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Wie barrierefrei ist Freising?

Der tägliche Hindernislauf

Freising - Theresia Macholl will sich nicht behindern lassen. Nicht mehr. Seit ein Rollator der wichtigste Begleiter der 67-Jährigen ist, steht sie zwar oft vor schwer überwindbaren Hürden. Doch die Rentnerin gibt nicht auf. Sie appelliert an alle Verantwortlichen für mehr Barrierefreiheit. Eine Geschichte, die deutlich macht: Freising hat zu viele Hürden.

Die Tage, an denen Theresia Macholl sich in ihrer Wohnung in Haag vergraben hat, sind vorbei. Sie geht wieder unter Leute. Die 67-Jährige Rentnerin ist einmal wöchentlich in Freising unterwegs. Vor der Fahrt mit dem Bus hat sie keine Angst mehr. Wenngleich schon der Weg nach Freising (oft) umständlich und beschwerlich ist. „Es kommt immer auf den Busfahrer an“, erzählt sie. Da ist sie natürlich froh, wenn der Freundliche, Verständnisvolle am Steuer sitzt, der ihr mit dem Rollator beim Einsteigen behilflich ist. Seitdem sie nur noch mit der Gehhilfe in der Stadt unterwegs sein kann, merkt sie das ohnehin immer wieder: Sie ist auf andere angewiesen. Eine für sie bittere Erkenntnis, die sie lange nicht verarbeiten kann – und sich deshalb einigelt. Nicht, weil sie zu stolz ist, Unterstützung anzunehmen. Vielmehr deshalb, weil hilfsbereite Menschen an manchen Tagen einfach dünn gesäht sind. Es ist nicht nur die aktive Hilfe anderer, die Theresia Macholl das Leben leichter machen würde.

Mehr Rücksicht und mehr Aufmerksamkeit wären wünschenswert

Macholl wünscht sich mehr Aufmerksamkeit. „Zugeparkte Gehwege, Radler, die keine Rücksicht nehmen“ – damit hat Theresia Macholl bei jedem ihrer wöchentlichen Ausflüge in die Stadt zu kämpfen. „Erst kürzlich hat mich ein Radfahrer, der es sehr eilig hatte und mir ausweichen musste, angeschrien: ,Geh doch zur Seite!’“, erzählt sie. Sie sagt es nicht anklagend. Immer wieder betont sie gegenüber dem FT, dass sie nicht kritisieren will, sondern nur auf die Situation aufmerksam machen möchte – die Menschen wachrütteln, sie dazu animieren, einmal ihren Blickwinkel zu ändern. Bei einem Rundgang durch Freising zeigt sie dem Freisinger Tagblatt eben jene Stellen, die sie oft verzweifeln lassen. Die Gründe, weshalb sie lange Zeit nur, wenn es „unbedingt sein musste“ das Haus verlassen hat – aus Angst vor den Hürden.

Ein Weg mit vielen Hindernissen

Treffpunkt ist die Ziegelgasse. An den Griffen von Theresia Macholls Rollator hängen drei große bunte Taschen, in denen sie später ihre Einkäufe verstaut. Was sofort auffällt: Die gelb-orangefarbene Fahrradklingel. „Damit mach ich auf mich aufmerksam – und mir so den Weg frei.“ Das Kopfsteinpflaster entlang der Ziegelgasse, am Rindermarkt und über den Marienplatz schüttelt die Rentnerin ordentlich durch. „Probieren Sie das mal“, bietet sie ihren Rollator an. Und tatsächlich: Es ist ein unangenehmes Gefühl, auf dem unebenen Boden mit den Händen am Rollator zu gehen. Daran hat sie sich aber mittlerweile schon gewöhnt. Macholl hat das Glück, eine richtig modernen Gehhilfe zu besitzen – mit großen Rädern, mit Bremsen und etwas breiter als ein herkömmlicher. Dank der großen Reifen bleibt sie nicht in so manchen extragroßen Zwischenräumen des Kopfsteinpflasters hängen. „Aber nicht jeder ist so gut ausgestattet“, weiß sie. Sie hofft da jetzt auf das neue Pflaster. Zumindest die Musterfläche ist vielversprechend, wie sie findet. Richtig beschämend ist es, wie manche Passanten die 67-Jährige behandeln. Ungeduldig drängeln sie hinter ihr. „Ich habe es mir abgewöhnt, zur Seite zu gehen“, sagt sie gelassen. „Auch wenn es mich natürlich verunsichert, wenn ich spüre, dass die Menschen hinter mir genervt sind.“ Doch der Weg durch die Innenstadt, der für einen gesunden Fußgänger einfach zu meistern ist, bedeutet für sie einen Slalomlauf, bei dem höchste Konzentration gefragt ist. Zwischen parkenden Rädern, Kleiderständern, Werbeschildern für Theateraufführungen und der Außenbestuhlung der Gastronomie hindurch bahnt sich Macholl tapfer ihren Weg. Dabei macht sie einen sehr selbstbewussten Eindruck. „Das ist aber tagesformabhängig“, gesteht sie. Doch auch, wenn sie mal keinen so guten Tag hat: Zuhause bleiben kommt für sie nicht mehr in Frage. „Das ist auch mein Appell an alle, die in irgendeiner Form eingeschränkt sind: „Geht raus! Traut euch! Lasst Euch nicht behindern!’"

Slalomlauf in der Innenstadt

Theresia Macholl zeigt für Vieles Verständnis, was ihr den Weg durch die Stadt schwer macht: „Natürlich sehen die Wirte zu, dass sie möglichst viele Tische auf dem Gehweg unterbringen – das steigert den Umsatz.“ Dass dabei keiner an Menschen, die gesundheitlich eingeschränkt sind, denkt – selbst das ist nachvollziehbar. Und es seien ja nicht nur Rollator- und Rollstuhlfahrer, die unter der Enge zu leiden hätten. „Auch Mütter mit Kinderwagen müssen sich durchkämpfen.“ Auf dem Weg in die Landshuter Straße nimmt sie sich Zeit für einen kleinen Plausch mit Bekannten, die sie zufällig trifft. Aber auch mit anderen Rollatorfahrern kommt sie ins Gespräch. An diesem Tag ist es Ludwig Netter, den die Haagerin kennenlernt. Auch er ist mit dem Rollator unterwegs. Und auch ihm ist das viele Kopfsteinpflaster (das aber bald verschwinden wird) ein Dorn im Auge. Und, das stellen die beiden in ihrer Unterhaltung auch fest: Asylbewerber sind richtig hilfsbereit. Sei es im Bus oder in der Stadt: Da komme ganz oft die Frage, ob man Hilfe brauche. „Da könnten sich manche eine Scheibe abschneiden“, sind die beiden sich einig.

Nach dem Ratsch Höhe der Sparkasse geht es weiter in Richtung Korbinianskreuzung. Hier wird deutlich, was Theresia Macholl zu Beginn dieser Tour durch Freising schon angesprochen hat: „Oft ist es einfach nur gefährlich!“ Die Ampelschaltung an der Kreuzung lässt für einen Menschen, der eingeschränkt mobil ist, wahrlich zu wünschen übrig. „Sehen Sie, die Grünphase ist viel zu kurz. Ich hab da keine Chance, bei Grün die Straße zu überqueren.“ Ehe die Hälfte der Strecke geschafft ist, schaltet die Ampel auf Rot um. Und wieder sieht sie sich der Ungeduld der Menschen gegenüber, dieses Mal ist es ein Autofahrer, der es besonders eilig hat. Am Ende des gemeinsamen Rundgangs begibt sie sich noch für das Freisinger Tagblatt in Gefahr: Sie möchte uns die größte Hürde auf dem Rückweg demonstrieren: Ein etwa 25 Zentimeter hoher Bordstein, der das Überqueren der Korbinianskreuzung Richtung Innenstadt zu einer wahren Mutprobe macht. Vorsichtig bringt Theresia Macholl die Vorderräder ihres Rollators auf die Fahrbahn. Und weil das natürlich Zeit in Anspruch nimmt, schafft sie nur wenige Meter, ehe die Ampel auf Rot umspringt. Doch all das bringt die Rentnerin nicht davon ab, ihr Leben zu genießen. Mit möglichst vielen Freiräumen. „Ich fühle mich nicht behindert, ich werde behindert.“ Und das, so hofft sie, wird sich irgendwann einmal ändern.

Fotos: Birgit Gleixner

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