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Hatten Spaß am Filmset von „Auf Augenhöhe“: Die Regisseure Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf (hinten) mit den Hauptdarstellern Jordan Prentice und Luis Vorbach sowie dem Kameramann Jürgen Jürges (v. l.). Ihr Film kommt am 15. September in die Kinos.

Interview mit Regisseurin Evi Goldbrunner

Besonderer Film für die ganze Familie: "Auf Augenhöhe" kurz vor Kinostart

Landkreis - Evi Goldbrunner stammt aus Gammelsdorf, ging in Moosburg zur Schule - und bringt jetzt als Regisseurin einen preisgekrönten Familienfilm in die Kinos. Wir haben sie zu "Auf Augenhöhe" interviewt.

Für ihre Kurzfilme haben die Regisseure Evi Goldbrunner (40) und Joachim Dollhopf (45) schon zahlreiche Preise abgeräumt. Nun geben sie mit „Auf Augenhöhe“ ihr Langspieler-Debüt. Bevor der Familienfilm kommende Woche bundesweit in die Kinos kommt, haben wir mit der aus Gammelsdorf stammenden Goldbrunner gesprochen: über die besondere Thematik des Films, Herausforderungen bei der Finanzierung und eine Liebes-Botschaft an das Publikum.

Freisinger Tagblatt: Frau Goldbrunner, in „Auf Augenhöhe“ erzählen Sie eine Vater-Sohn-Geschichte, die sich um einen kleinwüchsigen Mann und ein Waisenkind dreht. Kein einfacher Stoff für einen Familienfilm.

Evi Goldbrunner: Wenn Sie jetzt einen autobiografischen Bezug vermuten: Den gibt es nicht. Ich hab’ keine kleinwüchsigen Menschen in meiner Familie oder im Freundeskreis.

Sondern?

Ein Film für die ganze Familie: Bei seiner Premiere auf dem Münchner Filmfest hat „Auf Augenhöhe“ den Publikumspreis gewonnen.

Joachim und ich wollten schon länger eine Eltern-Kind-Geschichte erzählen. Während unserer Zeit an der Filmhochschule gab es dann einen besonderen Moment: Wir waren gerade für eine Übung in einem Friseursalon und mussten eine Drehpause abwarten, als die Tür aufging. Eine kleinwüchsige Frau kam rein. Sie hat den Raum... ich will nicht sagen verzaubert, aber durch ihre Anwesenheit hatten Dinge plötzlich eine Bedeutung, die vorher völlig banal schienen.

Was meinen Sie?

Naja, oft ist man ja so unzufrieden mit dem eigenen Leben, unfreundlich und gedankenlos. Als die Frau reinkam, herrschte plötzlich so eine Achtung im Raum, das war schön. Der Umgang zwischen der Friseurin und ihrer Kundin hat uns stark berührt. Später kam uns die Idee: Was, wenn der Vater in unserer Geschichte kleinwüchsig wäre?

Und so kam es dann auch. Ihr Film handelt von einem zehnjährigen Waisenbub, der die Adresse seines unbekannten Vaters findet – und dann damit konfrontiert wird, dass der ganz anders ist, als erwartet: kleinwüchsig. Ein Film mit vielen Höhen und Tiefen. Haben Sie sich darauf gefreut, gesellschaftliche Tabus aufzubrechen?

Wir haben uns vor allem Gedanken darüber gemacht, dass wir nicht in die Falle tappen dürfen und so tun, als wäre alles ganz toll, normal und kein Problem. Die Frage war: Dürfen, sollen, müssen wir zeigen, dass auch Diskriminierung allgegenwärtig ist? Die Entscheidung lautete: Ja, wir überschreiten die Political Correctness. Aus der Erwachsenenperspektive kann man nämlich leicht sagen: Es ist doch nicht schlimm, einen kleinwüchsigen Vater zu haben. Aber Kinder erleben das viel impulsiver und existenzieller.

Sie haben im Vorfeld recherchiert und viele Gespräche mit Betroffenen geführt. Was ist Ihnen besonders stark in Erinnerung geblieben?

Suche nach Liebe: Waisenkind Michi, gespielt von Luis Vorbach, sehnt sich nach Zuneigung. Als er von seinem Vater erfährt, zieht er los.

Eine Person haben wir ganz oft getroffen. Einen Mann um die 40, im gleichen Alter, in dem auch unsere Hauptfigur ist. Er hat uns in seine Seele schauen lassen. Ein kleinwüchsiger Mann muss sich jedes Mal, wenn er vor die Türe tritt, entblößen. Die Blicke sind immer da, und die müssen nicht einmal böse sein. Auch beim Thema Beziehungen ist es schwer: Wenn sich eine Frau mit einem kleinwüchsigen Mann einlässt, reagiert das Umfeld der Frauen meist so negativ darauf, dass sie sich ein längeres Verhältnis wieder ausreden lassen. Der Film behandelt diese große, unerfüllte Sehnsucht nach Liebe. Da es sich bei Michi, der zweiten Hauptfigur, um eine Waise handelt, verbindet beide diese Sehnsucht nach Liebe.

"Wir haben Erwachsene nicht extra tölpelhaft inszeniert - den Kindern gefällt das"

Tom, der Vater, wird gespielt von dem Kanadier Jordan Prentice. Vielen ist der 1,24 Meter große Darsteller aus Hollywood-Filmen wie „American Pie“ bekannt, auch in „Brügge sehen... und sterben?“ hatte er einen starken Auftritt. War es leicht, ihn für Ihr Projekt zu gewinnen?

Er hat unser Drehbuch gelesen und am nächsten Tag zugesagt. Es gibt selten so große Rollen für kleinwüchsige Menschen. Und er war perfekt für die Figur, weil er die Gefühle kennt: die Diskriminierung, die Entwicklungsstufen. Er hat sich da selbst auch durchgekämpft.

Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Zunächst herrschten bei uns und dem Team Berührungsängste und diese Unsicherheit: Wie verhalten wir uns richtig? Sollen wir uns extra um ihn bemühen? Dieses Gefühl kennt jeder, der Menschen mit Behinderung trifft. Etwa auf der Straße: Soll ich wegschauen? Oder hinschauen? Oder verunsichere ich mein Gegenüber damit, weil ich zu auffällig schaue? Das legt sich aber alles, sobald man miteinander bekannt wird. Außerdem haben wir Jordan gefragt, was er sich wünscht. Er meinte, er schätzt es, wenn die Leute ihm gegenüber in gewissem Sinne aufmerksam sind, also zum Beispiel bemerken, dass in seinem Hotel der Duschkopf zu hoch hängt oder er nicht ans Buffet kommt und ihm deshalb das Frühstück auf sein Zimmer gebracht wird. Aber alles, was über eine Grundaufmerksamkeit hinausgeht, ist schon wieder übertrieben.

Zu viele Köche verderben den Brei, sagt man. Wie ist es mit gleich zwei Regisseuren an einem Set?

Es war ein Annäherungsprozess. Joachim und ich haben schon an der Uni zusammen Filme gemacht, wir kennen die Vorstellungen des anderen. Bei diesem Film haben wir die Vorbereitungszeit dazu genutzt, um nach einem Prozess des Diskutierens und aneinander Reibens auf die gleiche Spur zu kommen. Wir wussten dann: Wir wollen den gleichen Film machen. Ich habe es als Vorteil empfunden, jemanden an meiner Seite zu haben, mit dem ich mich beraten und Entscheidungen gemeinsam treffen kann. In Joachim habe ich einen Komplizen, der genau wie ich alles in den Dienst der Geschichte stellt.

Joachim Dollhopf ist nicht nur Ihr Regiepartner, sondern auch Ihr Lebensgefährte. Gemeinsam haben Sie eine dreijährige Tochter. Wie haben Sie es geschafft, Kindererziehung und Filmdreh unter einen Hut zu bekommen?

Ohne unsere Eltern wären wir total aufgeschmissen gewesen. Die haben sich wirklich den ganzen Sommer über abwechselnd freigenommen und sind mit uns von Drehort zu Drehort gezogen, damit wir unsere Tochter jeden Tag sehen konnten. Dafür sind wir ihnen sehr dankbar. Wir haben ja nicht nur in Dachau und Schwabing gedreht, sondern beispielsweise auch in Köln.

Als Branchenneuling mit einer unbekannten Geschichte: Wie haben Sie Ihren Film finanziert?

Es wurden über Jahre keine originären Kinderfilme mehr produziert, die nicht auf einer Buchvorlage oder einer bekannten Marke basieren, wie etwa Bibi Blocksberg. Bei dieser Konkurrenz hat man es schon schwer. Uns kam dann die Förderung der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ zugute, die es seit 2012 aus diesem Grund gibt. Der Jury hat unser Drehbuch offenbar sehr gut gefallen.

Ist „Auf Augenhöhe“ ein reiner Kinderfilm?

Für uns nicht. Es ist ein emotionaler, tragikomischer Film für die ganze Familie. Wir haben zum Beispiel die Erwachsenen nicht, wie in vielen Kinderfilmen üblich, tölpelhaft gemacht oder in anderer Weise überzeichnet, sondern ganz normal inszeniert. Den Kindern gefällt das. Bei den ersten Vorführungen haben wir aber auch viel Lob von 16- bis 18-Jährigen oder auch von klassischem Arthousefilm-Publikum bekommen.

Mit welcher Botschaft schicken Sie Ihr Kinopublikum nach dem Abspann wieder nach Hause?

Wie hat es Jordan so schön formuliert: Im Film dreht es sich vor allem um die Liebe. Wenn man sich liebt, ist alles andere unwichtig. Man überwindet Grenzen und Hürden. Und er hat recht: Wir haben das auch immer als Liebesfilm gesehen. Es geht zwar um Kleinwüchsigkeit, aber eigentlich ganz allgemein um das miteinander Umgehen, um Offenheit und Toleranz.

"Auf Augenhöhe": Vorpremiere am Sonntag, 11. September, im Landkreis

Wer nicht bis zum offiziellen Kinostart (Donnerstag, 15. September) von „Auf Augenhöhe“ warten möchte, kann den Film in einer exklusiven Preview an diesem Sonntag, 11. September, um 15.25 Uhr im Cineplex Neufahrn sehen.

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