Historischer Satz

Drei Worte und ihr Echo in Freising: "Wir schaffen das, aber..."

Freising - Der Satz ist erst ein Jahr alt und hat doch schon einen Platz in den Geschichtsbüchern: „Wir schaffen das“ hat Angela Merkel den Deutschen in der Flüchtlingskrise mit auf den Weg gegeben. Würden diejenigen, die mit der Herausforderung täglich zu tun haben, das heute unterschreiben?

Als die Bundeskanzlerin vor einem Jahr ihr berühmtes „Wir schaffen das“ gesagt hat, war Freisings Landrat längst im Krisenmodus angelangt. Bei Josef Hauner standen im Sommer 2015 an jedem Morgen die Flüchtlinge ganz oben auf der Tagesordnung. Inzwischen betreut der Landkreis 2200 Asylbewerber in 79 Unterkünften. „Ich bin froh, dass durch die gemeinsame Anstrengung der Mitarbeiter im Landratsamt, der Ehrenamtlichen in den vielen Helferkreisen und der Kommunen diese große Aufgabe so gut gelöst wurde“, bilanziert Hauner. „Den Flüchtlingen wird hier geholfen, sie sind adäquat versorgt, und der soziale Friede ist gewahrt.“

Landrat Josef Hauner

Schaffen wir es also? Da will sich der Landrat noch nicht festlegen. Stattdessen verweist er auf die Probleme. Dass die Frage, wie der Familiennachzug geregelt wird, bis jetzt nicht beantwortet wurde, und dass eine Regelung wohl erst Ende des Jahres in der aktualisierten Durchführungsverordnung zu den Asylgesetzen festgelegt werde macht ihn „nicht so zufrieden“. Deshalb hat sich Hauner zu einer pragmatischen Lösung für die Zwischenzeit durchgerungen: „Sollte es den Gemeinden, die für die Unterbringung obdachloser Personen zuständig sind, nicht möglich sein, eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen, stellt der Landkreis künftig freie Plätze in seinen dezentralen Unterkünften zur Verfügung.“

Das dürfte für Katharina Capric ein positives Signal sein. Wie berichtet, hat die Sprecherin des Helferkreises für die Unterkunft in der General-von-Stein-Kaserne in Freising, sich sechs Wochen lang vergebens darum bemüht, die nachgezogene Familie eines asylberechtigten Syrers in die Obhut der Stadt oder des Landratsamtes zu geben. Kein Wunder also, dass sie sagt: „Die Zusammenarbeit zwischen Landratsamt und mittlerweile auch der Stadtverwaltung Freising ist durchaus steigerungsfähig. Auch wenn niemand müde wird zu betonen, dass unser ehrenamtliches Engagement unabdingbar ist, haben wir selten das Gefühl, auf Augenhöhe zu diskutieren.“ Das Beispiel mit dem Familiennachzug mache deutlich, wie Entscheidungen offensichtlich auf dem Rücken der Freiwilligen ausgetragen beziehungsweise ausgesessen würden.

Flüchtlingsbetreuerin Katharina Capric

„Das größte Problem sehe ich darin, dass nach wie vor nicht vorausschauend gedacht und geplant wird, sondern immer noch reagiert wird, wenn es eigentlich schon zu spät ist“, betont Capric. Beispiel: Wohnungsmarkt. Beispiel: Nutzung von Länderfinanzierungsprogrammen. Beispiel: Betreuung von Fehlbelegern. Diejenigen also, die Asyl bekommen haben, aber in der Unterkunft bleiben müssen, weil sie keine Wohnung finden. „Natürlich sind hier der Landkreis und die Stadt zuerst auf die Entscheidung der Regierung angewiesen“, räumt Capric ein. „Ihnen steht aber auch ein Handlungsspielraum zu, der vielleicht nicht immer voll ausgenutzt wird.“

Schaffen wir es also nicht? „Diese Frage hat sich mir von Anfang an nicht gestellt. Die Leute sind hier, also versuchen wir Ehrenamtlichen einfach zu helfen, wo es geht“, sagt Capric und weist auch auf die vielen offenen Türen hin. „Freising hat wahnsinnig viele engagierte Bürger. Hilfe wird von vielen Seiten angeboten.“ Die Kirche engagiere sich, indem sie etwa Räumlichkeiten zur Verfügung stelle und ihre bestehenden Angebote für Asylbewerber öffne. Die Berufsschule habe enorm schnell neue Klassen für das Berufsintegrationsjahr aufgelegt. Schulen und Uni würden die Integration mit eigenen Projekten unterstützen. Viele gemeinnützige Organisationen hätten zudem Ein-Euro-Jobs geschaffen. „Unser Arbeitsmarkt erlaubt auch den Geflüchteten mit noch geringen Deutschkenntnissen einen schnellen Einstieg ins Berufsleben.“

Flüchtlingshelfer Reinhard Kastorff

Reinhard Kastorff betreut seit fünf Jahren Flüchtlinge und hat inzwischen mit ILMO (Integriertes Leben in Moosburg) sogar eine eigene Initiative gegründet. „Ich bin ein optimistischer Mensch und sage: Es ist zu schaffen“, betont er. „Das heißt aber nicht, dass sich von einer Million Flüchtlinge 999 000 so entwickeln, wie wir uns das vorstellen.“ Der Großteil lasse sich jedoch mit entsprechendem Input so integrieren, dass er in einem Zeitraum von zwei bis fünf Jahren selbstständig und ohne Sozialbezug leben könne. Auch Kastorff weist auf das Engagement vieler Ehrenamtlicher hin. Sie seien es, die die Flüchtlinge so gut kennen würden, dass sie den passenden Menschen in den passenden Job bringen könnten. Gerade bei der Vermittlung von Wohnungen und Jobs seien die Ehrenamtlichen dank ihrer großen Glaubwürdigkeit hilfreiche Paten.

Kastorff lobt aber auch die Behörden: „Die formelle Verwaltung der Flüchtlinge läuft ganz gut.“ Der größte Missstand für ihn: dass es nicht genügend professionelle Betreuung in den Heimen gebe. „Die drei großen Unterkünfte der Regierung im nördlichen Landkreis – Langenbach, Zolling und Moosburg – stehen ohne Asylsozialberater dar.“ Die Wohlfahrtsverbände hätten zwar die nötigen Ressourcen, würden aber zögern, Asylsozialarbeiter in Unterkünfte zu schicken, weil sie auf einem Teil ihrer Kosten sitzenbleiben würden. Sein Fazit: „Wir können es schaffen, aber so nicht.“

Das sagen gesellschaftliche Kräfte und Größen

Günter Janovsky,
Musiker und Kulturpreisträger des Landkreises:

„Ich bin selbst ein Flüchtlingskind und daher total solidarisch mit den Menschen, die jetzt kommen. Wir schaffen das mit der Integration, weil unsere Gesellschaft diese Menschen braucht. Zwar gibt es hier Ängste, aber das ändert sich, sobald man selbst Flüchtlingen begegnet. Und wir werden ihnen künftig oft begegnen, weil sie in Altenheimen, Krankenhäusern und vielen anderen Einrichtungen arbeiten werden.“






Karin Buchner,
Leiterin der Paul-Gerhard-Mittelschule Freising:

„Wir würden das schaffen, wenn die Schulen die nötigen Ressourcen bekämen, sprich: Personal, Räume, Zeit. Das Schulamt Freising steht da hinter uns, ist aber auch abhängig von der Politik. Ich habe festgestellt, dass die meisten Ängste bei denen herrschen, die keinen Kontakt zu Flüchtlingen haben. Wichtig ist es daher, Gerüchte aus der Welt zu schaffen. Das ist uns bei einem großen Elternabend gut gelungen.“







Peter Vogtleitner,
Leiter der Polizeiinspektion Neufahrn:

„Die Polizei in Neufahrn kann das bisher stemmen. Wir hatten zwar vereinzelt Einsätze in den Unterkünften, aber das lag im Normalbereich und wäre auch passiert, wenn 200 Deutsche in einer Unterkunft leben müssten. Es gab auch keinerlei Übergriffe von Flüchtlingen auf die Bevölkerung oder umgekehrt. In anderen Regionen sieht das anders aus, daher ist es noch schwer zu sagen, ob wir es wirklich schaffen.“






Bernhard Haßlberger,
Weihbischof der Seelsorgregion Nord:
„Wenn nicht noch viel mehr Menschen kommen, werden wir es schaffen, aber dafür müssen wir uns anstrengen. Wir brauchen ein großes Herz für die, die in höchster Not zu uns kommen, müssen aber auch nüchtern sehen, dass die Integration nicht so einfach vonstatten geht. Denn die meisten Flüchtlinge sind nicht so ausgebildet, wie wir uns das vorgestellt haben. Da besteht Nachholbedarf.“





Joseph Popp, 
Vorsitzender des Tierschutzvereins Freising:

„Solche mantraartigen Aussagen wie ,Wir schaffen das’ mag ich nicht. Die Berliner Regierung muss endlich einen Plan, vor allem einen Finanzplan, vorlegen. Klar ist, dass es gerade in Ländern wie Syrien und Irak so viel Not und Elend gibt, dass es eine Schande wäre, wenn man da nicht helfen würde. Man muss aber auch aus Sicherheitsgründen genau hinsehen, wer kommt und aus welchen Gründen.“

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