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Koryphäe mit Herz: Dr. Anton Freilinger (r.) musste beim Navis-Einsatz in Haiti viele Amputationen vornehmen, um Leben zu retten. Den Arzt zeichnet nicht nur eine ruhige Hand aus, sondern auch viel menschliche Wärme.

Interview mit Vorsitzendem Wolfgang Wagner

10 Jahre Navis: "Jede Katastrophe hat ihr eigenes Gesicht"

Landkreis Freising - Wenn dieser Verein zum Einsatz kommt, ist irgendwo auf der Welt etwas Schlimmes passiert. Denn Navis ist spezialisiert auf Katastrophen. Jetzt feiert die Hilfsorganisation zehnjähriges Bestehen. Im FT-Interview lässt Vereinsvorsitzender Wolfgang Wagner die Zeit Revue passieren. Er berichtet über Vogelspinnen in Stiefeln, Hilfskräften unter Beschuss und Amputationen ohne Skalpell. 

Herr Wagner, wie kam es zu der Idee, Navis zu gründen?

Wagner: Los ging es mit dem verheerenden Tsunami 2004 in Südostasien. Damals ist in den Reihen der Flughafenfeuerwehr das Bedürfnis entstanden, Hilfe zu leisten. Die Resonanz war enorm: Die Lufthansa hat einen Fracht-Jumbo zur Verfügung gestellt. Aus ganz Deutschland kamen über 100 Tonnen an Hilfsgütern zusammen. In Abstimmung mit dem zuständigen Honorarkonsul Hans Hammer wurde der Süden von Sri Lanka als Zielgebiet festgelegt. Schon am 1. Januar konnte die erste Einsatzmannschaft nach Sri Lanka aufbrechen. Insgesamt waren 20 Hilfsteams über sechs Monate im Einsatz.

Und diese Mission hat dazu geführt, dass Navis gegründet wurde?

So ist es. Die Einsatzkräfte waren damals erstaunt, dass es möglich war, in so kurzer Zeit aus dem Nichts heraus eine so schnelle und umfassende Hilfe organisieren zu können. Die Erfahrungen, die da gesammelt wurden, wollte man nicht verpuffen lassen. Da es aufgrund vieler rechtlicher und versicherungstechnischer Probleme nicht möglich war, solche Einsätze weiterhin über die Flughafen-Feuerwehr zu organisieren, hat sich eine Truppe von acht Leuten zusammengetan, und den e.V. gegründet. Drei von ihnen sind bis heute aktiv.

Bis zum ersten Einsatz unter der Navis-Flagge vergingen aber fünf lange Jahre.

Wir haben schon gedacht, dass sich das Ganze wieder auflösen wird, weil einfach nichts los war. Doch dann hat sich im Januar 2010 das Erdbeben in Haiti ereignet, und da hat sich gezeigt, wie wir unsere Stärken einbringen können.

Worin liegen die?

Wir können dank unserer schlanken Organisationsstruktur schnell Hilfe leisten – schon in den ersten Tagen nach Eintreten der Katastrophe. Gerade in dieser frühen und instabilen Phase sind die Gesundheit und die Existenz der Betroffenen besonders bedroht. Wir füllen das Vakuum, bis sich die großen Organisationen aufgestellt haben. Als wir in Haiti angekommen sind, hatte sich dort schon ein ganzer Zug der UNO aufgestellt. Lauter nagelneue Fahrzeuge standen da in einer Armada am Flughafen von Porte-Au-Prince. Unsere Leute sind zu einem UN-Vertreter hingegangen, um zu fragen, wo sie zielgerichtet helfen könnten. Der hat nur an seiner dicken Zigarre gezogen und gesagt: Unsere Logistik steht noch nicht.

Sie sind dann nach Léogâne gekommen – eine komplett zerstörte Stadt. Mit welcher Ausrüstung haben Sie dort gearbeitet?

Die war sehr bescheiden – auch aufgrund unserer begrenzten finanziellen Mittel damals. Ein Beispiel: Anfangs war unser Feldhospital nur für kleine chirurgische Eingriffe ausgestattet. In Haiti hat sich aber schnell herausgestellt, dass es damit nicht getan ist. Zahlreiche Amputationen mussten vorgenommen werden. Für solche Maßnahmen waren die zur Verfügung stehenden Skalpelle nicht gedacht. Und so haben unsere Leute Amputationen mit Leathermans, speziellen Taschenmessern, durchgeführt.

Haben Sie beim ersten Einsatz Bammel gehabt, dass Ihre Einsatzkräfte der Aufgabe nicht gewachsen sein könnten?

Wir hatten sehr erfahrene Helfer dabei. Ich hatte volles Vertrauen, dass die das perfekt machen. Natürlich war das auch für jeden Einzelnen eine große Herausforderung. Aber es gibt nichts Schlimmeres als einen Einsatz, bei dem Langeweile aufkommt.

Langeweile war aber nie das Problem bei Navis-Einsätzen. Eher die Frage, wie Ihre Leute das psychisch verkraftet haben.

Da haben wir ein einfaches Rezept. Am Abend jedes Einsatztages setzt sich die Gruppe zusammen. Dann gibt es auch mal eine Halbe Bier, und dann werden die Erlebnisse besprochen und verarbeitet. Bis heute haben wir noch nicht einen gehabt, der Krisenintervention oder psychosoziale Notfallnachsorge in Anspruch nehmen musste. Da haben wir eine stabile Mannschaft.

Nachbeben, Seuchen, Schlangenbisse: Die Gefahren bei solchen Einsätzen sind vielfältig: Hatten Sie manchmal Angst um Ihre Leute?

Jede Katastrophe hat ihr eigenes Gesicht. Deshalb werden unsere Leute vor Einsätzen im Rahmen eines Briefing unter anderem auf das Gefahrenpotenzial praxisnah vorbereitet. Als gläubiger Christ bitte ich aber auch immer um Gottes Schutz und Segen für meine Leute. Einem Team habe ich eine Lourdes-Muttergottes nach Haiti mitgegeben, einem anderen ein geweihtes Kreuz. Mein schönstes Fazit nach diesen zehn Jahren ist, dass wir alle Helfer heil und gesund nach Hause gebracht haben.

Was nicht selbstverständlich ist.

Nein, gerade wenn ich an Kenia denke, wo es Schießereien gegeben hat, dass selbst unser Taxifahrer getürmt ist. Folgendes ist passiert: Eine Gruppe von Somalis hatte einen Polizisten getötet. Als Vergeltung haben Polizisten denen ein ganzes Feld abgefackelt und wie wild Schüsse abgegeben. Das war wirklich hochgradig gefährlich. Als alles überstanden war, habe ich ganz erleichtert gescherzt, dass der ein oder andere von uns vor lauter Schreck vermutlich eine frische Unterhose gebraucht hat. Die Antwort: Des kannst glauben.

Was war die berührendste Reaktion im Rahmen von Navis-Einsätzen?

Generell bekommen wir für das, was wir tun, viel Dankbarkeit zu spüren. Einer 17-Jährigen aus Haiti ist beispielsweise ein Betonbrocken auf den Kopf gefallen und hat ein Fünf-Mark-Stück-großes Loch in der Schädeldecke verursacht. Unsere Ärzte konnten da wenig tun – außer sie unter Narkose zu setzen und die ganze Nacht hindurch zu beatmen, bis ein Helikopter sie am nächsten Tag zu einem amerikanischen Lazarettschiff bringen konnte. Die Mannschaft dort hat ihr das Leben gerettet. Drei Wochen später ist sie auf dem Moped zu unserem Feldhospital gekommen und hat sich für die wunderbare Versorgung bedankt. Das war für uns ein großes Erfolgserlebnis. Das vergisst man nicht.

Navis ist längst etabliert. Was hat sich seit den Anfangstagen verändert?

Wir haben mit jeder Katastrophe dazugelernt. In Haiti waren unsere Helfer noch in einfachen Feldbetten mit einem Moskitonetz darüber untergebracht. Dann ist Folgendes passiert: Ein Helfer zieht abends seine Sicherheitsstiefel aus, legt sich aufs Feldbett, ruht sich aus. Am nächsten Tag möchte er wieder in seine Stiefel schlüpfen und denkt sich: Kruzifünferl, warum komme ich nicht rein. Grund: Eine handflächengroße Vogelspinne war aus einem Erdloch geschlüpft und in den Stiefel gekrochen. Beim nächsten Einsatz hatten wir dann Plastikwannen dabei, an denen das Moskitonetz angeschweißt werden konnte. So waren unsere Leute im Schlaf von unten und oben geschützt. Das war auch nötig. Denn in Pakistan hat es Schlangen gegeben.

Auch das Feldlazarett wurde aufgepäppelt.

Ja, unter anderem haben wir seit dem Erdbeben in Nepal ein mobiles Röntgengerät im Einsatz. In Deutschland würde das Gerät zwar keine Zulassung bekommen. Doch in Nepal hat kein Mensch danach gefragt. Im Gegenteil: Vom Krankenhaus haben sie uns die Patienten gebracht, weil das Gerät über so eine hochauflösende Bildqualität verfügt. Unsere Trinkwasserversorgung haben wir auch perfektioniert. Mit der alten Anlage konnten wir 500 Liter pro Stunde aufbereiten. Jetzt haben wir eine neue, die uns 5000 Liter sauberstes Wasser in der Stunde liefert. Die hat auch 50 000 Euro gekostet.

Daher sind Sie auch auf großzügige Förderer angewiesen. Wie hat sich die Spendenbereitschaft entwickelt?

Wir können nicht klagen. Das Spendenspektrum ist breit gefächert – von Spendern, die uns jeden Monat zehn Euro überweisen über Jubilare und Firmen, die uns größere Beträge zukommen lassen, bis hin zu den BR-Sternstunden, die uns gerade bei unseren Kinder-Projekten großzügig unterstützen. Die weiteste Spende, die wir je gekriegt haben, kam von einer Studentengemeinschaft aus Neuseeland.

Spüren Sie Neid von anderen örtlichen Hilfsorganisationen?

Nein. Viele akzeptieren uns, weil sie wissen, dass wir keinen Blödsinn machen. Die Leute sehen, was mit ihrem Geld passiert, und dass bei uns so gut wie keine Verwaltungskosten entstehen, weil wir zu 100 Prozent ehrenamtlich arbeiten. Auch die Spendenquittungen werden bei uns zum Großteil mit dem Radl ausgefahren, um Porto zu sparen.

Stichwort: ehrenamtlich: Bekommen Sie böse Briefe von Ehefrauen, weil deren Männer ihren Jahresurlaub mal wieder für Navis geopfert haben?

Das hält sich in Grenzen. Es gibt sogar Frauen, die sagen: Wolfgang, wenn wieder ein Einsatz ist, schicke meinen Mann mit! Der schart mir schon Löcher in den Boden.

Dr. Anton Freilinger, Walter Unger, Robert Weber – es sind immer dieselben, die auf Einsatz gehen. Bekommt der Verein Nachwuchsprobleme?

Man hat natürlich ein paar tragende Säulen. Dazu gehören diese drei Männer, die auf ihrem Gebiet Kapazitäten sind. Nachwuchsprobleme sehe ich trotzdem nicht. Wir sind inzwischen über 400 Mitglieder und haben nach wie vor Zulauf. Allein für den Nepal-Einsatz haben sich 120 Helfer gemeldet. Wir haben eher das Problem, dass wir Freiwillige enttäuschen müssen.

Was bedeutet für Navis ein gutes Jahr: eines ohne Katastrophe oder eines mit einem erfolgreich durchgeführten Einsatz?

Wir wollen unsere Leute natürlich beschäftigen, damit sie wissen, warum sie bei Navis sind. Wenn mal nichts ist, füllen wir das Vakuum mit Fortbildungen aus. Langeweile wäre tödlich.

Die Geschichte von Navis hat mit einem Einsatz in Sri Lanka begonnen. Jetzt kommen Ihre Leute pünktlich zur Jubiläumsfeier am kommenden Freitag von einer weiteren Mission aus Sri Lanka zurück.

Der Kreis schließt sich.

In den vergangenen zehn Jahren war Navis neun Mal auf Achse. Sind Sie bereit für den zehnten Einsatz im zehnten Jahr?

Wir haben 2010 bewiesen, dass wir zwei große, ganz unterschiedliche Einsätze binnen eines Jahres stemmen können: das Erdbeben in Haiti und das Hochwasser in Pakistan. Nach jedem Einsatz nehmen wir eine komplette Ersatzbeschaffung vor. Wir könnten also sofort wieder starten.

Die Zahlen:

In ihrer zehn jährigen Vereinsgeschichte hat Navis 32 000 Patienten medizinisch versorgt. 80 Tonnen an Ausrüstungsgegenständen wurden per Luftfracht in Krisengebiete transportiert. Mit dem aktuellen Einsatz in Sri Lanka hat der Verein 2,7 Millionen Liter an Trinkwasser produziert. Rund 100 Menschen waren für Navis bisher im Einsatz.

Die Einsätze:

Ob Erdbeben, Hochwasser oder Dürre, ob Afrika, Amerika oder Asien: Navis hilft.

2005: Sri Lanka

2010: Haiti

2010: Pakistan

2011: Kenia

2012: Kenia

2013: Deggendorf

2013/14: Philippinen

2015: Nepal

2016: Sri Lanka

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