Prozess

Freisinger Asylunterkunft: Messerstecher (40) bestreitet Mordversuch

Freising/Landshut - Einer Notoperation hat ein pakistanischer Asylbewerber (29) nach der Messerattacke seines Landsmanns (40) sein Leben zu verdanken. Der 40-jährige muss sich jetzt mit einem Landsmann (32), der ihn bei der Tat „angefeuert“ haben soll, vor dem Landgericht Landshut verantworten.

Die von Staatsanwalt Klaus Kurtz vertretene ursprüngliche Anklage gegen den 40-jährigen Messerstecher lautet auf versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung, die gegen den 32-jährigen Bauarbeiter auf Anstiftung dazu. Allerdings gab es zum Prozessauftakt Hinweise der Kammer, dass bei dem Angeklagten (40) auch eine Verurteilung wegen versuchten Mordes in Betracht komme. Laut Anklage kam es am 2. Februar dieses Jahres gegen 20.45 Uhr auf dem Gelände der Asylbewerberunterkunft in den Wippenhauser Straße zwischen dem Angeklagten und dem späteren Opfer zum wiederholten Male zu einer zunächst verbalen Auseinandersetzung, in deren Verlauf der 40-Jährige ein Messer zog und es dem 29-Jährigen in den Oberbauch stieß. Dabei sei er von dem 32-jährigen Bauarbeiter angefeuert worden. Der 40-Jährige habe das Messer aus dem Bauch seines Opfers wieder herausgezogen und versucht, einen weiteren Stich zu setzen. Daran sei er von Bewohnern der Unterkunft gehindert worden. Durch den ersten Stich sei es beim Opfer zu einer Eröffnung der rechten Herzkammer gekommen – ohne die umgehende ärztliche Versorgung wäre er verstorben.

Die Verteidiger Patrick Schladt und Thomas Krimmel gaben zunächst für den Messerstecher eine Erklärung ab, in der der 40-Jährige sein Bedauern äußerte und den Messerstich einräumte. Der sei aber keinesfalls mit Tötungswillen geführt worden. In seiner pakistanischen Heimat war der 40-Jährige in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, wurde bald Waise und hatte nur ein paar Schulklassen besucht. Seine Ehefrau lebe mit den Kindern bei ihren Eltern in Pakistan. Der Grund für seine Flucht sei die Armut gewesen: „Ich wollte meine Familie von Deutschland aus versorgen.“ In einem Brief „An dich mein Sohn“ aus der U-Haft heraus, den ein Bekannter niedergeschrieben hatte, räumte der 40-Jährige ein, im Rausch einen großen Fehler gemacht und „dich geschlagen“ zu haben. Er bat den 29-Jährigen um Vergebung und versprach, für ihn „das ganze Leben als Diener da zu sein.“

Eine Erklärung gab auch Verteidiger Martin Paringer für den Mitangeklagten ab: Vor der Auseinandersetzung, so berichtete er, habe man auf dem Gelände Whisky getrunken. Beim Messerstecher wurden dann auch rund 1,2 Promille festgestellt. Am frühen Abend habe es dann Streit gegeben, wobei vor allem der 40-Jährige Ärger gemacht habe. Das Messer habe der 32-Jährige nicht gesehen, nur eine plötzliche Bewegung in Richtung Bauch des 29-Jährigen. Und: Er habe den 40-Jährigen „ nicht aufgefordert oder angefeuert, zuzustechen. Im Gegenteil, ich habe mich bemüht, zu schlichten.“ Der Mitangeklagte kam über Dubai, wo er lange Jahre arbeitete, und Griechenland mittels Schleuser nach Deutschland. Aufgrund seiner Schilderung des Tatablaufs, insbesondere dass der Angeklagte das Messer „versteckt“ gezogen habe, kam der Hinweis der Kammer, dass auch ein Heimtücke-Mordversuch vorliegen könnte. Für Erstaunen bei den Prozessbeteiligten sorgte auch die Aussage des 32-Jährigen, dass er zunächst in einer Schulturnhalle untergebracht gewesen sei und es dort mit den Mitbewohnern aus Afghanistan, Syrien und dem Kosovo keine Probleme gegeben habe. „Nur die Pakistaner in der Unterkunft haben immer Streit im Kopf gehabt“ - sagte der Pakistaner. Der Prozess wird heute fortgesetzt.


Walter Schöttl

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