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Die Wieskirche bei Freising ist das Refugium von Walter Brugger (87).

Wieskurat Walter Brugger ist seit 60 Jahren Priester

„Ich weiß, wo ich stehe“

Freising  - Er wird, so sagt er mit etwas Stolz, der erste Wieskurat sein, der auf dem Friedhof neben der Wieskirche begraben sein wird. Das schmiedeeiserne Kreuz steht schon. Walter Brugger (87) geht mit dem Tod „locker“ um. „Ich warte in Sehnsucht auf die Liebe Gottes“, sagt der Mann, der vor 60 Jahren zum Priester geweiht wurde. Das Tagblatt hat ihn in seinem Refugium besucht.

In seinem Wohnzimmer in der Wies, draußen vor den Toren der Stadt, die Walter Brugger über Jahrzehnte als Geistlicher mitgeprägt hat, hängen zwei Bilder: Eines zeigt Papst Johannes Paul II., das andere ihn mit Papst Benedikt XVI. Brugger, am 21. Dezember 1928 in Laufen geboren, ist in Freising eine feste Größe, ein Mann, den man kennt, auf den man hört. Denn Brugger war eben nicht nur von 1962 bis 1968 Dozent am Priesterseminar in Freising, er war von 1968 bis 1982 Stadtpfarrer in St. Georg und kehrte 1995 als Rektor der Wallfahrtskirche Wies wieder nach Freising zurück. In die Stadt, wo er vor genau 60 Jahren von Joseph Kardinal Wendel zum Priester geweiht wurde. 

Der "Revoluzzer"

Vor zehn Jahren, als er sein Goldenes Priesterjubiläum feierte, da war Brugger in Rom, wohnte einem Gottesdienst seines Freundes Joseph Ratzinger, 2006 der amtierende Papst Benedikt XVI., bei. Zum 60. Jubiläum seiner Priesterweihe bleibt Brugger in Freising, begeht dieses Jubiläum auf dem Domberg. Hellwach sind die Augen des 87-jährigen Wieskuraten, manchmal blitzt etwas Schelmisches daraus auf. Zum Beispiel wenn Brugger erzählt, dass er zwar in der Diözese als eine Art kleiner „Revoluzzer“ galt, man ihm aber „nie an den Karren fahren“ konnte, weil die Pfarrei St. Georg so gut geführt wurde. Es war „die Blütezeit“ der Pfarrei, erzählt Brugger, endlich sei man damals aus dem Schatten des Dombergs herausgetreten.

Kluft zwischen Lehre und Praxis

Diese Zeit, als er, der Dozent vom Mons doctus, herunterkam nach St. Georg, sei fast „ein Schock“ gewesen, erinnert sich Brugger: Oben auf dem Domberg, da sei er der Konservative gewesen, dann, in St. Georg, habe er plötzlich als der Progressive gegolten. Da habe er zum ersten Mal und ganz deutlich die „Kluft“ zwischen der „Lehre oben“ und den „Problemen der Seelsorger unten in der Praxis“ wahrgenommen. Und weil Brugger, wie er sagt, Extreme hasst, will er auch gar nicht polarisieren. Er mag es nicht, wenn einer „religiös abhebt“, und er mag keine „Überfrommen“, er mag es aber auch nicht, wenn jemand die Kirche nur pessimistisch sieht. Er selbst, so Brugger über Brugger, sei „ein realistischer Optimist“ – oder „ein optimistischer Realist“. Er wolle „mit den Füßen auf dem Boden stehen und den Kopf oben haben“. Genau diese Einstellung hat ihm auch geholfen, als er an Krebs erkrankt war. „Ehrlich gesagt, hatte ich meine Bilanz schon gemacht“, sinniert Brugger. 

Er, der nicht vom Sterben, sondern vom Heim- und vom Vorausgehen spricht, sieht es heutzutage fast als eine Art Krankheit an, sich am Leben „festzukrallen“, sich nicht der Tatsache zu stellen, dass man eben 70 Jahre und älter sei, den Tod zu verdrängen. Und deshalb hat Brugger 60 Jahre nach seiner Weihe zum Priester einen Appell parat: „Macht Euch keine Illusionen über das Leben.“ Die Angst des Mannes, der sogar einen Wikipedia-Eintrag besitzt: „Es werden immer mehr Menschen sterben, ohne wirklich gelebt zu haben“, so seine Befürchtung. 

Wie man Glaube lebt

Vieles von dem, was Walter Brugger – seit seiner Promotion zum Doktor der Theologie eigentlich Dr. Brugger – an Einsichten über das Leben, den Glauben und den Tod gewonnen hat, hat er seiner Oma zu verdanken. Die sei, so erzählt er, „im besten Sinne fromm“ gewesen, sie sei ihm ein Vorbild dafür gewesen, „wie man Glaube lebt“. Ganz offen geht Brugger auch damit um, dass er ab 1944 Mitglied der Hitlerjugend war. Wer damals nicht gelebt und die Zeit nicht erlebt habe, der solle jetzt nicht schlau daherreden, betont Brugger. Auch wenn man es oft nicht glaube, von Konzentrationslagern und Judenverfolgung „haben wir nichts gewusst“. KZ liefen als Schutzhaft. Und nach dem Krieg? „Wir haben erkannt, dass unsere Idole Verbrecher waren. Wir waren ausgebrannt.“ Viele seiner Zeitgenossen, so weiß Brugger, hätten sich danach nie mehr richtig „derrappelt“, wie er es auf gut Bayerische ausdrückt. Brugger schon. Denn nur ein Jahr nach Kriegsende tritt der 17-Jährige Walter Brugger in das Erzbischöfliche Studienseminar in Traunstein ein, geht dann ab 1950 an das Priesterseminar in Freising, studiert dort und wird am 29. Juni 1956 im Mariendom zum Priester geweiht.

Seelsorger müssen in die Schule gehen

An den Kommentar seines Vaters zu der Entscheidung des jungen Walter, Priester zu werden, kann sich Brugger noch heute genau erinnern: „Bub, wenn du Pfarrer werden willst, dann ein guter!“ Nach seiner Weihe war Brugger erst Kaplan in Traunstein, dann in München Heilig Geist, bevor er 1962 als Dozent in die Domstadt zurückkehrte. In jene Domstadt, die ihm viel gegeben hat und der er viel gegeben hat. Auch als Religionslehrer. Und auch heute noch ist Brugger felsenfest davon überzeugt, dass Seelsorger „in die Schule gehen müssen“. Denn dort werde „die erste Schlacht geschlagen“. Diese Kontakte und Erfahrungen brauche man als Pfarrer in seiner Gemeinde. Und auch wenn – oder vielleicht auch gerade weil – Brugger mit 87 Jahren ganz locker über den Tod spricht, so denkt er an die Zukunft. 

Er, der schon so viele Kirchenführer, historische und kunsthistorische Abhandlungen verfasst hat, nimmt das Wort „Memoiren“ in den Mund. „Wenn ich mal meine Memoiren schreiben würde, dann würde es darum gehen, wie es ist als zölibatär lebender Priester.“ Und als Titel seiner Memoiren könnte sich ein Satz von Walter Brugger eignen, den er nach 60 Jahren als Priester, Seelsorger und auch Autor voller Überzeugung und mit fester Stimme sagt: „Ich weiß, wo ich stehe.“ Und da ist er wieder: dieser Blick. Dieser hellwache Blick eines Geistlichen, eines begnadeten Predigers, der auf 60 Jahre als Priester zurückblicken kann.

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