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„Im Netz passiert es. Das Netz ist die Straße“: Der Moosburger Ex-Stadtrat Josef Birnkammer war acht Monate lang Mitglied in der Facebook-Gruppe „Deutschland für Jung und Alt“. Nach seinen Erfahrungen warnt er nun vor dem, was noch kommen könnte.

Innenansichten aus den geschlossenen Facebook-Gruppen

"Angst ist die Basis"

Moosburg - Er ist in Moosburg bekannt wie ein bunter Hund: Josef Birnkammer (63), Ex-Stadtrat und Ex-Kulturreferent, Geschäftsmann. Doch Birnkammer lehrt auch Kommunikations-, Konflikt- und Konferenztechniken für namhafte Konzerne. Acht Monate lang hat er als Mitglied bei „Bürger für Moosburg“ und in der geschlossenen Facebook-Gruppe „Deutschland für Jung und Alt“ die Szene beobachtet. Birnkammer hat die dortigen rechtspopulistischen Umtriebe, über die das FT berichtet hat, genau verfolgt, analysiert und mit seinen Kommunikationstechniken zum Teil demaskiert. Im Gespräch mit dem FT warnt Birnkammer: Vom Internet auf die Straße ist es nur ein kleiner Schritt.

Sie waren acht Monate in den beiden Facebook-Gruppen dabei, haben mitdiskutiert und sich eingemischt. Was ist Ihr Fazit?

Als politischer Mensch denke ich, dass wir in einer sehr gefährlichen Zeit leben. Denn das Internet ist wie die Straße vor 80 Jahren. Früher haben sich auf der Straße die Kommunisten mit den Rechten geschlagen. Und das passiert jetzt verbal im Netz. Mit welchem Wortschatz hier aggressiv gehandelt wird, das ist früher direkt mit den Bierkrügen und den Hacklstecken passiert. Heute passiert es eben zunächst mal virtuell.

Wie schätzen Sie die Lage und die Aktivitäten in den Facebook-Gruppen ein? Da sind ja auch viele Moosburger und Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte – aktiv und passiv – dabei.

Was mir wirklich Angst gemacht hat, ist: Dass ich in all den acht Monaten für nichts, was ich geschrieben habe, einen Like und somit Unterstützung aus der Mitte der Gesellschaft bekommen habe. Keinen einzigen – außer von Menschen aus dem eher linken Spektrum. Und das, obwohl ich mit 200 von denen in diesen Gruppen gut bekannt bin. Sehr, sehr viele haben es aber gelesen. Das weiß ich, weil sie mich darauf angesprochen haben. Zumindest haben es alle politischen Gruppierungen gelesen, haben gesehen, dass ich mich als einziger gegen die rechten Umtriebe gestellt habe. Und da hätte ich mir ab und zu schon ein „Super!“ oder ein „Gefällt mir“ gewünscht. Irgendwas, das mit zeigt: Wir lassen dich nicht allein verhungern. Aber ich habe mich schon wirklich sehr allein gefühlt.

Und da waren ja auch einige Lokalpolitiker mit von der Partie.

Die Lokalpolitiker sind ihrer Verantwortung bis dato nicht gerecht geworden. Die sagen nur, dass sie beobachten. Aber ich würde mir erwarten, dass sie wenigstens Farbe bekennen und etwas liken – egal, auf welcher Seite. Das wäre Diskussion. Problematisch ist es, die Berichte zu liken, die von Stefan Jahnel & Co. verlinkt werden. Denn das sind höchst professionelle Artikel aus fremder Feder, oft von AfD-Autoren. Was der Jahnel selbst schreibt, ist oft nur sehr schwer zu begreifen. Wenn es absurdes Theater sein sollte, wäre ich begeistert. Aber die Lieferanten, also da, wo er sich bedient, die sind höchst professionell. Da ist alles juristisch und rhetorisch abgecheckt, das ist speziell auf Angstmacherei getrimmt.

Nach acht Monaten in den beiden Gruppen: Haben Sie da so etwas wie eine Hierarchie erkannt?

Angst ist die Basis. Da werden Ängste geschürt. Da heißt es dann: Die Flüchtlinge vergewaltigen eure Kinder, und ihr werdet nicht mehr genug zu Essen haben. Unten gibt es Mitläufer. Die dürfen endlich mal was sagen, wissen nicht, dass das auf Ewigkeit im Netz ist. Aber sie haben die Hoffnung, aufzusteigen. Dann gibt es die, die die erste Schleife gekriegt haben. Sprich: „Ihr seid jetzt Administratoren. Jetzt habt ihr Verantwortung in der Gruppe.“ Und dann ist da der Jahnel. Der hat so seine selbst ernannte Erleuchtetheit. Er ist, glaub ich, schon irgendwie für den Landkreis Freising und darüber hinaus zuständig. In seinem eigenen Bild ist er der Erleuchtete, der dem großen Geschehen näher steht als die anderen. Jahnels Aufgabe ist es schon, wie ich meine, Leute anzulocken, damit sie mitmarschieren. Ich glaube, er versteht das auch, dieses Gefühl zu vermitteln: Du bist von uns auserkoren. Aber über ihm muss es „eine Gottheit“ geben. Irgendwas. Auf jeden Fall etwas in meinen Augen Gefährliches!

Wie sind Sie überhaupt auf diese beiden Facebook-Gruppen gestoßen?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Ich habe zwei persönliche Erfahrungen gemacht: Ich bin noch zu einer Zeit Ministrant gewesen, als die Soldaten mit Fackeln und Stahlhelm beim Volkstrauertag am Kriegerdenkmal dagestanden sind. Ich hab’ zum Pfarrer gesagt, dass mir das Angst macht, und ich nicht mehr mitgehen will. Als Stadtrat bin ich dann zu diesem Volkstrauertag wieder hingegangen, weil ich mir sagte: „Das ist Pflicht, da musst du dabei sein.“ Und dann steht fünf Meter hinter mir der Udo Voigt (Anm. d. Red.: der lange Zeit in Moosburg wohnende NPD-Vorsitzende Deutschlands von 1996 bis 2011 und jetzige EU-Europaabgeordnete der NPD). Und da hab ich mir gedacht: „Sepp, da bist du nicht am richtigen Platz, in dieser Gesellschaft magst du einfach nicht sein.“ Das andere einschneidende Erlebnis: Für mich als expolitischen Bürger Moosburgs ist die Plan-Gestaltung ein Anliegen. Dazu wollte ich meine Meinung kundtun. Und das habe ich auf dem Hintergrund aufgebaut, was das Kriegerdenkmal für eine Bedeutung hat. Denn gegenüber einem Asylbewerber oder meinen Enkelkindern tu ich mich schwer, zu sagen, „das ist ein Friedensbringer“. Deshalb hab ich es zur Diskussion gestellt, das Kriegerdenkmal eventuell zu versetzen. Ich wollte einfach, dass die Leute das reflektieren: Auf der verbalen Schiene sagen alle „Friede, Friede, Friede“, aber eigentlich sind alle Soldaten von damals, auch die von der SS, immer noch die Helden von heute. Und die brauchen keine Würdigung von der Gesellschaft oder von der Stadt. Ich habe also diesen Leserbrief ins Netz gestellt. Was dann passiert ist: Ich wurde auf die Seite „zeckenfrei“ gesetzt. (Anmerkung der Redaktion: Zecken ist ein Begriff aus der rechtsradikalen Szene für Personen, die sich gegen rechtsextremistische Tendenzen stellen). Rechtsradikale haben dort zur Jagd auf mich aufgerufen. Das war für mich unverständlich. Wieso bin ich auf dieser Seite gelandet? Das ist ja aggressiv, da geht es um das Vernichten von „Zecken“. Ich fühlte mich bei manchen Kommentaren an die Terminologie des „Stürmers“ von Julius Streicher erinnert. Menschen als „Zecke“, also als Ungeziefer und Schädlinge zu bezeichnen, war auch die Methode der NSDAP. Das Ziel war klar: Den Menschen die Würde zu nehmen. Ich wollte also rausfinden, wer das war, welche Intention derjenige hatte. Bei meinen Nachforschungen bin ich auf diese Gruppen gestoßen. Und dachte mir: „Da gehst nei, wahrscheinlich sind sie da zu finden.“

Ihre Reaktion, als sie aufgenommen wurden und mitgelesen haben?

Man muss wissen: Ich lehre beruflich Kommunikations-, Konflikt- und Konferenztechniken. Ich habe also das Wissen. Und da dachte ich mir, es wäre eigentlich ganz spannend zu schauen, ob das, was ich da auf der verbalen Schiene lehre, auch im Netz funktioniert. Deshalb sind von mir manchmal auf den ersten Blick recht kuriose Beiträge zu lesen. Solche Facebook-Gruppen gibt es freilich nicht nur in Moosburg. Was identisch ist, ist das Lieferanten-Netzwerk: Die bedienen sich desselben Materials. Und es ist schwierig nachzuvollziehen, woher diese Artikel eigentlich stammen.

Wie haben die Mitglieder dieser Gruppen auf Sie reagiert?

Ich bin für die nicht katalogisierbar. Deshalb haben sie manchmal versucht, anzudocken, um rauszubekommen, wo ich stehe. Eine „Mutti,“ wie ich sie nenne, hat mir mal auf Facebook einen Kuchen geschickt, und dann macht sie wieder das Kotz-Emoij über mich. Die wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Freilich: Ich habe manchmal Emotionen gespielt, um mehr Informationen zu bekommen. Ich habe dem Jahnel manchmal ganz deutlich eine Schranke gesetzt, ihn oder die anderen aber nie beleidigt oder die Würde genommen. Ich habe ihn einmal emotional herausgefordert, indem ich ihn nach seiner Bipolarität befragte – ich bin ja selbst Legastheniker – wie er mit diesen Fähigkeiten Journalist wird, und – darauf kam es mir wirklich an – wie er die Entscheidung getroffen hat, gerade nach Moosburg zu ziehen. Er, als Aussteiger aus der NPD, zieht in die Stadt, in der der NPD-Vorsitzende wohnt. Und da ist er ganz schön ins Schwimmen geraten. Weil es da natürlich meiner Meinung nach einen Zusammenhang gibt.

Wie beurteilen Sie die rechte Szene in Moosburg. Gibt es überhaupt eine?

Mir hat – in einem anderen Zusammenhang mit Rechtsradikalen, der aber nie an die Öffentlichkeit gedrungen ist – jemand erläutert, warum die Rechten nach Moosburg wollen. Die wollen einen Standort in Bayern. Und in solchen Zentren geht es wirklich ab. Da brauchst du in Moosburg keinen Wochenmarkt mehr abhalten. Und als ich demjenigen dann auch noch erzählt habe, dass Udo Voigt hier seinen Wohnsitz hat, hat er das so erklärt: Das ist eine führende Kraft, der hat mindestens 20 Leute um sich herum in der Administration. Und die sind optisch nicht als Neonazis auszumachen. Voigt braucht seine Helfer um sich rum, die aber überhaupt nicht auffallen.

Haben Sie Ihr „Projekt“ abgeschlossen? Was war Ihr Ziel?

Mein Ziel war es nie, diese Menschen verändern zu wollen. Ich wollte nur nicht, dass andere, die das lesen, also die anderen 300 neben den 30 Agierenden, sich davon überzeugen und mitnehmen lassen. Und dass sie den Oberen, also dem Jahnel und dem Welter, nicht mehr alles glauben. Dass Jahnel, Welter & Co. geschwächt werden, das war nur ein Nebenprodukt. Ich habe vier oder fünf Fights mit dem Jahnel durchgezogen, und ich glaube, das hat ihn gegenüber den anderen schon geschwächt. Der Jahnel ist leicht zu kippen. Nicht schnell, aber leicht. 

Jetzt sind Sie aus der Gruppe rausgeflogen.

Ich sehe das anders: Ich bin nicht rausgeflogen. Die anderen sind gegangen und haben sich umfirmiert in „Überwachtes Deutschland für Jung und Alt“. Das ist wie am Konferenztisch: Die sind aufgestanden und gegangen. Ich habe zu ihnen schon vor drei Wochen gesagt: „Deutschland für Jung und Alt“ schafft sich gerade ab im Sinne von: „Ihr werdet mich nicht rauswerfen, ihr werdet gehen.“ Das war vorherzusehen, dass sie nicht mehr rauskommen aus der Nummer. Und als ich dann wieder beitreten wollte, hat es eine Weile gedauert, bis Welter gesagt hat, ich dürfe wieder kommen. Ich bin jetzt wohl noch so lange in dieser neuen Gruppe drin, bis dieses Interview erscheint. Und wichtig: Hätte ich einen Bekehrungswunsch gehabt, hätte es nicht so laufen können. Dann hätte ich ständig Sieg oder Niederlage erlebt. Dann wären das Emotionen gewesen, die der Sache nicht gut getan hätten. Meine Herausforderung lag nicht auf der emotionalen, sondern auf der kognitiven Ebene.

Haben oder hatten Sie Angst?

Ich muss für mich keine Angst haben. Aber was sich bei mir gesteigert hat, ist die Angst, was alles passieren kann, die möglichen Szenarien sind mir durch diesen Prozess ganz deutlich geworden. Zwar denkt jeder nur: „Wir haben halt unsere Spinner." Aber all diese Gruppen sind miteinander vernetzt. 

Könnten diese rechtspopulistischen Tendenzen vom Internet ganz konkret und real auf die Straße kommen?

Jetzt kommt eine Hypothese von mir: Ich habe mir das auch überlegt, wie lange es dauert, bis die Facebook-Hetzer auf die Straße gehen. Jetzt gibt es noch keine physische Gewalt. Aber ich glaube, das könnte innerhalb von vier bis acht Wochen anders werden. Im Netz wird im Moment dafür die Infrastruktur aufgebaut. Wenn die ihre Aggressionen planen, sehe ich da was ganz Gefährliches auf uns zukommen.

Es gibt also Ihrer Ansicht nach bereits gewaltbereite Leute in diesen Gruppen?

Ich fürchte ja. Ganz aktuell. Ich denke, aus dem Netz wären in Moosburg auf der Stelle mindestens zehn Personen zu rekrutieren, die innerhalb der Grenzen des Grundgesetzes auf die Straße gehen würden. -Hört sich wirklich bedenklich an. Ich glaube, wir können das schon mit der Weimarer Republik vergleichen: Die Mitte ist ein Brei geworden, die politischen Parteien sind ein Brei, der auf Posten und Machterhalt schaut.

Ein Schlusswort?

Drei Dinge würde ich noch gerne sagen. Erstens, ich wiederhole es: Im Netz passiert es. Das Netz ist die Straße. Zweitens: Hut ab vor den Erdlingen. Mit der Gruppierung selbst habe ich nichts am Hut, aber die Leistung einiger dieser jungen Menschen ist erstaunlich. Und drittens eine Beobachtung, die mich erschreckt hat: Das hat mit dem NPD-Aufmarsch in Moosburg zu tun. Wenn einer von den vier Rechtsextremisten die Fahne geschwenkt hat, haben alle auf der anderen Seite geschrien „Nazis raus!“, so dass man die Botschaft der eigenen Redner nicht mehr verstehen konnte. Ich hätte gern gehört, was der Pfarrer und die anderen gesagt haben. Aber der eine NPD’ler hat alle dirigiert, er hat durch das Heben einer Fahne die Lautstärke und das Schreien gesteuert. Das war für mich wirklich erschreckend. Da waren so viele vernünftige und gescheite Leute da, aber beherrscht und geführt wurden sie von den paar NPD’lern. Die haben für zwei Stunden die Führung übernommen – und zwei Stunden lang zu keinem Moment aus der Hand gegeben. Sie haben mit ihren Gegnern gespielt – 300 Leute ließen sich steuern. Und etwas Ähnliches passiert gerade im Netz vielleicht auch. Clever sind die, sie machen das professionell. Und deshalb war es auch mein Ziel zu zeigen: „Seht, wie man Euch steuert und lenkt.“

Andreas Beschorner

Andreas Beschorner

E-Mail:redaktion@freisinger-tagblatt.de

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