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Das „Unmögliche“ schaffen

„Bavarian Bats“: Die deutschen Pioniere des Blindenbaseballs

Nun ist Baseball ja schon mal vom Prinzip her kein „einfacher“ Sport. Wie unvorstellbar schwierig muss das Alles für einen Blinden sein?

Vielen fällt es trotz jahrelangen Trainings schwer, den rund 145 Gramm schweren Lederball über 30, 40 oder 50 Meter zielgenau in den Handschuh des Mitspielers zu werfen. Nicht in einer gemütlichen Bogenlampe, sondern gerade wie ein Strahl. Noch viel schwieriger ist es, einen über 100 Stundenkilometer schnellen Wurf, der auf einen zurast, mit der Alukeule im richtigen Moment im besten Winkel zu treffen und so hinaus zu donnern, dass der Schlagmann selbst, am besten aber auch noch die Kollegen auf den anderen Bases es mindestens bis zur nächsten schaffen. Wie unvorstellbar schwierig muss das Alles für einen Blinden sein? Danach blind in Richtung einer Base losrennen, bevor die gegnerische Mannschaft den Ball unter Kontrolle bringen kann. Die „Bavarian Bats“, ein Team aus 15 bairischen Spielern, demonstrieren seit Jahren, dass es geht! Sie haben sportlich bei den „Freising Grizzlies“ Unterschlupf gefunden.

Klingel- und Tischball ist bekannt – aber Blinden-Baseball?

Christian Schöpplein (41) kommt aus Gauting, ist System-Administrator und extrem sportbegeistert. „Bis ich 15 Jahre alt war konnte ich etwa zehn Prozent sehen, mehr hell dunkel und Umrisse, nie ganz normal. Seither sehe ich nichts mehr.“ Das hindert ihn aber nicht daran Kajak zu fahren, Halbmarathons zu laufen, jährlich bis zu 5000 Kilometer zu radeln oder das rasante „Showdown“ (Tischball) zu spielen „Aber Baseball, das war mir unbekannt!“ Ähnlich erging es auch Mathias Landgraf (35) und Simon Bienlein (32) aus Nürnberg, „wir haben viele Sportarten ausprobiert – kennen auch die typischen Blindensportarten Klingelball oder Tischball - aber Blindenbaseball, das kannten wir nicht!“

Idee und Ausrüstung aus den USA

Gründer und Initiator der „bayerischen Fledermäuse“ war im April 2009 Grizzlies-Coach Franz Fischer. „Ich habe in einer Zeitung von Blinden-Fußball gelesen, das erschien mir schon unmöglich, dass das geht. Also googelte ich nach ‚blind baseball‘ und tatsächlich gab es das in den USA!“ Mit Hilfe von Fördergeldern importierte er „Beep Ball“ aus den USA. Clou dieser Variante ist, dass der Ball laut piept und die anzulaufenden Bases Kunststoffsäulen sind, die jede in einer anderen Tonlage scheppern. Ansonsten ist fast alles wie beim „normalen“ US-Nationalsport: Ein Pitcher wirft den piependen Ball, der Batter trifft (im Idealfall) und läuft dann zur ersten brummenden Säule. Kommt er vorher dort an, bevor das andere Team (natürlich auch alle nicht sehend) den Ball sicher unter Kontrolle haben, dann ist er „safe“ und er darf stehen bleiben und auf den erfolgreichen Schlag seines Nachfolgers warten. Schafft er es einmal rundherum, gibt’s einen Punkt.

Die Gummibärchen-Erklärung

Aber wie erklärt man einem anderen Menschen Fußball, Handball, Basketball oder eben Baseball, der das noch nie gesehen hat? Die typisch amerikanischen Baseball-Regeln mit all‘ ihren Feinheiten sind für Mitteleuropäer wahrscheinlich sowieso nie ganz zu kapieren. Aber sehend kann man sich ja Vieles noch vorstellen und zeigen: Ball werfen, mit Keule in ein dreieckiges Feld schlagen, laufen bis zu einem Kissen, wenn man drei Kissen überlaufen hat und wieder zurückkommt zum Startfeld, gibt’s den Punkt. Doch Franz Fischer ist ein Schlauer, ein Fuchs: er lud alle blinden Interessierten an Beep-Ball in ein Freisinger Hotel ein und baute nach dem üppigen Drei-Gänge-Menü auf einem großen Pappendeckel ein Baseball-Feld mit essbaren Gummischnüren (Feldbegrenzungen), Fruchtgummi-Halbkugeln (Bases) und Gummibärchen (Spieler) nach. So konnte jeder das Prinzip der Spiels „erfühlen“.

Ball treffen ohne ihn zu sehen

Knackpunkt bei jedem Baseball-Spiel und noch viel mehr beim Spiel der Nichtsehenden ist das Treffen und Schlagen des Balls. Beim Baseball für Blinde ist das Treffen noch um ein Vielfaches schwieriger, selbst wenn der Werfer im richtigen Moment ein Kommando gibt, dass er jetzt wirft, weiß der Schläger nicht, ob er einen hohen oder einen flachen Bogen wirft. Das Treffen ist fast immer Zufall. „Unsere Trefferquote stieg zwar bis zum Saisonende auf drei von zehn Bällen. Doch die piependen Spezialbälle sind sehr schwer – und wenn man die nicht voll trifft, dann kullern sie nur ein paar Meter. So kam eigentlich überhaupt kein Spielfluss zustande. Doch Franz hatte auch jetzt wieder eine Idee“, berichtet Simon.

Italienisches System ist besser

Franz Fischers Engagement hatte sich nämlich bis nach Italien herumgesprochen, wo man schon viele Jahre Blindenbaseball spielt – aber nach einem anderen System als in den USA. Der Ball ist dort viel leichter, hat im Inneren helle Glöckchen und der blinde Schlagmann ist auf keinen Werfer angewiesen, sondern er schlägt den Ball aus seiner eigenen Hand heraus. Immer noch enorm schwierig – aber doch deutlich besser zu lernen und zu koordinieren. „Das italienische System benötigt auch keine teure Spezialausrüstung, wie akustische Bases oder Bälle”, war Fischer happy. Mit dieser Neuerung ist weniger technisches Equipment und weniger Personalaufwand erforderlich. Die Bases werden durch sehende Helfer abgesichert und durch unterschiedliche akustische Signale akustisch ortbar gemacht.

Der Mole-Cup

Da in Italien bereits seit 25 Jahren Blindenbaseball gespielt wird und es zehn Teams im Ligabetrieb gibt, sich nun auch in Frankreich Mannschaften formieren, waren die internationalen Gegner der Bavarian Bats gefunden. Noch sind die Italiener sportlich fast unerreichbar, aber die Bats arbeiten hart mit ihrem Trainer Hubertus Hagemeyer, das zu ändern. Er hat das Amt von Franz Fischer übernommen und trainiert das ganze Jahr durch alle zwei Wochen mit 15 blinden und sehbehinderten Spielern aus ganz Bayern. Das erste internationale Blindenbaseball Turnier (der „Mole-Cup“) wurde vor vier Jahren von den Bavarian Bats in Freising ausgerichtet und findet seitdem jährlich abwechselnd in Deutschland, Italien oder Frankreich statt.

Alle Altersklassen, Männer und Frauen gemischt

Blinden-Baseball ist ein idealer Sport für Männer und Frauen in einem Team. Folglich sind auch bei den Bavarian Bats beide Geschlechter gemischt. Anja Zirar (40) arbeitet beim Finanzamt und hat noch ein kleines bisschen Rest-Sehfähigkeit. „Da konnte ich mir das ein wenig anschauen, wie es funktioniert – aber beim Spiel habe ich natürlich zur Chancengleichheit auch eine Dunkel-Brille an.“ Sie macht Skilanglauf und „Showdown“, dabei wurde sie von einem Sportler-Kollegen angesprochen, ob sie nicht mal Lust hätte auf Baseball. So ähnlich ging es auch Hans Alram (41) aus Eggenfelden, auch er arbeitet beim Finanzamt und ist noch nicht so lange bei den „Bats“ dabei. „Ich kannte den Sport überhaupt nicht, genoss auch die legendäre Gummibärchen-Erklärung und hoffe, wenn ich mal die Regeln so richtig verstehe, dass ich dann besser werde.“ Er findet nicht nur das Engagement der Freising Grizzlies auf dem Baseball-Platz total klasse, sondern auch, wie viele Menschen sich um den Transport der Sportler vom Bahnhof zum Platz und wieder zurück und um die kompletten Betreuung der Blinden kümmert. „Ohne diese vielen Helfer wäre das gar nicht möglich!“ Die einzige Freisingerin im Team ist „Küken“ Stefanie Elsinger (21), sie konnte bis sie neun Jahre alt war sehen, erblindete erst dann und ist vom Blinden-Baseball total begeistert. „Was wir brauchen, das sind Gegner in Deutschland, leider haben wir da keine. Und für die weiten Fahrten nach Italien und Frankreich wären ein paar Sponsoren ganz gut“, sagt Stefanies Mama Ursula, die als „Mutter der Bats“ allen immer ihre die Handschuhe oder Schläger zuwirft, sich eben so richtig kümmert.

Sponsoren gesucht

Unterstützt werden die Bavarian Bats schon von einigen Firmen, so etwa dem Marriott Hotel in Freising, der Sparkasse Freising, dem Lions Club Freising oder BMW. „Aber es könnten gerne mehr sein“, sagt Coach Hubertus. Wer sich genauer über Baseball für Menschen mit Behinderung informieren will, findet einiges im Internet über die Suchbegriffe „beep baseball“.

Die Internetseite der Bavarian Bats: www.grizzlies.de/teams/bavarian-bats

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