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Soll den guten Ruf behalten: Das Krankenhaus wird die Onkologiepraxis Dr. Hempel nicht mehr unter seinem Dach beheimaten. Ungereimtheiten sollen nicht „abfärben“.

Mietverhältnis mit privater Onkologiepraxis beendet

Notoperation am Klinikum

Freising - Das Klinikum Freising genießt nach schwierigen Jahren inzwischen einen ausgezeichneten Ruf – den man unter keinen Umständen mehr aufs Spiel setzen will. Neben der Geschäftsführung waren daher auch MdB Erich Irlstorfer (CSU) und Landrat Josef Hauner an vorderster Front involviert, als man sich zu einem drastischen Schritt entschloss: Das Mietverhältnis mit dem privaten Onkologiezentrum wird nicht mehr verlängert. Der Grund: Nach einigen Ungereimtheiten steht es dort nicht mehr zum Besten um den Ruf.

Es war wohl ein Vorfall, der das Fass zum Überlaufen brachte: Eine Angestellte der onkologischen Praxis von Dr. Dirk Hempel, die in Räumen des Klinikums Freising untergebracht ist, bereitet eine Chemotherapie für einen Krebspatienten vor. Doch der Patient ist gesundheitlich angeschlagen. Die Fachkraft der Praxis ist unsicher. Lässt der Gesundheitszustand des Patienten eine Chemo überhaupt zu? Ein verantwortlicher Arzt, den sie zu Rate ziehen könnte und müsste, ist zu dieser Zeit nicht in der Praxis. Was tun? In ihrer Not ruft sie eine Oberärztin der Onkologie des Klinikums. Die unterbindet die Chemo sofort und verhindert so – vielleicht – das Schlimmste. Dieser Vorfall soll sich in der Praxis von Dr. Dirk Hempel zugetragen haben. Und dieser Fall ist es, der viele Patienten, die sich leidenschaftlich für den Verbleib von Klinik-Chefarzt Dr. Christoph von Schilling in der onkologischen Ambulanz eingesetzt haben (wir haben mehrfach berichtet, siehe Hintergrund-Info), in ihrer Skepsis bestätigt – der Skepsis, was ihre Weiterbehandlung in der Praxis von Hempel betrifft.

Sorge um den guten Ruf

Dieser Fall war es vor allem auch, der den CSU-Bundestagsabgeordneten und Klinikum-Aufsichtsrat Erich Irlstorfer umgetrieben hat. Seit Wochen und Monaten beobachtet er, was in der Praxis von Hempel unter dem Dach des Klinikums Freising vor sich geht.Und dieser Fall ist es letztlich auch, der jetzt die Klinikleitung und den Aufsichtsratsvorsitzenden der Klinikum Freising GmbH, Landrat Josef Hauner, dazu veranlasst hat, die Reißleine zu ziehen: Das Mietverhältnis mit Dr. Hempel wird nicht mehr verlängert. Auf seine Veranlassung hin, bestätigte Hauner gestern auf Nachfrage des FT, habe der Aufsichtsrat beschlossen, das Mietverhältnis zum September zu beenden. Schon im Mai hatte Erich Irlstorfer, als Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises und als Aufsichtsratsmitglied der Klinikum-GmbH, eine schriftliche Anfrage an die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) geschickt. Ihm war der Vorfall zu Ohren gekommen, weshalb er die KVB mit zwei Fragen konfrontierte: „Ist es richtig, dass eine solche Behandlung zwingend von einem Arzt durchgeführt beziehungsweise von einem solchen überwacht werden muss?“ Und: „Ist aus medizinischer Sicht eine Chemotherapie in einem solchen körperlichen Zustand (Anm. d. Red: Irlstorfers Informationen sprachen von hohem Fiber bei dem Patienten) machbar beziehungsweise angeraten?“ Bis heute hat Irlstorfer darauf keine Antwort erhalten – trotz mehrfacher Nachfrage. Unabhängig von all dem hatten sich einige Patienten von Chefarzt von Schilling an das Freisinger Tagblatt gewandt. Sie fühlten sich in der Praxis von Hempel nicht so gut aufgehoben wie bei von Schilling. Vor allem sei in der Hempel-Praxis von menschlicher Wärme nichts zu spüren, lauteten die Klagen. Dietmar Niedermüller etwa, Patient bei Dr. von Schilling, berichtet von einem irritierenden Vorfall: Auf der Suche nach einer Toilette im Klinikum habe er versehentlich die Praxis von Dr. Hempel betreten. Als er die WC-Tür öffnen wollte, habe ihn eine Sprechstundenhilfe mit den Worten abgewiesen: „Das ist nicht für Sie bestimmt. Suchen Sie sich ein anderes Klo.“ Niedermüller und seine Ehefrau haben sich darüber „wahnsinnig geärgert“, wie der Patient berichtet. Und die rührige Selbsthilfegruppe LLP (Lymphome, Leukämien und Plasmozytome), bis vor Kurzem noch unter der Leitung von Günter Schreiner, hat bisher vergebens darauf gewartet, dass sich der neue niedergelassene Onkologe einmal bei einem der Treffen blicken lässt. Viele Patienten haben von dem eingangs geschilderten Fall gehört, sind verunsichert. „Wir Patienten wissen nicht, wo wir hingehen sollen, wenn nicht mehr zu Dr. von Schilling“, sagt Schreiner. Beinahe täglich würden ihn Anrufe verunsicherter Patienten erreichen. Für sie ist Schreiner als ehemaligen Leiter der Selbsthilfegruppe noch immer der erste Ansprechpartner.

Chefarzt spricht von „schwerem Fehler“ 

Das fachliche Urteil über den eingangs geschilderten Fall scheint klar: Dass während einer Chemotherapie kein Arzt anwesend gewesen sei, sei ein „schwerer Fehler“, so der Befund von Chefarzt von Schilling in einem Gespräch mit dem Freisinger Tagblatt, Landrat Hauner, Erich Irlstorfer und Klinik-Geschäftsführer Andreas Holzner. Der Arzt, der seinerzeit eigentlich in der Praxis hätte sein müssen, ist Dr. Alexander Muth. Ihn hat Hempel angestellt, um die von ihm gemietete Praxis zu führen. Ein Konstrukt, das Hempel nicht nur in Freising betreibt: Auch in Dachau, Fürstenfeldbruck, Dillingen und Donauwörth hat er Räume angemietet und Ärzte angestellt, die diese Praxen führen. Dass Muth an jenem Tag also auf einem Kongress geweilt haben soll und derweil kein Arzt in der Praxis zugegen war, sei ein „No Go“ gewesen, betont von Schilling – und zwar „fachlich, aber auch juristisch“. Holzner hat sich den Vorgang von der Oberärztin bestätigen lassen. Sein Urteil: „Wenn da kein Arzt anwesend war, dann ist das kritisch zu beurteilen.“ Alexander Muth schildert dieses Vorkommnis auf Nachfrage des FT etwas anders: Er sei „akut erkrankt“ und deshalb nicht in der Praxis gewesen. Der Patient habe auch kein Fieber gehabt, sondern sei mit einem „erheblichen Hautausschlag (Rush Symptomatik) unter Antikörpertherapie (Vectibix)“ in die Praxis gekommen. Der Patient sei dann von der Arzthelferin an die Ärzte des Klinikums verwiesen worden, berichtet Muth. Er selbst sei über eine Notfallnummer informiert worden, man habe entschieden, „bei dem Patienten vorerst die Chemotherapie zu pausieren“. Muth sieht in diesem Fall sogar eine Art „Lehrstück einer verzahnten Versorgung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung“. Es erschließe sich ihm nicht, „welche Probleme hieraus konstruiert werden sollen“. Doch es gibt noch ein grundlegendes Problem, das auch Erich Irlstorfer in seinem Brief an die KVB angesprochen hat. Und auch das sei etwas, das betonen Holzner und Hauner unisono, auf das das Klinikum keinen Einfluss habe, das aber, wie auch Irlstorfer befürchtet, auf das Klinikum Freising „abfärben“ würde: Die Praxis von Hempel läuft – wie auch an den anderen Standorten – unter der Bezeichnung Medizinisches Versorgungszentrum (MZV). So ein „Gebilde“, wie es Holzner nennt, benötige eine entscheidende Voraussetzung: Zwei Arztsitze unterschiedlicher Fachrichtungen müssen in einer Praxis vorhanden sein. Im Falle des Hempel-MVZ am Klinikum Freising seien dies ein Onkologe und ein Labormediziner. Während Muth also die Praxis als Onkologe führt, soll der Labormediziner, wie gut unterrichtete Kreise berichten, gesundheitlich seit langem nicht mehr in der Lage sein, seine Aufgaben in der Praxis wahrzunehmen. Auf Nachfrage sagt Holzner, er sei auch davon unterrichtet worden. Irlstorfer also hat der KVB mitgeteilt, dass das Labor des Onkologiezentrums Freising „offenbar auf einen Arzt zugelassen ist, der sich in fortgeschrittenem Alter befindet und sich aufgrund einer Erkrankung in einer Pflegeeinrichtung in dauerhafter Unterbringung befindet“. Irlstorfers Frage: „Ist eine solche Konstruktion überhaupt denkbar? Wenn dem so ist, ist das korrekt und rechtlich zulässig?“ Auch darauf gibt es bisher keine Antwort der KVB. Dr. Muth weist diesen Vorwurf weit von sich. Wörtlich schreibt er: „Zu der Frage nach unserem laborärztlichen Kollegen darf ich versichern, dass sich der Kollege guter Gesundheit erfreut und nicht in einer Pflegeeinrichtung, sondern zu Hause wohnt.“ Und weiter: Der Laborarzt „steht für seine Tätigkeit vollumfänglich zur Verfügung.“ Die Aussagen widersprechen sich also. Aber beide Fälle machen das Dilemma deutlich, auf das Holzner, Hauner und Irlstorfer in dem Gespräch mit dem FT immer wieder hinweisen: Das Klinikum sei lediglich der Vermieter der Praxisräume, das MZV arbeite eigenständig und vom Klinikum unabhängig. Die Einflussmöglichkeiten seien extrem gering. Als man die Praxisräume 2013 an Hempel vermietet habe, sei die Intention gewesen, eine nahtlose medizinische Versorgung der Krebspatienten durch die örtliche Nähe zur onkologischen Station im Klinikum Freising sicherzustellen. Ansonsten hätte man die Patienten unter Umständen quer durch Freising schicken müssen, wenn Hempel beispielsweise Räume irgendwo in Lerchenfeld angemietet hätte.

Ein klares Statement des Geschäftsführers

Das Gastspiel von Dr. Hempel ist nun also in Kürze beendet. Der Aufsichtsrat hat beschlossen, das Mietverhältnis nicht mehr zu verlängern. Er selbst, so sagt Hauner, habe in den vergangenen Wochen viele Gespräche geführt, die ihn zu diesem Schnitt veranlasst hätten. „Ich wollte eindeutig nach außen hin signalisieren, dass diese Praxis mit dem Klinikum nichts zu tun hat.“ Damit hat man nun das in die Tat umgesetzt, was Geschäftsführer Holzner im Gespräch mit FT als klares Postulat so formulierte. „Wir werden definitiv kein fahrlässiges oder grob fahrlässiges Verhalten dulden und wir werden die Praxis natürlich nicht decken.“

Hintergrund

Es war eine Ausnahme, die am Klinikum Freising zum Vorzeigemodell wurde: Da in Freising nicht durch einen niedergelassenen Onkologen die ambulante Versorgung von Krebspatienten sichergestellt werden konnte, erteilte die Kassenärztliche Vereinigung dem Klinikum Freising, respektive dem dortigen Chefarzt der Onkologie, Dr. Christoph von Schilling, die Ausnahmegenehmigung, die Patienten auch ambulant versorgen zu dürfen. Als sich dann Dr. Dirk Hempel am Klinikum mit seinem MZV eingemietet hatte, wurde damit die Versorgungslücke, die von Schilling übergangsweise geschlossen hatte, wieder über den von der Gesetzgebung gewünschten Weg geschlossen: stationäre und ambulante Versorgung konnten wieder getrennt voneinander erfolgen. Dagegen protestierten die Patienten, sammelten mehr als 18 000 Unterschriften für den Verbleib von Dr. von Schilling in der Ambulanz.

Andreas Beschorner

Andreas Beschorner

E-Mail:redaktion@freisinger-tagblatt.de

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