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Was tun? Nach den ersten Meldungen aus München berieten die „Korbinian“-Macher um Vesna Babic (l.), Stephan Schwarz (r.) und Ludger Rickert (3. v. r.) darüber, ob sie die Abendvorstellung absagen sollten.

Große Betroffenheit im Landkreis

Freising im Angesicht des Attentats

Freising -Die tödlichen Schüsse, die von einem 18-jährigen Deutsch-Iraner am Freitag in München abgefeuert wurden, schlugen bis in den Landkreis Freising durch. Zur allgemeinen Betroffenheit gesellte sich jedoch noch ein anderes Gefühl: sich keiner Art von Terror beugen zu wollen.

Das Leben legt manchmal eine ätzende Ironie an den Tag. Monatelang haben sich die Mitglieder der Hilfsorganisation Navis auf die Feier zu ihrem zehnjährigen Bestehen gefreut. Viele Stunden an Arbeit hat der Organisationsstab in die Vorbereitung der Großveranstaltung mit über 200 geladenen Gästen gesteckt. Und dann beginnt fast zeitgleich mit dem Fest der Amoklauf des 18-jährigen Deutsch-Iraners in München, der das Jubiläum überschattet: Die Vereinsmitglieder, die spezialisiert sind auf Einsätze in Katastrophengebieten, müssen von ihrer eigenen Feier aus miterleben, wie sich nur 35 Kilometer entfernt von ihnen eine Katastrophe abspielt.


Katastropheneinsatz statt Jubiläumsfeier

Wolfgang Wagner

„Die Ironie des Schicksals ist mir schon durch den Kopf gegangen“, berichtet der Vereinsvorsitzende Wolfgang Wagner (74). „Während wir gefeiert haben, dass unsere Leute von allen Einsätzen schadlos zurückgekommen sind, haben wir laufend Meldungen von Todesopfern bekommen.“ In den Grußworten – unter anderem von Landtagsabgeordnetem Florian Herrmann und Landrat Josef Hauner – seien die schrecklichen Vorfälle in München nicht thematisiert worden. Aber natürlich hätten sich die Nachrichten aus der Landeshauptstadt auch so in Windeseile verbreitet, berichtet Wagner: „Die Gäste haben ständig auf ihre Handys geschaut, um Neuigkeiten zu erfahren.“

Die Ausnahmesituation macht sich auch anhand derjenigen bemerkbar, die bei der Feier fehlen. „Der Stadtbrandinspektor von München, der Präsident des Medizinischen Katastrophen-Hilfswerks und Kräfte des THW waren alle schon bei uns auf dem Parkplatz und haben kehrtgemacht, weil sie nach München beordert wurden“, erzählt Wagner, der betont, dass seine Leute dafür Verständnis hatten. „Wer, wenn nicht wir?“

Musical-Sänger, die sich weigern, zu verstummen

Sie haben gedacht, dass sie nur ein Orkan aufhalten könnte. Doch dann fallen die Schüsse im Olympia-Einkaufszentrum, und die Organisatoren des Freisinger Musical-Sommers stehen am Freitagabend, 90 Minuten vor der Aufführung, plötzlich vor der schweren Entscheidung, ob sie die Vorstellung unter diesen Umständen nicht abblasen müssen. Die Erste, die von den Vorfällen in München erfährt, ist die Vorstandsvorsitzende Vesna Babic. Menschen, die schon auf den Zuschauerplätzen sitzen, fragen sie: „Mensch, hast du schon gehört, dass es Tote gegeben hat?“ Sofort trommelt Babic alle Verantwortlichen zur Beratung zusammen. „Einer hat auch die klare Frage gestellt, ob wir die Aufführung absagen sollen“, teilt Ludger Rickert, Kassier des Vereins, mit. Doch letztendlich habe man einstimmig beschlossen, aufzutreten.

Dennoch: Die Ereignisse von München sollen nicht totgeschwiegen werden. So erklärt sich Stephan Schwarz, Autor des Stücks, dazu bereit, vor der Ouvertüre auf die Bühne zu kommen und eine kleine Ansprache zu halten. „Es gibt Tage, da weiß man nicht, ob man noch lachen darf oder weinen muss“, sagt er. Man habe sich fürs Lachen entschieden. Denn: „Wir wollen nicht, dass der Hass Macht über uns erlangt.“ Anschließend wird für die Opfer eine Schweigeminute abgehalten. Hunderte von Menschen sind auf dem Freisinger Marienplatz – und alle sind still.

Für Schwarz ist es auch im Nachhinein die richtige Entscheidung gewesen – nicht nur, weil zu diesem Zeitpunkt schon so viele Besucher eingetrudelt seien, die man nicht mehr nach Hause schicken wollte, sondern vor allem auch, um ein klares Zeichen zu setzen: „Wir beugen uns dem Terror nicht.“ Rickert ergänzt: „Unsere Absicht war es, den Zuschauern einen schönen Abend zu schenken und ihnen die Möglichkeit zu geben, München für zwei Stunden zu vergessen. Das hat, glaube ich, funktioniert.“

Garant dafür waren all diejenigen, die trotz der schwierigen Umstände auf die Bühne gegangen sind und ihre beste Leistung abgerufen haben. „Die Stimmung bei unseren Sängern und Tänzern war natürlich geknickt. Es gab viele Tränen, weil manche aus dem Ensemble Freunde in München hatten, die sie nicht erreichen konnten“, berichtet Schwarz. „Wir haben uns dann alle umarmt und Mut zugesprochen.“ Besonders beeindruckt war Schwarz von Marina Ferdinand. Die Sängerin hat große Angst um ihre Tante. Trotz zahlreicher Versuche gelingt es ihr vor der Vorstellung nicht, die Verwandte ans Telefon zu bekommen. Erst nach der Aufführung kommt die Entwarnung. Bevor sie auf die Bühne ging, sagt sie: „Ich lasse mich nicht unterkriegen und werde jetzt für alle Menschen da draußen so schön singen, wie noch nie in meinem Leben.“

Und plötzlich wird die größte Passion zu einer Qual

Helmut Schranner

Wenn Helmut Schranner eine Blaskapelle dirigiert, klingt die Musik fast immer so, wie er sich fühlt: beschwingt, fröhlich, ausgelassen. Am Freitag ist das auf einen Schlag ganz anders. Der 52-Jährige aus Nandlstadt hat an diesem Abend einen Einsatz beim Volksfest in Hohenwart (Landkreis Pfaffenhofen). „Ich sollte der dortigen Marktkapelle aushelfen“, erklärt er. Als im Bierzelt die Nachrichten aus München die Runde machen, spielen die Musiker noch ein Stück und legen die Instrumente dann beiseite. Am Rande der Bühne berät sich Schranner mit den Veranstaltern: Weitermachen oder aufhören? Die Meinung des Nandlstädters ist eindeutig: „Wir können jetzt keine Trauermusik spielen, also wäre es besser, wir hören auf.“

Der Pfaffenhofener Landrat Martin Wolf geht auf die Bühne und teilt den Menschen im Festzelt mit, dass der Auftritt der Kapelle aus gegebenem Anlass abgebrochen wird. „Er hat eine Superrede gehalten“, sagt Schranner. Die Botschaft des Landrats: „Wir hören mit der Musik auf, aber wir lassen uns unsere bayerische Gemütlichkeit nicht nehmen.“ Und so geht der Abend im Bierzelt noch etwas weiter – ohne Musik, dafür mit den Gedanken bei den Opfern.

Torsten Manzinger.

Schranner muss vor allem an ein Mitglied seiner Holledauer Musikanten denken: Torsten Manzinger (50) aus Eching hat zum Zeitpunkt des Amoklaufs ein Engagement bei einer privaten Feier in Berg am Laim. Der Auftritt hat schon begonnen, als von draußen immer wieder Polizeisirenen die Darbietungen übertönen. Einer aus dem Publikum zückt sein Handy. Schnell wissen alle, was das Blaulicht-Inferno zu bedeuten hat. „Wir waren weit weg von den Ereignissen“, berichtet Manzinger. „Trotzdem hatten wir ein komisches Gefühl.“ Die Stimmung: irgendwo zwischen Entsetzen und Panik. Die Musiker zwingen sich dazu, noch zwei Stücke zu spielen. „Aber wir haben schnell gemerkt, dass die Leute dafür keinen Kopf mehr haben.“ Und so fällt auch hier nach Absprache mit dem Veranstalter schnell die Entscheidung, die Instrumente wegzulegen – zu Manzingers Erleichterung: „Unter diesen Umständen zu spielen, ist eine Qual.“

Eigentlich hätten er und Schranner mit den Holledauer Musikanten am Sonntag auf dem Odeonsplatz in München auftreten sollen – beim Festival 500 Jahre Bayerisches Reinheitsgebot. Aufgrund des Amoklaufs wird das Fest jedoch vom Brauerbund am Freitag abgebrochen und auch am Wochenende nicht mehr fortgesetzt. „Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass ich nicht auftreten muss“, gesteht Schranner. „Nicht aus Angst. Aber ich habe, nachdem so viele junge Menschen gestorben sind, keinen Bock zu spielen.“

Schöne Begebenheit in schrecklicher Nacht

An dem Abend des Amoklaufs will Teresa Degelmann (24) mit vielen SPD-Genossen einer anderen Wahnsinnstat gedenken: dem Anschlag von Utoya, bei dem exakt fünf Jahre zuvor der Norweger Anders Breivik in einem Feriencamp über 70 Menschen ermordert hat. „Damals sind auch viele junge Sozialdemokraten getötet worden“, betont die Freisingerin. Deshalb soll im Rahmen der Bezirksvorstandssitzung der SPD Oberbayern am Oberanger in München auch der Opfer von Utoya gedacht werden – mit Nelken, die am Kurt-Eisner-Denkmal niedergelegt werden sollen. Doch dann fallen die Schüsse im OEZ – und die Gedenkveranstaltung wird aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Stattdessen ist Teresa Degelmann wie ihre Parteifreunde in den Sitzungsräumen eingesperrt. Schließlich hat die Polizei an alle Menschen in München appelliert, in den Häusern zu bleiben. „Es ist schon komisch, wenn man weiß, dass man nicht raus kann, während drei Stunden lang ein Hubschrauber über dir kreist“, berichtet die 24-Jährige. Die Anwesenden hätten versucht, weiterzuarbeiten. „Aber das ist schwierig, wenn man mit den Gedanken in Wirklichkeit woanders ist“, sagt sie. Schließlich sei man auch um Bekannte besorgt gewesen, die in München leben. Statt auf die Tagesordnung schauen die meisten auf Tablets, um sich auf dem Laufenden zu halten. Via Facebook informiert die Freisingerin ihre Freunde, dass sie in Sicherheit ist. Von allen, die antworten, bekommen sie und die SPD-Kollegen dieselbe Antwort: „Passt auf euch auf!“

Teresa Degelmann

Erst um 23.30 Uhr gibt es von der Polizei für den Bereich am Oberanger Entwarnung. Die Genossen bilden Fahrgemeinschaften. Degelmann, die mit dem Zug gekommen ist, kann bei einem Kollegen aus dem Landkreis Erding mitfahren. Der setzt sie bei einer dortigen Flüchtlingsunterkunft ab. Dort wartet sie darauf, dass ihr Freund sie abholt. Für Teresa Degelmann, die sich in Freising ehrenamtlich um Asylbewerber kümmert, ist das ein besonderer Moment. „Viele Flüchtlinge waren aufgewühlt und haben sich gefragt, was das alles für sie bedeutet“, erzählt sie. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, ob es für die Tat einen islamistischen Hintergrund gibt. Nach dem Axt-Amoklauf in Würzburg seien Afghanen in einem Bus „blöd angemacht“ worden, wie die Freisingerin berichtet. Dann würden eben oft alle über einen Kamm geschoren.

Ist sie also froh, dass der Amokläufer in München kein Flüchtling war? „Im Endeffekt ist es völlig egal, wer so eine Tat begeht, weil es immer furchtbar ist“, betont Teresa Degelmann. „Aber hätte es sich um islamistischen Terror gehandelt, hätte es das für die Flüchtlinge mit Sicherheit nicht leichter gemacht.“

So endet die schreckliche Nacht für die Freisingerin mit einer schönen Geschichte. Die Flüchtlinge im Landkreis Erding bringen ihr Tee und helfen ihr mit ihrer Herzlichkeit und Gastfreundschaft dabei, nach all der Aufregung zur Ruhe zu kommen. „Plötzlich hat jemand, der bislang sicher in Deutschland gelebt hat, bei Menschen Unterschlupf gefunden, die selbst geflüchtet sind und Unterkunft gesucht haben“, resümiert Degelmann. „Das war sehr berührend.“

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