Interview

Caritas-Schuldnerberater: "Im Prinzip kann es jeden treffen"

Freising - Eine zu eng gestrickte Monatskalkulation, ein Schicksalsschlag oder der eine Kredit zu viel: Es gibt viele Wege, die schnell in die Verschuldung hineinführen und nur wenige, die langsam wieder herausführen. Ein Hoffnungsschimmer in prekärer Situation ist die Caritas-Schuldnerberatung.

Günter Miß (62) und Sabine Schuster (45) von der Caritas stehen Menschen, die sich in finanziellen Schwierigkeiten befinden, Woche für Woche zur Seite. Das FT hat die beiden besucht. Sie berichten über Drohkulissen, die von Gläubigern aufgebaut werden, über Menschen, die ob ihrer Verbindlichkeiten krank werden, und über die Gründe, warum das erste Gespräch mit dem Schuldner oft schon das Wichtigste ist.


Sie bieten fünf Mal die Woche eine Stunde lang eine telefonische Schuldnerberatung an. Ist der Bedarf wirklich so groß?

Sabine Schuster: Ja. Wir bekommen jedes Jahr zwischen 600 und 700 Anfragen. 350 bis 400 Fälle im Jahr können wir bearbeiten.

Welche Menschen kommen zu Ihnen?

Günter Miß: Das geht querbeet. Vom Hartz-IV-Empfänger bis zum gutbetuchten mittelständischen Beamten.

Schuster: Und vom 19-jährigen Jugendlichen bis zum Rentner mit Anfang 70. Im Prinzip kann es jeden treffen.

Miß: Zwei Gruppen ragen dabei heraus. Zum einen sind das die Familienhaushalte mit geringem Einkommen, die auf Kante gelebt haben und ins Straucheln kommen, sobald etwas Unerwartetes passiert – sei es, dass es zu einer Kündigung kommt oder das Auto den Geist aufgibt.

Schuster: Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Menschen, die in die Selbstständigkeit gehen, fachlich auch gut qualifiziert sind, aber die kaufmännische Seite der Betriebsführung nicht überblicken.

"Die wenigsten kommen sofort."

Und diese Menschen kommen gleich zu Ihnen.

Miß: Die wenigsten kommen sofort. Die meisten versuchen erst, die Situation selbst zu meistern, und verstricken sich dabei immer noch weiter in Schulden. Sie könne beispielsweise ihre Handyrechnung nicht mehr bezahlen und fragen nach, ob sie das in Raten von 30 Euro abstottern dürfen. Dann müssen sie dafür eine Ratenzahlungsvereinbarung unterschreiben, die 85 Euro kostet, und zahlen schon einmal drei Monate dafür, dass es diese Vereinbarung überhaupt gibt.

Wer zu Ihnen kommt, muss zuvor auch seine Scham überwinden.

Schuster: Stimmt. Man muss sich zuvor das Scheitern eingestehen. Der erste Satz vieler Kunden im Beratungsgespräch lautet dann auch: „Ich wollte nie, dass es so weit kommt.“ Oder: „Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren kann.“

Wie tappt man in die Schuldnerfalle?

Schuster: Wer seinen Haushalt auf Kante näht und zu positiv rechnet, ist gefährdet.

Miß: Zudem werden die Versuchungen immer größer – vor allem durch die Marktstrategie „Kaufe jetzt, zahle später“. Inzwischen bieten nicht nur Versandhäuser eine Null-Prozent-Finanzierung an, sondern auch die Elektrofachmärkte und sogar Banken. Selbst beim Internet-Bezahlsystem PayPal sollen künftig Ratenzahlungen möglich sein. Da ist die Gefahr groß, dass ich den Überblick über meine Verbindlichkeiten verliere.

Schuster: Auch ein überzogener Dispokredit kann der Einstieg in die Schuldenspirale sein. Wenn der über längere Zeit nicht zurückbezahlt wird, besteht die Gefahr, dass die Bank die Geduld verliert und den Dispokredit aufkündigt. Die Bank hat dann das Recht, aufs Konto eingehende Zahlungen mit dem offenen Betrag zu verrechnen.

Miß: Wir hatten schon Kunden, die kein Geld mehr von der Bank bekommen haben. Die konnten sich nicht mal mehr was zum Essen kaufen.

Bei einer Aktionswoche der Schuldnerberatung wurde der Zusammenhang zwischen Schulden und Krankheit thematisiert. Spielt Mangelernährung auch eine Rolle?

Miß: Ja, in Haushalten, die sehr eng gestrickt sind, besteht immer wieder die Bereitschaft, am Essen zu sparen. Dann kommt es tatsächlich zu Mangelernährung, und das führt über einen längeren Zeitraum zu Krankheiten. Auch die psychische Belastung ist in einer solchen Situation groß. Viele unserer Kunden leiden an Schlaflosigkeit, weil sie nachts über ihre Schulden nachdenken.

Schuster: Das kann schnell in Depressionen umschlagen. Was man auch immer wieder von Kunden zu hören bekommt, sind Sätze wie: „Es gab Tage und Nächte, da hab ich mir überlegt, ob ich mir einen Strick nehmen oder mich auf die Gleise legen soll.“

"Beim ersten Gespräch ist es das Wichtigste, Ängste zu nehmen."

Was passiert, wenn solche Selbstmordabsichten geäußert werden?

Miß: Man muss abwägen, wie ernst diese Aussagen sind. Wenn wirklich Anlass zur Sorge besteht, schalten wir den sozialpsychiatrischen Dienst ein.

Schuster: Erfahrungsgemäß ist es für die Menschen aber schon eine große psychische Entlastung, wenn sie in einem vertrauensvollen Rahmen über ihre Situation sprechen können.

Miß: Aus dem ersten Gespräch verabschieden sich viele mit dem Satz: „Jetzt geht es mit erst mal besser.“ Und das, obwohl noch nichts in Richtung Entschuldung passiert ist. Beim ersten Gespräch ist es wichtig, Ängste zu nehmen und Perspektiven zu entwickeln.

Es können aber nicht nur Schulden zu Krankheiten führen, sondern auch Krankheiten zu Schulden.

Schuster: Oft passiert es, dass Menschen im Alter Mitte/Ende 50 aufgrund körperlicher Beschwerden ihren Beruf nicht mehr ausüben können: Der Berufskraftfahrer, der einen Schlaganfall erleidet, der Bauarbeiter, der einen Wirbelsäulenschaden hat oder eine Bürokraft, die mit der psychischen Belastung nicht mehr zurande kommt. Dann fehlt natürlich ein großer Teil des Einkommens, was mitunter dazu führt, dass der Lebensstandard nicht mehr gehalten werden kann und langfristige Kredite auf der Strecke bleiben.

Welche Wege führen wieder raus aus der Verschuldung?

Miß: Erstmal machen wir Kassensturz: Was ist an Geld da? Was sind die Fixkosten? Dann wird eine Dringlichkeitsliste erstellt. Ganz oben stehen die existenziell wichtigen Posten: Miete, Strom, Telefon. Dazu kommen von Fall zu Fall Unterhaltskosten oder Kosten für das Auto, wenn es beruflich benötigt wird.

So weit, so klar.

Miß: Das sagen Sie. Aber es gibt genügend Menschen, die jeden Monat ihren Kredit bedienen, aber seit drei Monaten ihre Miete nicht gezahlt haben, obwohl das ein Kündigungsgrund ist. Die Angst vor den Banken ist meist größer als die vor dem Vermieter.

"Schwer wird es, wenn es darum geht, beim Kind zu sparen."

Warum eigentlich?

Miß: Kreditgeber bauen über Inkasso-Büros meist eine größere Drohkulisse auf. Wer eine Haftandrohung im Briefkasten hat, gerät in Panik.

Schuster: Schuldner werden gezielt verunsichert, um die Zahlungswilligkeit zu befördern. Dabei gibt es nur wenige Fälle, bei denen Schulden zu einer Haftstrafe führen würden. Dann nämlich, wenn ich eine Geldstrafe nicht bezahle oder meinen Unterhaltspflichten nicht nachkomme. Ein dritter Fall ist die Erzwingungshaft. Er tritt ein, wenn Sie sich weigern, einem Gerichtsvollzieher Auskunft über ihr Vermögen zu geben.

Miß: Das ist vergleichbar mit dem bösen Kind, das ins Zimmer geschickt wird und erst wieder raus darf, wenn es brav ist.

Wenn es keine Spielräume bei den existenziellen Posten gibt, wo finden Sie dann Einsparpotential?

Miß: Auf der Einnahmenseite kann geprüft werden, ob die Familie Anspruch auf soziale Zuschüsse hat – etwa auf Wohngeldzuschuss oder Kindergeldzuschlag. Viele wissen nicht, dass Hartz IV nicht nur Arbeitslosen ausbezahlt wird, sondern unter Umständen auch Arbeitskräften, deren Lohn nicht dazu reicht, das Budget für eine große Familie abzudecken. Auf der Ausgabenseite kann oft bei den Hobbys gespart werden: bei Abos, egal ob Pay-TV oder Zeitungen, beim Handy-Vertrag, der zu teuer abgeschlossen wurde, beim Vertrag mit dem Fitnessstudio.

Schuster: Schwer wird es, wenn es darum geht, beim Kind zu sparen – etwa den Reitunterricht zu streichen. Das tut weh.

"Es gibt Fälle, die einen belasten."

Und die Schulden sind immer noch nicht weg.

Miß: Das ist dann der nächste Schritt: zu den Gläubigern zu gehen und auszuloten, was möglich ist.

Wie oft kommt es zu erfolgreichen Ergebnissen?

Schuster: Das hängt von den Umständen ab. Je mehr Gläubiger existieren und je höher die Verschuldung ist, desto schwieriger wird es. Bei einem Hartz-IV-Empfänger, der Verbindlichkeiten im fünfstelligen Bereich hat, tendiert der Ausgleich gegen Null, weil kaum finanzieller Spielraum für Rückzahlungen besteht. So sind wir oft gezwungen, Insolvenzverfahren einzuleiten, bei denen es letztlich darum geht, dass der Betroffene seine Verbindlichkeiten im Lauf von sechs Jahren abbaut, so weit es irgendwie geht, und dann eine Befreiung von den Schulden zu bekommen.

Sie erleben in Ihrem Alltag genug Leid. Wie schützen Sie sich davor, dass all diese Schulden Sie krank machen?

Schuster: Es stimmt, dass es Fälle gibt, die einen belasten. Aber ich mache mir auch immer wieder klar, dass wir vielen Menschen wirklich helfen. Diese positiven Erlebnisse sind für mich wichtig.

Miß: Ich mache das jetzt seit 23 Jahren, und für mich gehört es zur Selbsthygiene, sich bewusst zu machen: Das ist meine berufliche Tätigkeit, aber ich bin nicht selbst der Betroffene. Wenn ich aus dem Büro gehe, stelle ich mir immer die Herbergsmutter in Südtirol vor, die am Ende des Tages die Türen verschließt und sagt ,Il lavoro è fatto’ – die Arbeit ist getan.

Gut zu wissen

Montags bis freitags von 8 bis 9 Uhr findet die Telefonsprechstunde der Caritas-Schuldnerberatung statt, die zur ersten Krisenintervention dient. Die Berater sind unter Tel. (0 81 61) 5 38 79 45 erreichbar. Neben Günter Miß und Sabine Schuster gehört noch Margit Wander (46) zur Schuldnerberatung.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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