Ausdrucksstarkes Spiel: Markus Hübner und Bianca Adam in der „Hexenjagd“. Foto: ahu

Theatergruppe Kunstfalle

„Wir wollen unser Publikum berühren“

Dorfen - Es ist eine Falle, in die immer mehr Dorfener gerne tappen: die Kunstfalle. Lange galten die Theatermacher als Geheimtipp. Das ambitionierte Laienensemble begeistert mit Spielstärke und minimalistischen Bühnenbildern.

 Immer wieder machten und machen Theatergruppen im Landkreis auf sich aufmerksam. So hat vor Kurzem wieder eine Oper in Dorfen für Furore gesorgt, war in Loipfing bei Isen immer wieder hochkarätiges Schauspiel zu sehen, machen die Wasentegernbacher Trachtler grundsolides Bauerntheater und sind vielbeachtete Bierkrieg-Inszenierungen gelungen. Und dann gibt es im Osten des Landkreises freie Theatermacher, die lange als Geheimtipp galten, deren spannende und starke Stücke aber immer mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen: die Dorfener Kunstfalle.

Seine Ursprünge hat das ambitionierte Laienensemble in der Minghartinger Bühne. 25 Jahre lang haben die Minghartinger – der Name ist ein Tribut an Ludwig Thoma und dessen fiktiven Landtagsabgeordneten Josef Filser – anspruchsvolle bayrische Autoren gespielt. Der Schnitt kam 2010: Noch im Wirtshaussaal in Thann bei Lengdorf, ihrem früheren Spielort, haben die Darsteller um Gerhard Adams mit „Tannöd“ neue Wege beschritten. „Absolut notwendig“, nennt Adams den Schritt von Thoma und Ganghofer zu Schenkel, Bernhard, von Hofmannsthal und Miller. Am augenfälligsten wurde der Wandel von der Minghartinger Bühne zur Kunstfalle durch ein Stück. Thomas Bernhards „Theatermacher“ bot nicht nur Adams eine Paraderolle, mit ihm hat die Gruppe mit viel Selbstironie ein Bekenntnis abgelegt: Auch in der tiefsten Provinz muss man nicht von seinem Anspruch abweichen, große Kunst zu machen.

Neue Heimat im Jakobmayer-Saal

Inzwischen hat die Kunstfalle eine neue Heimat gefunden: Den Saal des Dorfener Kulturzentrums Jakobmayer füllen sie bei zwei Aufführungen problemlos. „Lieber zweimal voll als viermal halbvoll“, beantwortet Adams die Frage, warum es trotz der großen Begeisterung des Publikums nur zwei Aufführungen gibt. Ein Credo, das nicht in Stein gemeißelt ist. Sollte sich der Trend fortsetzen, dass durch die neuen Stücke neues Publikum generiert wird, „werden wir das ausbauen“, sagt Spielleiter Markus Hübner.

Charakteristisch für die Kunstfalle ist die schwarze Bühne, auf die, für die Zuschauer sichtbar, die Requisiten getragen werden. Noch im Thanner Wirtshaussaal haben Adams und seine Darsteller begonnen, den Fokus auf das eigentliche Spiel zu legen. Bereits bei der „Moral“ von Thoma haben sie deswegen das Bühnenbild weggelassen. „Unser Ziel, über Thoma so weit zu kommen, ist aufgegangen“, freut sich Adams und betont damit, dass es eine gewollte und bewusste Entwicklung war, die das Ensemble durchlaufen hat.

Auch beim letzten Stück, der „Hexenjagd“ von Arthur Miller, war die Bühne fast leer. „Alles, was ablenkt, verschwindet“, erklärt Hübner das reduzierte Bühnenbild. „Der Zuschauer kann so viel besser ins Geschehen eintauchen.“ Dass, wenn der Blick nicht über Kulissen und Requisiten schweifen kann, der Darsteller viel mehr in der Aufmerksamkeit steht, nimmt Hübner hin. „Dem muss man sich stellen“, sagt er. Dass der Vollblutschauspieler, der auch als John Proctor in der „Hexenjagd“ wieder sein großes Potenzial gezeigt hat, damit kein Problem hat, glaubt man gerne. Doch wie steht es mit den Darstellern, die neu im Ensemble sind?

„Wir scheuen uns nicht, Rollen mit neuen Leuten zu besetzen“, sagt dazu Adams. Schließlich sei man keine Profibühne. Dass er mit Laien arbeitet, hat natürlich auch Auswirkungen auf seine Regiearbeit.

Jeder ist wichtig fürs Gesamtkunstwerk

„Ich kann nicht sagen, ich will den oder den Charakter von dir sehen, ich kann nur sagen, was bietest du mir an“, sagt er und ergänzt: „Jeder ist wichtig, die Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk.“ Deshalb habe man darauf verzichtet, dass sich die Darsteller beim Schlussapplaus einzeln verbeugen. Auch der offene Vorhang am Beginn soll dafür sorgen, dass die Zuschauer von Anfang an gefesselt sind. „Wir wollen unser Publikum berühren“, erklären Adams und Hübner.

Dass es ihnen mit der „Hexenjagd“ gelungen ist, hat ihnen der lang anhaltende Applaus und die Reaktion einzelner Zuschauer gezeigt. Die mehrmals geäußerte Reaktion „Ich hab einen richtigen Hass bekommen“ ist für sie das beste Kompliment überhaupt. Doch die Stücke sollen nicht nur emotional aufwühlen, sie sollen die Zuschauer auch zum Nachdenken bringen. Millers „Hexenjagd“ besitze, so sind sie überzeugt, eine erschreckende Aktualität. Deswegen hat die Kunstfalle auch auf eine historisierende Inszenierung verzichtet. „Die Stilbrüche zum Beispiel bei den Kostümen waren bewusst“, sagt Hübner. Und auch, dass beispielsweise Richter Hathorne als arroganter Karrierist dargestellt wurde, war gewollt.

Ein halbe Jahr lang wird geprobt

Solche Feinheiten zu erarbeiten, braucht Zeit. Deshalb beginnen die Laiendarsteller ein halbes Jahr vor der Premiere mit den Proben. Anfangs zweimal wöchentlich, später dreimal, trifft man sich dazu in der Aula der Schule am Mühlanger. Erst Technikprobe und Generalprobe finden dann im Jakobmayer statt. Damit die Lichteffekte, die bei den produzierten Stücken ein wichtige Rolle spielen, bei der Premiere kein Vabanquespiel werden, wird schon mal die ganze Nacht geprobt.

Dass die rund 30 Mitglieder die Strapazen auf sich nehmen, hat auch mit dem Erfolg zu tun, den sich die Kunstfalle regelmäßig erspielt. Auftrieb gibt auch eine Publikumsumfrage. Bei der Frage, welche Stücke sich die Zuschauer wünschen, wurden ganz oft Klassiker genannt. Das zeigt den Theatermachern aus der Dorfener Region nicht nur, dass sie auf dem richtigen Weg sind. „Das Publikum traut uns das auch zu“, freuen sie sich über das positive Feedback. „Das ist super, da wollen wir auch hin“, betonen der Regisseur und sein Hauptdarsteller.

Anne Huber

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