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Tröster im roten Kapuzenpulli: Den Bär des Flughafenvereins hat Thomas Bihler immer mit dabei. Er hat schon vielen Kindern ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Interview mit Thomas Bihler, Vorsitzender des Flughafenvereins München e.V.

"Deinen Nachbarn lässt du nicht hängen"

Thomas Bihler, Gründer und seit 20 Jahren Vorsitzender des Flughafenvereins, lebt einen ganz besonderen Luxus: Er hat seine Berufung zum Beruf gemacht. Seine tägliche Arbeit ist es unter anderem auch, Menschen zu helfen. Unbürokratisch, ohne große Hürden. Und auch, wenn ihm das Leid, auf das er oft trifft, nach 20 Jahren immer noch unter die Haut geht – er würde mit keinem Menschen der Welt tauschen wollen. 

Freisinger Tagblatt: Sie haben den Flughafenverein 1996 gegründet. Wird das 20-jährige Jubiläum groß gefeiert? 

Thomas Bihler: Auf eine Feier verzichten wir. Das Geld stecken wir lieber in schöne Projekte für Nachbarn, die Hilfe brauchen. Jeder Mensch kann durch einen Schicksalsschlag ganz plötzlich und unvermittelt in Not geraten: Familien, Kinder, ältere Leute. Und statt uns zum 20-jährigen Bestehen selbst auf die Schulter zu klopfen, helfen wir lieber. Uns selbst zu feiern, hieße ja, unsere eigene Arbeit zu bewerten, zu sagen. „Seht her, was wir tun, ist richtig gut!“ Das überlasse ich lieber anderen – nämlich den Menschen, denen wir helfen konnten.

Welche Intention steckte damals dahinter, einen gemeinnützigen Verein mit Sitz am Flughafen aus der Taufe zu heben? 

Auf der einen Seite ging es darum, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Jeder, der vom Flughafen Riem kam, hat immer von diesem wunderbaren Wir-Gefühl geschwärmt. Das fand ich beeindruckend, diesen Gedanken wollte ich aufgreifen. Und was könnte unzählige Mitarbeiter auf unterschiedlichsten Ebenen stärker verbinden, als gemeinsam Gutes zu tun? Die Idee, auf diesem Weg näher zusammenzurücken, hat mir gefallen. Auf der anderen Seite war da die Überzeugung, dass wir unseren Nachbarn, denen es schlecht geht, helfen wollen. Wie heißt es so richtig: Lieber streite ich mich mit einem Verwandten als mit einem Nachbarn. Menschen in deiner unmittelbaren Nähe, die Hilfe brauchen, lässt du nicht hängen. Vertraulichkeit ist dabei das oberste Gebot. Wir helfen meist, ohne es in die Öffentlichkeit zu tragen. Es ist in der Regel eine Sache zwischen den Betroffenen und uns. Es sei denn, es gibt groß angelegte Hilfsaktionen wie im Fall des schwer erkrankten Familienvaters von sieben Kindern, ein Feuerwehrmann hier am Flughafen. In enger Absprache mit der Familie haben wir einige tolle Aktionen gestartet, um Spenden zu sammeln. Am Ende konnten wir der Familie 65 000 Euro übergeben – so einen Erfolg erzielt man natürlich nur, wenn man an die Öffentlichkeit geht.

Wo helfen Sie noch?

Da gibt es unzählige Beispiele: Bei der Hochwasserkatastrophe in Simbach etwa. Da sind wir hingefahren, haben uns durchgefragt, wen es am Schlimmsten erwischt hat, wer nicht versichert ist. Wir haben 5000 Euro verteilt – unbürokratische Soforthilfe. Oft können sich Familien die Beerdigung des eigenen Vaters, des eigenen Kindes nicht leisten. Eine ältere Frau ruft uns an, weil sie bald auf Reha kommt, aber keinen Jogginganzug dafür hat. In einem persönlichen Gespräch vor Ort stellt sich heraus, dass es bei ihr zuhause am Nötigsten fehlt – wir unterstützen die Frau mit einem Fernseher und Staubsauger. Ein aktuelles Beispiel aus Freising: Eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern kann ihre Stromrechnung nicht zahlen – wir springen spontan ein. Auch die Hochwasseropfer im Landkreis vor einigen Jahren konnten wir mit 40 000 Euro unterstützen. Wir haben im Landratsamt angerufen und darum gebeten, den Kontakt zu Menschen herzustellen, die es besonders hart erwischt hat. Ein Mädchen mit olympiaverdächtigen sportlichen Leistungen kann an keinen Wettkämpfen teilnehmen, weil der Familie die finanziellen Mittel fehlen – das Kind fördern wir, zahlen einen Flug zu einer Meisterschaft. Einer Frau, die jenseits der 80 noch Zeitungen austragen muss, weil sie sich sonst ihren Lebensunterhalt nicht leisten kann, haben wir finanziell unter die Arme gegriffen. Das sind die kleinen Hilfen im Stillen, das ist unsere tägliche Arbeit.

Oft sind es Kinder, die Ihre Hilfe brauchen - und bekommen.

Einem Kind einen Herzenswunsch zu erfüllen, ist das Schönste überhaupt. Das sind sehr bewegende Momente. Ein kleiner, todkranker Bub hat nur noch einen Wunsch: Er will einmal in seinem kurzen Leben fliegen. Den erfüllen wir natürlich. Ein schwerkrankes Mädchen haben wir zur Shoppingtour nach New York geschickt. Das Leuchten in den Augen dieser Kinder zu sehen, das ist unbeschreiblich schön. Für das Flughafenbaby, die kleine Franziska, haben wir innerhalb nur eines Tages die Patenschaft übernommen, den Kontakt zur Haunerschen Kinderklinik hergestellt und sichergestellt, dass das Mädchen bestens versorgt ist. Nachhaltige Hilfe bei Schicksalsschlägen, die uns allen hier sehr nahe gehen.

Auf der Homepage des Flughafenvereins heißt es: „Im Bedarfsfall kann er auf die Kapazitäten der FMG zurückgreifen.“ Was heißt das genau?

Der Flughafen München ist wie eine Stadt, hier gibt es alles: Maler, Schreiner, Feuerwehr, Arzt. Wenn wir davon etwas brauchen, um helfen zu können, dürfen wir darauf zurückgreifen. Es sind auch diese kurzen Wege, die uns so erfolgreich machen: Wir sind ein kleiner Verein mit einer hohen Durchschlagskraft. Wichtig ist aber Folgendes: Wir sitzen zwar am Flughafen und können alle Vorteile hier nutzen, aber wir arbeiten gemeinnützig und unabhängig.

Bei all der Hilfe, die Ihr Verein in der Region leistet: Wie kommt es, dass Sie mit diesem Engagement hier kaum in Erscheinung treten, kaum einer darüber spricht?Die Menschen, denen wir helfen, nehmen uns natürlich wahr. Aber es stimmt schon, dass man sich gerade in Freising manchmal etwas schwer damit tut, Positives vom Flughafen zur Kenntnis zu nehmen. Ich denke, das hat viel mit der Diskussion über die dritte Startbahn zu tun – sehr schade.

Ist es so? Ist die Aufgabe des Flughafenvereins auch die, zu zeigen, „Wir sind ein guter Nachbar“, um die Startbahngegner vielleicht ein wenig zu besänftigen?

Nein, natürlich nicht. Uns gibt es seit 20 Jahren, und seither wollen wir Gutes für die Region tun. Als wir anfingen, war von einer dritten Bahn überhaupt keine Rede. Ich würde diese karitative Arbeit auch machen, wenn ich Mitarbeiter eines anderen großen Unternehmens wäre – und hätte dann wohl mehr Wertschätzung dafür. Wie soll unser Engagement mit der dritten Startbahn zusammenhängen? Wir sind Freisings Nachbar, wir helfen unseren Nachbarn. Ein Beispiel: Wir bekommen gelegentlich auch Anrufe aus dem Freisinger Rathaus, wenn es um Menschen geht, die dringend schnelle Hilfe brauchen. Wo wir können, springen wir ein. Ohne Wenn und Aber. Aber natürlich würden wir uns freuen, wenn dieses Engagement von offizieller Seite auch entsprechend anerkannt würde – und das ist leider nicht immer der Fall. In der Stadt und im Landkreis Erding ist das ganz anders. Da arbeitet man eng zusammen. Der Landkreis Erding ist auch Mitglied des Flughafenvereins und bei fast allen Mitgliederversammlungen dabei. In Freising haben wir einen schweren Stand.

Hat das Einfluss darauf, wem Sie helfen? Helfen Sie einem Erdinger lieber als einem Freisinger?

Das wäre ja schlimm, nein! Und meine Kritik richtet sich auch um Gottes Willen nicht an die Menschen, denen wir helfen.

Wer entscheidet, wofür Geld gegeben wird?

Wenn ein Mensch in Not ist, muss gelten: Heute bestellt, gestern geholfen. Es kann nicht schnell genug gehen. Bei dringenden Dingen, die nicht warten können, entscheide ich mit dem Team, bei größeren, langfristigen Projekten die komplette Vorstandschaft – was auch immer schnell und unkompliziert geht. Projekte wie unsere Lettlandhilfe, die es seit zehn Jahren gibt, werden ausführlich im Gremium besprochen und geplant.

Wo ist der Flughafenverein im Ausland aktiv?

Unser größtes Projekt im Ausland ist die Aktion Lettland. Zum zehnten Mal haben wir heuer 15 Tonnen Hilfsgüter gesammelt und vor Ort an Bedürftige verteilt. Zudem arbeiten wir eng mit dem ukrainischen Konsulat und der ukrainischen Kirche zusammen. Unter anderem unterstützen wir ein Kinderkrankenhaus. Ganz besonders ans Herz gewachsen ist mir auch ein Projekt in Rumänien. In Waisenhäusern und Behinderteneinrichtungen leben dort wirklich die Ärmsten der Armen. Es ist keine anonyme Hilfe, die wir leisten. Wir überbringen die Hilfsgüter selbst, überzeugen uns davon, dass sie auch wirklich da ankommen, wo sie so dringend gebraucht werden, und verbringen Zeit mit den Menschen.

Was war der bewegendste Moment in diesen 20 Jahren?

Jedes Schicksal, das wir begleiten, ist hart und geht unter die Haut. Das Traurigste, was ich erlebt habe, war in einem Kinderkrankenhaus in der Ukraine. Einem Jungen, der vor Schmerzen gestöhnt hat, hab ich einen Teddybären in seine Hände gelegt und über die Wange gestreichelt. Der Bub hat mich angelächelt, für einen kurzen Augenblick seine Schmerzen vergessen. Der Arzt hat zu mir gesagt, „Herr Bihler, dieses Kind wird sterben.“ Und tatsächlich hat es diesen Tag nicht überlebt.

Müssen Sie Leute, die Sie um Hilfe bitten, wegschicken?

Wir können nicht jedem Geld in die Hand drücken. Das ist oft auch gar nicht angebracht. Wie im Fall eines 18-jährigen Mädchens, dessen Mutter verstorben ist. Vier Monate später erhängt sich der Vater. Dieses Mädchen bringt eine finanzielle Unterstützung nicht weiter. Die braucht einen Anwalt, einen Steuerberater und natürlich psychologische Betreuung. Hier vermitteln wir weiter, schauen ganz sensibel, wie wir tätig werden können.

Sie haben offenbar ein großes Herz für Menschen in Not. Wo ist die Empathie für die Betroffenen der dritten Startbahn?

Ich glaube nicht, dass man Opfer von Naturkatastrophen und schwersten individuellen Schicksalsschlägen mit Flughafennachbarn gleichsetzen kann, die von einem Ausbauvorhaben betroffen sind. Natürlich habe ich Verständnis für unsere unmittelbaren Anrainer, die sich vor zusätzlichem Fluglärm fürchten. Da ist es entscheidend, dass beim Bau einer dritten Startbahn eine großzügige Kompensa-tion geleistet wird. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass die meisten Menschen in der Region vom Bau der dritten Startbahn gar nicht betroffen wären. Letztlich geht es hier doch um eine Abwägungsentscheidung: Wie viele Menschen profitieren von so einem Ausbau und wie viele sind davon negativ betroffen? Und die Zahl derer, die davon einen Vorteil haben, überwiegt sehr deutlich. Wenn jemand der direkt Betroffenen zu mir kommen würde, würde ich mir selbstverständlich Zeit für ein Gespräch mit ihm nehmen. Wofür ich aber kein Verständnis habe, das sind die oft sehr polemischen und unsachlichen Angriffe auf alles, was irgendwie mit dem Flughafen in Verbindung steht. Ich glaube, es ist ganz wichtig zu differenzieren, wenn man die Rolle des Airports für die Region bewertet. Dann muss auch gesehen werden, was dieser Flughafen an Arbeitsplätzen, an Kaufkraft und Wertschöpfung für die Region schafft. Von den Sponsoring-Maßnahmen für sportliche, kulturelle und soziale Projekte, die es ohne diese Hilfe zum Teil gar nicht gäbe, mal ganz zu schweigen.

Welche Botschaft wollen Sie als Thomas Bihler, Referent für Regionale Politische Netzwerke, an die Region Freising richten?

Letztendlich geht es doch – wie beim Flughafenverein – um die Frage, was man zusammen positiv bewirken kann. Viele tausend Flughafenbeschäftigte kommen aus der Stadt und dem Landkreis Freising. Sie engagieren sich sowohl für den Airport als auch für ihre Heimatgemeinden. Es gibt so viele Themen, bei denen die Region und der Flughafen die gleichen Interessen haben: Das reicht von besseren Straßen und Schienenverbindungen über bezahlbaren Wohnraum für Flughafenmitarbeiter bis zur Ansiedlung neuer Investoren oder dem Kultur- und Freizeitangebot. Da wäre mein Appell: Lassen Sie uns die Kräfte bündeln, damit wir gemeinsam mehr erreichen.

Und was wollen Sie als Thomas Bihler, 1. Vorsitzender des Flughafenvereins München, den Freisingern mit auf den Weg geben?

Unser Versprechen an die Nachbarn: Wir lassen Sie nicht allein, wenn Sie in Not geraten.

Gut zu wissen 

Der 54-jährige Thomas Bihler war lange Jahre der Leiter des Zugangsmanagements bei der FMG, seit eineinhalb Jahren ist er der Leiter des Referats „Regionale Politische Netzwerke“, das eng verzahnt ist mit dem Flughafenverein. Der Verein hat rund 500 Mitglieder. 2008 wurde Bihler mit der Verdienstmedaille des Bundesverdienstkreuzes für sein ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Nähere Infos: www.flughafenverein.de. Spendenkonto: Sparkasse Erding-Dorfen, IBAN: DE 12 7005 1995 0000 9663 33, BIC: BYLADEM1ERD.

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