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Die Regale sind randvoll: Im Laden gibt es gebrauchte Waren für kleines Geld. Die Kundschaft besteht jedoch nicht nur aus Bedürftigen. Hier trifft man auf Menschen aus nahezu allen sozialen Schichten.

Schon über 100 Mitglieder

Moosburgs neues Sozialprojekt: Tante Emma bringt sie alle zusammen

Moosburg - Das Sozialprojekt Tante Emma bietet nicht bloß Waren für jeden Geldbeutel an. Es verbindet auch Generationen, Nationalitäten und verwischt Parteigrenzen. Ein Besuch.

Gerade eben muss der Zug in Moosburg eingefahren sein, denn ein ganzer Schwung Pendler trottet in Richtung Innenstadt die Bahnhofstraße hoch. Auf Höhe der Hausnummer 6 bleiben ein paar allerdings hängen: Neugierig beäugen sie die bunt dekorierten Schaufenster und versuchen, einen Blick ins Innere zu erhaschen. Das ist er also, dieser neue Tante-Emma-Laden, von dem jetzt so viele sprechen. Eine junge Frau und ein Mann um die 50 wollen sich das Ganze genauer anschauen – und treten ein.

Die Laufkundschaft, die den ganzen Tag über hereintröpfelt, ist der eine Grund, weshalb es beim Sozialprojekt Tante Emma seit der Eröffnung vor zwei Wochen immer noch so rund läuft. Alle paar Minuten geht die Türe auf, ständig ist Kundschaft da und stöbert durch das breite Angebot an gebrauchten Waren wie Spielzeug, Kleidung, Haushaltsgegenstände oder Kleinmöbel.

Video: So sieht es bei Tante Emma in Moosburg aus

Eine Dame mit weißem Haar geht zur Kasse, sie hat sich für einen beigen Herbstmantel entschieden. „Das ist jetzt schon die vierte Jacke von euch“, sagt die Frau freudestrahlend. „Macht sieben Euro“, entgegnet ihr Verena Kuch (20) und tippt auf das Kassendisplay. Nicht nur die Kleidung wurde dem Tante-Emma-Verein gespendet – „auch die Kassenanlage hat man uns kostenlos überlassen“, erzählt Kuch, als die Kundin weg ist. „Die Auer Firma CCV testet bei uns eines ihrer neuen Systeme und wir schreiben für sie im Gegenzug Fehler auf, falls wir welche entdecken.“

Dann schlüpft Verena Kuch in ihre Jacke. „Ich war drei Stunden hier, jetzt muss ich weiter zum Schwimmtraining.“ Ihre Ablösung steht schon parat: Veronika Herrmann. Die 57-jährige Moosburgerin hat bereits beim ehemaligen Sozialkaufhaus NoWasWert als Ehrenamtliche gearbeitet – bis die Betreiber von Caritas und Rotem Kreuz dort die Schließung anordneten. „Die Kunden waren sehr traurig, aber jetzt hab’ ich hier bereits einige von ihnen wieder getroffen“, sagt Herrmann, die sich gleich zur Schriftführerin des neuen Vereins wählen ließ. „Ich bin sehr glücklich, dass es bei uns wieder ein Geschäft für Menschen mit kleinem Geldbeutel gibt.“

Hat Spaß an der Arbeit bei Tante Emma: Die Ehrenamtliche Veronika Herrmann (57), die vorher im Caritas-Gebrauchtwarenladen NoWasWert tätig war.

Der zweite Grund, weshalb der Erfolg fast schon vorprogrammiert war, ist das Team: Hinter Tante Emma stehen bereits über 100 aktive und passive Mitglieder – rekordverdächtig, wenn man bedenkt, dass die Gründung der gemeinnützigen Organisation gerade einmal drei Monate zurückliegt. So arbeiten immer mehrere Ehrenamtliche gleichzeitig im Laden. Andere Mitglieder unterstützen Tante Emma lieber per Fördermitgliedschaft mit ein paar Euros pro Monat.

Während sich die Kundschaft im Laden aus einem bunten Mix aus Einheimischen und anderen Nationalitäten sowie sämtlichen sozialen Schichten zusammensetzt, ist auch auf Seiten der Helfer Vielfalt angesagt. Da wäre einmal das Alter: Die jüngsten Ehrenamtlichen sind noch nicht einmal 20, die ältesten Mitte 70. 

Links, grün oder schwarz: Parteien spielen hier keine Rolle

Beeindruckend ist aber vor allem, dass bei Tante Emma sämtliche Parteigrenzen überwunden werden. Im Vorstand des Vereins sitzen neben Linken-Stadtrat Johann Zitzlsberger und Grünen-Fraktionssprecher Johannes Becher auch das SPD-Urgestein Klaus Reichel, Hinrich Groeneveld von den Freien Wählern und CSU-Beisitzer Rudi Linz. Für den Vorsitzenden Johannes Becher (28) ist diese bunte Truppe ein großer Vorteil: „In den Augen der Bevölkerung ist das Projekt so nicht mit einer einzigen Partei verknüpft.“ Die Mischung sei allerdings rein zufällig entstanden: „Die Leute haben sich bei der Gründungsveranstaltung selbst gemeldet“, erinnert sich Becher.

Auch beim Thema Kompetenzen zeige sich die riesige Palette des Vereins, wie 2. Vorsitzender Klaus Reichel (73) aufzählt: „Ich war ja zum Beispiel in einer Unternehmensberatung tätig, der Jojo (Becher; Anm. d. Red.) verfügt über ein großes Netzwerk im ganzen Landkreis, und unser Schatzmeister Philipp Fincke arbeitet in der Sparkasse.“ Aber auch viele andere würden mithelfen, wo sie könnten. Reichel: „Wir haben da etwa Leute wie Bernd Aschenbrenner, der uns in Steuerangelegenheiten berät, oder Viktoria Becher, die nicht nur bei ihrer Arbeit im Krankenhaus Schichtpläne erstellt, sondern auch die Dienste bei Tante Emma einteilt und den ganzen Umbau gemanaget hat.“

Weit mehr als bloß ein Second-Hand-Shop

Immer wieder halten vor dem Laden an der Ecke Bahnhofstraße/Rentamtstraße Autos, aus denen ihre Besitzer kistenweise Ware ausladen. Dass hier guterhaltene Gebrauchsgegenstände für einen sozialen Zweck weiterverkauft werden, hat sich schnell herumgesprochen im Ort. 

Für bequem befunden: Stadtrat Manfred Tristl (hinten) samt Schwiegermutter bringt Klaus Reichel einen gebrauchten Couchhocker als Spende vorbei.

Auch CSU-Stadtrat Manfred Tristl aus Aich schaut an diesem Nachmittag vorbei. Er trägt einen gemusterten Sofahocker mit runden Holzfüßen zur Tür herein. „Meine Schwiegermutter hat sich eine neue Couchgarnitur gekauft“, erzählt er und deutet in Richtung seiner Begleiterin. Die meint: „Der Hocker wär’ ja viel zu schad’ zum Wegschmeißen gewesen“. Klaus Reichel nimmt das Möbelstück nach einem kurzen Testsitzen dankbar in Empfang.

Tante Emma sieht sich aber keinesfalls als bloßer Second-Hand-Shop. „Im Vordergrund soll künftig das Beratungsangebot stehen“, sagt Klaus Reichel. Und Johannes Becher ergänzt: „Auch wenn in unseren Räumen Asylberatung stattfindet, ist das Themengebiet nicht darauf beschränkt.“ Grundsätzlich dürften alle, die ehrenamtliche Beratung durchführen, die Örtlichkeit Tante Emma nutzen. Wichtig sei: „Seriös und kompetent muss es sein“, sagt Becher. „Beispielsweise können hier Leute von einem langjährigen Verwaltungsbeamten Hilfe beim Ausfüllen von Hartz IV-Anträgen bekommen.“ Man sehe sich als Vermittler und auch als Partner von etablierten sozialen Organisationen.

Die Vorsitzenden des Vereins: Klaus Reichel (l.) und Johannes Becher (r.) mit zwei jungen Kunden.

Und dann soll sich Tante Emma noch zu einem Treffpunkt für alle entwickeln. Becher: „Wir bieten unseren Besuchern gratis WLAN an.“ Die könnten es sich dann auf der Couchecke bequem machen, eine Tasse Kaffee gegen eine frei wählbare Spende trinken und sich austauschen. „Ganz egal, ob es sich um Kundschaft handelt oder nicht.“

Wer sich mit den Ehrenamtlichen im Laden unterhält, merkt ziemlich bald: Ein Jeder steckt voller Tatendrang, ist mit großem Stolz bei der Sache. Und alle freuen sich, einen Beitrag für eine gute Sache leisten zu können, während man selbst etwas Neues dazulernt. Das Projekt Tante Emma, das vor allem anderen helfen will – es ist auch eine große Bereicherung für die Helfer selbst.

Tante Emma: Infos und Öffnungszeiten

Moosburgs Tante Emma möchte ein soziales Projekt sein, das Menschen in einer Notlage helfen soll. Sei es mit Rat und Beratung, als sozialer Treffpunkt oder auch mit gespendeten Waren. Der Verein ist vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt, sämtliche Ehrenamtlichen arbeiten ohne Aufwandsentschädigung. Tante Emma wird darüber hinaus aus Finanzmitteln der Städtebauförderung (ISEK) unterstützt. Erwirtschaftete Überschüsse werden entweder in die Räumlichkeiten oder das Beratungsangebot reinvestiert, alles Weitere gibt der Verein gemäß seiner Satzung an andere gemeinnützige Organisationen ab.

Zentral gelegen und mit großen Schaufenstern: Der Tante-Emma-Sozialladen an der Ecke Bahnhof-/Rentamtstraße.

Die Öffnungszeiten des Ladens an der Bahnhofstraße 6 lauten wie folgt: Mittwoch 9 bis 12.30 Uhr, Donnerstag 12 bis 19 Uhr, Freitag 12 bis 19 Uhr sowie Samstag 9 bis 12.30 Uhr. Weitere Infos – auch zu den Fördermitgliedschaften – gibt es auf der Homepage des Vereins oder auf seiner Facebook-Seite.

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