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„Uns blutet das Herz“: Dieter und Viola Stiele aus Kranzberg müssen ihre Bäckerei aufgeben. Sie finden keinen Gesellen - und alleine ist die viele Arbeit in der Backstube nicht zu schaffen

Kein Bäckergeselle zu finden

Zum Aufgeben gezwungen

Kranzberg - „Bäckerei schließt zum Ende des Jahres.“ Die FT-Schlagzeile sorgte gestern in Kranzberg für wilde Spekulationen. Die Stieles beruhigen: Privat sei bei ihnen alles in bester Ordnung. Der Grund, warum sie das Handtuch werfen müssen: Ihr Bäcker geht in den Ruhestand, ein Nachfolger ist nicht zu finden.

Es ist der 15. Januar 2005, ein Samstag, als Dieter Stiele und seine Frau Viola die Kranzberger Bäckerei übernehmen. Vom ersten Tag an treffen sie mit ihren Backwaren, ihren Ideen und Aktionen bei den Kunden ins Schwarze. Schnell sind sie jenseits auch jenseits der Gemeindegrenzen bekannt für ihre Semmeln, Brezen oder ihre Kirchweihnudeln. Das Geschäft läuft mehr als gut. Die Stieles schaffen es, sich mit ihrer Unternehmensphilosophie gegen Backwaren aus dem Discounter zu behaupten. „Ich bin mit Leib und Seele Bäcker“, sagt Dieter Stiele. Das schmeckt man, das wissen die Kunden zu schätzen. Und genau deshalb ist der Schritt, vor dem Stiele und seine Frau nun stehen, so schwer: Sie müssen das Geschäft aufgeben. Obwohl es gut läuft, obwohl es Spaß macht. Der Grund: „Mein bester und ältester Geselle geht Ende des Jahres in Ruhestand. Seit Monaten versuchen wir händeringend Ersatz zu finden – keine Chance!“ Der Markt sei wie leer gefegt, Nachwuchs komme keiner nach, weil keiner mehr das Bäckerhandwerk erlernen will, so die traurige Erkenntnis des Bäckermeisters. Eine Erkenntnis, die ihn schlussendlich zum Aufgeben zwingt. „Ich kann es nicht alleine machen“, bedauert er. Schon jetzt habe er kaum Zeit. „Keine Zeit für meine liebe, nette Tochter, keine Zeit für meine liebe nette Frau.“ Und wenn er weiterhin sieben Tage die Woche in der Backstube steht, macht das seine Gesundheit nicht mehr lange mit.

Jetzt kann nur noch ein Wunder helfen

 Dieter und Viola Stiele erzählen, wie schwer ihnen die Entscheidung gefallen ist. „Wir fühlen uns unseren Kunden natürlich verpflichtet, unser Herz blutet.“ Aber wenn nicht spontan mindestens ein Bäckergeselle vor der Tür steht, ist die Entscheidung unumkehrbar. „Leider!“, wie sie immer wieder betonen. Dass ihr Vermieter, im übrigen der Vorgänger der Kranzberger Bäckerei, Johann Döbl, öffentlich sagt, er kenne die Gründe für die Kündigung nicht, hat das Ehepaar Stiele sehr überrascht. „Wir haben ihn schon vor einem halben Jahr vorgewarnt. Unser Geselle wollte ja eigentlich schon im August in den Ruhestand gehen – er hat nur uns zuliebe noch bis zum Jahresende verlängert.“ Nach einigen Gesprächen mit Johann Döbl haben sie ihm die endgültige Kündigung schließlich am 17. August übergeben, ihm da noch einmal ausführlich ihre verzwickte Lage erklärt. Das vorangegangene Angebot ihres Vermieters, noch bis Ostern weiterzumachen, auch wenn der Mietvertrag ausgelaufen ist, mussten sie schweren Herzens ausschlagen. Ohne zusätzlichen Gesellen ist die Arbeit einfach nicht zu schaffen. Und die Idee des Vermieters, sich Backwaren dazuzukaufen, „das lässt meine Bäckerehre nicht zu“, macht Dieter Stiele deutlich. Und so herrscht seit der Kündigung im August, wie die Stieles berichten, seitens des Vermieters Funkstille. Was für die Auflösung des Betriebes für die Familie erhebliche organisatorische und finanzielle Bealstungen mit sich bringt, erzählen sie. Ein großes Problem ist noch der Ofen, in den der Bäckermeister erst kürzlich viel Geld investiert hat. Um den noch zu einem einigermaßen vernünftigen Preis verkaufen zu können, müsste er „am Stück“ ausgebaut werden. Das ginge nur über ein Loch in der Hausmauer. Eine Fachfirma müsste die Wand aufmachen, und danach gleich wieder zumauern. Da der Vermieter damit aber nicht einverstanden ist, bleibt den Stieles für den fast neuen Ofen nur eins: „Zusammenflexen und entsorgen.“ Das traurige Ende einer eigentlich erfolgreichen Unternehmergeschichte. Manche, die zum Aufgeben gezwungen werden, treten ganz leise ab. Doch die Bäckersfamilie Stiele möchte so gehen, wie sie gekommen ist: mit einer ganz besonderen Aktion am Kirchweihsamstag, um all ihren Kunden und der Bevölkerung Kranzbergs von Herzen Danke zu sagen.

Berufliche Zukunft ungewiss

Welchen beruflichen Weg Dieter Stiele dann einschlagen wird, und ob er dem Bäckerhandwerk erhalten bleibt, steht noch in den Sternen. Einen Anspruch hat er aber an seine neue Herausforderung: Es muss mehr Zeit für die Familie bleiben. Bis eine Entscheidung steht, wird Viola Stiele ihre Dipl.-Ing.-Stelle in Weihenstephan wieder aufnehmen und die „Brötchen“ für den Lebensunterhalt der Familie verdienen. Stiele, der sich immer für das Bäckerhandwerk stark gemacht hat, bedauert die Entwicklung nicht nur für sich und seine Familie. „Die Zahl der Bäcker- und Metzgereibetriebe in der Region schrumpft weiter. Große Filialisten, die drückende Konkurrenz der Discounter und Nachwuchsmangel machen den Betrieben das Leben schwer“ – und im Falle der Bäckerei Stiele macht all das ein Fortbestehen unmöglich. Dieter Stieles Prognose: „In zehn Jahren wird es keinen kleinen Bäcker mehr geben. Traurig, aber wahr!“

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