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Schuhmachermeister Josef Nehel

Füße wachsen nicht nach wie Haare

Keine Nachfolge für den Schuhmacher

„Sind die Schuhe abgelaufen, muss man nicht gleich neue kaufen. Denn bei jeder Absatzschwierigkeit steht der Schuster gern bereit“, besagt ein altes Sprichwort.

„Schuhe sind heute aber leider ein Wegwerfprodukt geworden“, bedauert Schuhmachermeister Josef Nehel. Seit 51 Jahren hat er seine Werkstatt und Schuhgeschäft in der Freisinger Fischergasse. Im kommenden Mai wird er 76 Jahre alt, bereits einen Monat vorher, im April, schließt sich die Türe zu seinem Geschäft für immer. Nehel geht in Rente, einen Nachfolger hat er nicht.

Discounterschuhe – Behältnisse für die Füße

„Schuhe kann man ja an jeder Ecke kaufen, die Preise sind niedrig, Reparaturen lohnen sich für diese industriell gefertigte Schuhe ja gar nicht“, so Nehel. „Beim Friseur gibt man viel Geld aus, um gut auszusehen. Dabei wachsen die Haare wieder nach. Füße hat man nur einmal, da wächst nichts mehr nach, trotzdem sparen die Leute bei den Schuhen. Und bei den jungen Leuten zählt ja eh´ nur die Mode.“ Abgesehen von Schuhmachern, die orthopädische Schuhe anfertigen, gebe es höchstens hundert Schuhmacher, die noch Maßanfertigungen machen. Nehel gehört dazu, er hat gelernt wie das geht und kennt die Arbeitsschritte aus dem Eff-Eff.

Schuster und Anatom

Plattfüße, offene Stellen, amputierte Zehen oder Unterschenkel, Deformationen jeglicher Art - solche Problemfüße begegneten dem Orthopädieschuhmacher tagtäglich. Die Herstellung orthopädischer Schuhe und Einlagen erfordert bis heute viel Handarbeit, denn kein Fuß gleicht dem anderen. Dieses Können war vor allem wichtig nach dem Zweiten Weltkrieg, als er unzähligen Kriegsversehrten mit entsprechend angepasstem Schuhwerk das Gehen und Laufen ermöglichte. Heute sind es vor allem Kunden, die nach Unfällen oder auch durch krankheitsbedingte Amputationen zu ihm kommen. Liegt der Patient in der Klinik, dann ist Nehel bereits nach gut acht Tagen bei ihm am Krankenbett und nimmt Maß für die ersten paar Schuhe. Um das fehlende Körperteil zu ersetzen und es passgenau an den Stumpf anzusetzen, sind hervorragende handwerkliche Fertigkeiten gefragt. Da ist er dann schon auch mal beim Schreiner und holt sich Tipps, wie er den Leisten optimal fertigen kann. „Es ist wichtig, dass die Patienten so schnell wie möglich im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine kommen.“ Bei der Herstellung von Einlagen und Maßschuhen benötigen Orthopädieschuhmacher viele unterschiedliche Materialien wie Kunststoffe, Metalle und verschiedene Lederarten. Außerdem hat er auch ein fundiertes Wissen in Anatomie, dem Zusammenspiel zwischen Knochen, Nerven und Muskeln.

Der Schuster und seine Leisten

Gerne erinnert er sich an einen in Freising stationierten Soldaten mit Schuhgröße 52. „Kampfstiefel gibt es aber nur bis Größe 50, der hatte ständig blaue Zehen und echt Schmerzen. Ihm wurde genehmigt, dass er sich bei mir Spezialanfertigungen machen lassen konnte“, lacht Nehel. Nicht minder außergewöhnlich ist ein Ehepaar, die es gemeinsam auf 4,07 Meter bringen. „Dagegen bin ich ein Gartenzwerg,“ lacht Nehel. Bis er in wenigen Monaten seinen Betrieb schließt, hat er für einen langjährigen Kunden noch einen Großauftrag. „Der Mann hat sich bei einem Unfall beide Fersenbeine gebrochen und muss in seinem Job Sicherheitsschuhe tragen. Bei diesen dürfen an den Sohlen nichts verändert werden, und daher braucht er spezielle Inneneinlagen. Er hat noch zehn Paar in Auftrag gegeben, die müssten reichen, bis auch dieser Mann in Rente geht.“

An orthopädischen Schuhen fertigte Nehel bis vor kurzem noch etwa 20 Stück pro Jahr, wieviele er während seiner ganzen Arbeitszeit gemacht hat, „keine Ahnung, leider!“, bedauert Nehel. „Ich habe es einfach vergessen, meine Kunden aber auch die Anzahl der von mir gemachten Schuhe zu notieren. Das ärgert mich ungemein“, bedauert Nehel. Fünf Azubis, davon zwei Mädchen, hat Nehel ausgebildet, „ich denke, dass wir zu zweit etwa 100 Schuhe im Jahr gemacht haben, immer Donnerstags.“ Unzählige Leisten, die in seiner Werkstatt hängen, zeugen von dieser Arbeit.

Das Schuhmuseum

Seit 51 Jahren ist auch Ehefrau Hildegard an seiner Seite, gemeinsam haben sie zwei Töchter, den Beruf erlernen wollte jedoch keine der beiden. Aber auch wenn Nehel ab April in seinen wohlverdienten Ruhestand tritt, hat er dennoch weiterhin mit Schuhen zu tun, die jedoch nie zum Tragen gedacht waren, handelt es sich doch um Miniaturen. Über 1.500 Stück hat er über die beiden Stockwerke seines Hauses, im Treppenhaus, dem Wohnzimmer und auch dem ausgebauten Dachstuhl verteilt. Wo man auch hinschaut stehen Schuhe. Aus Holz, Glas, Wachs, Steingut, Metall, Leder oder Metall, in allen erdenkbaren Formen und Farben. Es sind auch Plätzchenausstecher in Schuhform dabei, Schnupftabaksdosen, Nähkissen, Streichholzschuhe dabei, „einfach alles, was irgendwie mit Schuhen zu tun hat“, lacht Nehel. Da wird ihm auch in seiner Rente die Arbeit nicht ausgehen, „denn abstauben muss er die alle selbst“, lacht Ehefrau Hildegard. Auch ihr „erstes Paar“, das der Josef für sie gemacht hat, ist mit dabei. Schwarze Pumps mit einem Herzerl-Kissen in den Zehen.

Keine Nachfolge für den Schuhmacher: Impressionen

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