiter bei Elektro Glockshuber. „Arbeit ist gut, Kollegen auch gut“, sagt der 20-Jährige. Sein Deutsch will er noch verbessern, im Alltag hilft ihm ab und zu die Übersetzungs-App auf dem Handy. Sein Chef Andreas Glockshuber hat sich den jungen Mann erst einmal bei einem Praktikum angeschaut. „Ich habe auch nicht gewusst, ob das funktioniert“, gibt der Elektromeister zu. Aber nach zwei Wochen hat er Rezaei übernommen – für ein ganzes Jahr.

Fünf Küchenhelfer aus 240 Bewerbern

Der Weg zur Festanstellung auf ein Jahr war für die Firma Glockshuber steinig. „Es war nicht ganz einfach mit den Behörden“, erzählt der Chef. Die Bürokratie zwischen Arbeitsamt und Landratsamt sei relativ kompliziert gewesen.

Für Bernhard Rötzer sind diese Verwaltungsabläufe dagegen Alltag. Der Erdinger Gastwirt beschäftigt schon seit Jahrzehnten ausländische Mitarbeiter, derzeit auch Asylbewerber. Nach der Zuteilung durch die Agentur für Arbeit dauere die anschließende Arbeitserlaubnis durch die Ausländerbehörde nicht mehr als zwei Tage, erzählt der Chef des Gasthauses Zur Post. Für die Dauer des in der Regel einjährigen Vertrags bekämen die Asylsuchenden problemlos einen Duldungsbescheid.

Rötzer sieht die Probleme aber nicht in der Bürokratie, sondern vor allem bei den Flüchtlingen selbst. Unter ihnen seien durchaus tüchtige und anständige Mitarbeiter zu finden, sagte er. „Leider sind diese aber die Ausnahme.“ Die fünf Küchenhelfer aus Eritrea, Syrien und Pakistan, die aktuell bei ihm arbeiten, seien aus 240 Bewerbern ausgesucht.

„80 Prozent kommen schon mal gar nicht zum Vorstellungsgespräch“, erzählt der 56-jährige Gastronom. Im nächsten Schritt würden manche nicht zum Probearbeiten erscheinen oder den Versuch nach wenigen Stunden abbrechen.

„Die sind schon motiviert, aber sie haben oft eine andere Einstellung zur Arbeit“, bestätigt Monja Rohwer, Geschäftsführerin des Jobcenters Aruso, diese Erfahrungen. Die Sprache bleibe das größte Problem, erzählt sie. Dazu kämen auch kulturelle Hürden. Zum Beispiel müsse der eine oder andere Aruso-Kunde noch lernen, dass in Deutschland auch eine Frau zum Lebensunterhalt einer Familie beiträgt.

Rötzer formuliert das deutlicher. „Das Bildungsniveau ist grottenschlecht“, meint der Erdinger. Wenn überhaupt hätten Flüchtlinge eine Chance in der Gastronomie oder im Lager – von ihnen aber auch nur die wenigsten. Deswegen sei „der Vergleich mit den Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg völlig daneben“.

Knapp 30 Arbeitsaufnahmen von Asylsuchenden habe es heuer im Landkreis Erding gegeben, berichtet Aruso-Chefin Rohwer. Ihre Behörde kümmert sich um Flüchtlinge ab deren Anerkennung. Insgesamt 300 „Erwerbsfähige Leistungsberechtigte“, so der Begriff im Behördendeutsch, führt Aruso als Kunden aus diesem Personenkreis. Zwei Vollzeitkräfte sind im Jobcenter ausschließlich für Asylbewerber zuständig. Diese Mitarbeiter seien absolut ausgelastet, berichtet Rohwer.

„Im Herbst 2015 ging’s los“, blickt die Geschäftsführerin zurück. Kurz darauf habe Aruso etwa 40 Bedarfsgemeinschaften mit Asylberechtigten gehabt. Derzeit kämen pro Monat etwa 20 neue anerkannte Asylbewerber ins Jobcenter. Früher seien viele Anerkannte weggezogen. Mit der Wohnsitzauflage und der zunehmenden Abarbeitung der Asylanträge durchs Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) werde sich die Zahl im Kreis Erding zwangsläufig stark vergrößern. Derzeit seien hier etwa 1000 Menschen aus Ländern mit guten Anerkennungsaussichten im Asylverfahren, berichtet die Behördenleiterin.

Die Sprache ist das Problem

Einer davon ist Rezaei. Der Kontakt zu seinem Hilfsarbeiter aus Afghanistan sei ganz natürlich entstanden, erzählt Glockshuber. Seine Firma betreue mehrere Flüchtlingsunterkünfte. Daher habe er in den jeweiligen Gemeinden Kontakt zu Asylsuchenden. „Ich interessiere mich halt dafür, wer da ist“, sagt der 43-Jährige insbesondere in Bezug auf seinen Heimatort Walpertskirchen. Dort leben Rezaei und sein 16-jähriger Bruder Reza.

Der 20-Jährige stammt aus dem afghanischen Herat. Seine Eltern seien bei einem Anschlag umgekommen, erzählt er. Die erste Etappe der Flucht war Iran, wo die Brüder fünf Jahre lang lebten. Der Ältere arbeitete als Stuckateur. Baustellen kannte er also schon. „Er kapiert alles schnell“, sagt Glockshuber. Auch mit den Kollegen komme der junge Afghane gut aus, nur mit der Sprache sei es manchmal ein Problem.

Für die Aruso-Chefin ist das ein klassisches „Integrationshemmnis“, also ein Problem für den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Viele Aruso-Kunden, auch die deutschen, hätten Hemmnisse wie Langzeiterkrankungen, familiäre Schwierigkeiten oder psychische Probleme. Um diesen Menschen eine Chance zu geben, brauche es „sozial engagierte Arbeitgeber“.

Personalnot in der Gastronomie

Nach Rötzers Erzählungen steht für ihn die gute Tat nicht im Vordergrund, wenn er Asylbewerber einstellt. Sicher, er gebe ihnen eine Chance und komme ihnen zum Beispiel auch bei den Arbeitsstunden entgegen – etwa im Fall eines Eritreers, der von Lindum mit Rad, Bahn und anschließend S-Bahn zur Arbeit in Erding pendele.

Doch er sieht sich gezwungen, Flüchtlinge zu beschäftigen. „Die Gastronomie ist personell in einem sehr schwierigen Zustand“, sagt der Koch und Metzger, der das Gasthaus seit 31 Jahren mit seiner Frau Gisela leitet. Früher habe er bis zu fünf Azubis beschäftigt, heute keinen mehr. „Niemand will mehr in die Gastronomie, alle wollen studieren. Dann kommt bei uns auch noch die Schichtarbeit dazu. Wir sind in der Not, dass wir uns das mit den Asylbewerbern antun müssen“, sagt der Gastronom über seine Branche. Das sei einfach mühsam.

Mit fremden Kulturen habe er kein Problem, erklärt Rötzer. Erstens sei die Belegschaft in der Post schon immer international, zweitens sei er mit seiner Frau schon Dutzende Male in Afrika gewesen und habe dort auch eigene Hilfsprojekte gestartet, erzählt der 56-Jährige. Mit all seinen Erfahrungen sagt er aber: „Multi-Kulti-Romantik kann ich nicht nachvollziehen.“ 

Timo Aichele

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