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Erkunden Moosburgs Unterwelt: (v.l.) Marko Maier arbeitet bei Jungheinrich, Matthias Gabriel ist DJ in Elternzeit und Alfred Bold verdient seinen Lebensunterhalt als Heilerziehungspfleger. Wann immer sie Zeit finden, fotografieren und dokumentieren sie vergessene Orte.

Hobbyfotografen auf den Spuren vergangener Tage

Moosburgs Tiefgänger: Ein Trio erkundet die Geheimnisse der Stadt

Moosburg - Vergessene Keller, geheime Tunnel: Drei Hobbyfotografen erkunden Moosburgs verborgene Winkel. Getrieben von Abenteuerlust und Neugierde auf die Stadtgeschichte wird das Trio zu wahren Heimatforschern.

Um in den Keller seines Stadthauses zu gelangen, öffnet Franz Faltermaier erst einen Wandschrank und dann noch eine Luke im Boden. Eine Treppe kommt zum Vorschein, schmal und steil. „Also, dann schau ma mal runter“, sagt der 69-Jährige und steigt hinab. „Aber Obacht mit dem Kopf.“ Leicht gebückt folgt Matthias Gabriel dem Hausbesitzer die Stufen hinunter, über seiner Schulter hängen Kameratasche und Stativ. Er grinst. Gleich bekommt er wieder ein Stück Moosburger Untergrund zu sehen. Der nächste Teil für sein Puzzle.

„Moosburg ganz anders“ heißt das Projekt, das die drei Freunde Matthias Gabriel (34), Alfred Bold und Marko Maier (beide 35) ins Leben gerufen haben, und mit dem sie für einiges Aufsehen sorgen. Die drei veröffentlichen im Internet regelmäßig Bilder und Berichte von Orten in und um Moosburg, die einen besonderen Reiz haben: Die Bevölkerung kennt sie nicht oder hat sie vergessen. Mal handelt es sich dabei um Ruinen von einst bedeutenden Gebäuden, meist aber um verborgene Gänge oder uralte Keller. Davon gibt es in Moosburg noch Unmengen. 

Denn anders als in anderen bayerischen Städten wurden sie im Zweiten Weltkrieg nicht zerbombt. Die Alliierten verschonten die Dreirosenstadt weitgehend, da sich hier das Kriegsgefangenenlager Stalag VII A befand. Und weil Moosburg einst zu den bedeutendsten Orten von ganz Bayern zählte, finden sich hier haufenweise Spuren, die bis weit ins Mittelalter hineinreichen.

Dunkle Keller, uralte Gewölbe: In Moosburg gibt es davon noch jede Menge.

Das Haus von Franz Faltermaier am „Plan“, in dem heute das Café am Münster residiert, ist immerhin ein paar Hundert Jahre alt. Genauer weiß es der Besitzer nicht, so aus dem Stegreif. „Ich bin 1947 als Baby hier reingekommen“, sagt er. „Meine Familie ist seit etwa 1900 drin.“ Der Keller wirkt aufgeräumt, es riecht nur leicht muffig. Während Faltermaier spricht, zupft er hastig ein paar Spinnweben von den Wänden, sie sind ihm peinlich, doch Matthias Gabriel stören sie überhaupt nicht. Er kniet bereits hinter seinem Kamerastativ und schießt begeistert eine Langzeitbelichtung nach der anderen. Für einen Laien mögen die Wände des Tonnengewölbes unspektakulär erscheinen, alt eben. Gabriel findet sie „super“. 

Besonders Stellen, an denen alte neben neueren Ziegeln stecken, nimmt er genau unter die Lupe. „Was ist da dahinter?“, will er wissen und deutet auf eine mannshohe Stelle in einer Ecke, die offenbar nachträglich zugemauert wurde. „Vielleicht ein Gang?“ Faltermaier lächelt und verrät: „Da hab ich auch schon mal einen halben Meter reingegraben, weil’s mich interessiert hat.“ Aber außer ein paar Schweinsknochen und Erdreich habe er nichts entdecken können. „Hier drin wurde früher wohl mal heimlich geschlachtet – und die Reste hat man gleich an Ort und Stelle entsorgt.“ Dann erzählt Faltermaier, was er sonst noch über sein Haus weiß. „Ungefähr auf einem Drittel des heutigen Grundstücks stand einst das Schloss.“ Gabriels Augen weiten sich. „Echt? Das hab ich noch nicht gewusst“, sagt er. Dass es in diesem Bereich einmal ein Schloss gab, war ihm zwar bekannt. „Aber heute hab’ ich zum ersten Mal gehört: Das hier war ein Teil davon.“ – Da ist es, das Puzzlestück, für das sich dieser Kellergang wieder einmal gelohnt hat.

Es begann in Bunkern und Militäranlagen 

Aber wie kommt man überhaupt dazu, sich durch fremde Keller zu fotografieren? Anfangs sind sie noch zu zweit. Matthias Gabriel und sein Spezl Alfred Bold verspüren den Drang, Vergessenes zu entdecken und zu dokumentieren. Urban Exploration (zu Deutsch: Stadterkundung) und Lost Places (verlassene Orte) lauten die Anglizismen für diesen Trend, der immer mehr Anhänger findet. Eine ständige Suche nach neuem Alten. Und der Spaß am kunstvollen Fotografieren. So sind Gabriel und Bold schon durch Bunkergänge am Uppenbornkraftwerk gekrochen oder haben eine ehemalige Militär-Sendeanlage durchstöbert.

Unter der Bücherei stießen sie auf diesen Keller: Ein Festsaal, der aber wegen mangelnden Fluchtwegen nicht mehr genutzt wird.

In Moosburg führte die erste geplante Exkursion hinter und unter das Bistro Woch’nblatt, wo die Überreste der einst stattlichen Brauerei Kirchhammer vor sich hinmodern. „Mein Papa hat dort Bierbrauer gelernt und meinte: Fragst halt mal den Wirt, ob er dich reinlässt“, erzählt Gabriel. Der Wirt sagte Ja. Zwischen verstaubten Bierfässern und düsteren Schächten wurde dann klar, dass dies nur der Anfang sein konnte. Gabriel hat es dort „gepackt“. Und Bold schwor sich: „Ich will den Leuten zeigen, dass Moosburg sauviele Geschichten zu bieten hat.“ Kurz darauf stieß auch Gabriels langjähriger Freund Marko Maier dazu – ebenfalls ein leidenschaftlicher Städtefotograf. Er fliegt schon mal extra nach New York, um neun Tage lang Häuserschluchten, Straßenpfosten und Ampeln auf seiner Speicherkarte festzuhalten. Maier findet: „Dass unser Ort so viele Plätze hat, die keiner kennt, ist unglaublich.“

Unter dem Stampfl-Haus: Spuren der Amerikaner

Normalerweise ist das Trio gemeinsam unterwegs, aber heute hat nur Gabriel Zeit. Vom „Plan“ geht es rüber zum Weingraben, einen Keller hat er für diesen Tag noch auf seiner Liste: den des Stampfl-Hauses. Oben, im Elektro-Laden, begrüßt ihn Inhaber Klaus Stampfl mit festem Händedruck, dann führt er seinen Besuch durch die Werkstatt zum Kellereingang. Als beim Treppensteigen die ersten alten Gemäuer auftauchen und ein halb eingestürzter Mini-Tunnel sichtbar wird, ist Gabriel entzückt: „Geht ja schon gut los!“ Während er die Kamera auspackt, erzählt ihm Stampfl, dass das Haus damals beim großen Stadtfeuer 1865 abgebrannt sei. „Aber dann wurde wohl einfach wieder auf das alte Gewölbe draufgebaut.“ – „Wahnsinn“, ruft Gabriel, „du hast ja auch noch den alten Boden.“ Stampfl nickt, lässt sich den Stolz aber nicht anmerken. 

Stattdessen führt er weiter durch den Keller. Die Decke hängt hier um einiges höher als unter dem Café am Münster, die Räume sind schon fast kleine Hallen. Und neben allen Türen ist ein roter Pfeil an die Wand gepinselt, darüber die Schrift: „FIRE EXIT“. Es sind Hinterlassenschaften aus der Besatzungszeit. „Nach dem Krieg haben sich in diesem Haus die Amis einquartiert“, sagt Stampfl. „Wohl, weil das Gebäude zu der Zeit eines der modernsten in der Stadt war.“ Dann deutet er auf zwei Metallstummel in der Wand. „Im Krieg ging irgendwann das Kupfer aus, da hat man hier Aluminiumrohre verlegt.“ So gehen die Erzählungen weiter, und irgendwann wird klar: Es braucht noch einen weiteren Fototermin. „Da muss ich mit Marko und Alfred nochmal herkommen“, sagt Gabriel.

Ein Schneeballsystem an Hinweisen

Seit sie ihre Fotos und recherchierten Erzählungen in einen Blog und auf ihre Facebookseite hochladen, nimmt das öffentliche Interesse an „Moosburg ganz anders“ rasant zu. Immer öfter, fast wie bei einem Schneeballsystem, bekommt die Gruppe Hinweise, wo es in der Stadt noch spannende Orte zu erkunden geben könnte. Dann wird versucht, Kontakt zu den Besitzern herzustellen, oft mit Erfolg. Und wieder dürfen die drei mit ihren Kameras in einen Keller steigen. Mit jeder Exkursion wächst der Wissensstand.

Penibel kartieren die drei Freunde, an welchen Orten sie schon fotografiert haben, was noch auf Veröffentlichung wartet - und wo sie Tunnel vermuten.

Und der Erfahrungsschatz. Als erstes wurden mehr Taschenlampen gekauft, denn oft war das Trio schon so tief im Untergrund, dass gar kein Stromkabel mehr hinunterführte. Manchmal kann ihr Hobby auch gefährlich werden: Als sie im Staudinger Keller zehn Meter unter dem Biergarten fotografierten, war ihnen nicht nur von der langen Wendeltreppe schwindelig: „Dort unten ist uns nach 40 Minuten die Luft ausgegangen. Wir haben uns dann zurückgezogen und hatten erst mal ordentlich Schädelweh“, erinnert sich Gabriel. Seither zünden sie bei längerem Fotografieren immer eine Kerze an: Sobald die Flamme erlischt, droht akuter Sauerstoffmangel.

Neben Tipps aus der Bevölkerung und alten Schriften helfen auch Gespräche mit Experten bei der Recherche: Heimatforscher Bernhard Kerscher etwa oder Hobby-Historiker Karl A. Bauer sind immer wieder dankbare Anlaufstellen, um Zusammenhänge herzustellen. Vor allem wenn es um unterirdische Tunnel geht: Davon existiert offenbar ein ganzes Netzwerk in den Moosburger Tiefen.

Für alle, die es versäumt haben, oder einfach nochmal und nochmal sehen wollen, hier der link......

Posted by Moosburg ganz anders on Sonntag, 20. März 2016

Und sie üben den größten Reiz auf das Trio aus. Gabriel: „Die Gänge dienten als Fluchtweg vor Bränden oder den Adeligen als komfortabler Weg von ihrem Anwesen zur Kirche.“ In manche Tunnelöffnung sind die drei schon hineingerobbt, in anderen Kellern weisen zugemauerte Eingänge auf Verbindungsgänge hin. Im Pöschlbräu am „Plan“ will die Gruppe gleich zwei Eingänge entdeckt haben. Viel ist noch Spekulation, wesentliche Erkenntnisse darüber erhoffen sie sich mit Erkundungen im Kastulusmünster oder dem Schloß Asch. „Bei beiden Objekten laufen bereits Gespräche“, sagt Gabriel.

"Unglaubliches Potential" für Tunnel-Tourismus

Ein großes Ziel der drei, die sich mittlerweile ganz selbstbewusst als „Forschungsprojekt zur Dokumentation und Archivierung historischer Bauten“ betiteln, ist das Öffnen der Moosburger Unterwelt für ein breites Publikum. „Es wäre doch toll, wenn wir einen Teil des Tunnelsystems für alle zugänglich machen könnten“, sagt Matthias Gabriel und hat dabei ein konkretes Vorbild im Kopf: In der Stadt Zeitz in Sachsen-Anhalt wurden historische Katakomben freigelegt. Ein Verein hat sie erforscht, gesichert und saniert. Gabriel: „Die haben angefangen wie wir. Und jetzt sind die Tunnel ein Besuchermagnet, jedes Jahr kommen an die 12 000 Touristen in den Ort. Da sieht man mal, was für ein unglaubliches Potential in Moosburg steckt – wenn die Leute und die Stadt denn mitmachen.“

Auch die Überreste der Sabathiel-Baracke haben sie fotografisch dokumentiert.

Dass die Ergebnisse ihrer Erkundungen auf ein gewaltiges Echo stoßen, das wird bereits jetzt deutlich. Spätestens, seit Bold, Maier und Gabriel vom Bayerischen Fernsehen in Moosburgs Kellerwelt begleitet wurden, spricht die halbe Stadt über sie und ihr ungewöhnliches Hobby. Immer wieder werden sie auf offener Straße angesprochen.

Manchmal bekommen sie auch unverhoffte Hilfe angeboten – wie an diesem Tag im Café am Münster. Als Gabriel nach seinem Kellergang noch einen Cappuccino trinkt, steht plötzlich eine fremde Frau mittleren Alters mit dunklem Haar vor ihm. „Ich hab’ im Internet gesehen, was ihr da treibt“, sprudelt es aus ihr heraus. „Also ich bin begeistert. Super, super, super! Wenn ihr mal einen Knecht braucht, zum Steine wegräumen, sagt Bescheid.“ Im nächsten Moment ist sie verschwunden – und Matthias Gabriel überkommt ein breites Grinsen.

Fotovortrag in der Vhs

Wer Lust auf mehr Fotos und Erzählungen von „Moosburg ganz anders“ bekommen hat: Am Mittwoch, 20. April, um 20 Uhr präsentiert das Trio für die Altstadtförderer einen Fotovortrag in der Vhs. Der Eintritt ist frei, jeder ist willkommen.

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