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„Merhaba“ lautet der erste Titel auf seinem Album. Zu deutsch: „Hallo.“ – „Ich möchte die Leute anstandshalber erstmal begrüßen“, sagt Kankanoid. Der Rapper mit türkischen Wurzeln hält nicht viel von den Stereotypen des Rap-Genres.

Moosburger präsentiert Album beim Uferlos-Festival

Rapper Kankanoid: "Ab und zu lass ich den Deutschen raus"

Landkreis - 19 Jahre träumte er vom eigenen Rap-Album. Jetzt hat es Kankanoid aus Moosburg geschafft: Seit einer Woche gibt es ,Atom Plak' zu kaufen. Am Sonntag präsentiert er es am Uferlos. Im Interview spricht er mit uns über Musik, Rap-Klischees und Peter Pan.

Seit zwei Jahrzehnten träumt ein Moosburger von einem eigenen Rap-Album. Jetzt hat er es unter dem Künstlernamen Kankanoid geschafft: Seit einer Woche gibt es „Atom Plak“ als CD und Download zu kaufen. Diesen Sonntag, 1. Mai, präsentiert Kankanoid es auf dem Uferlos-Festival zum ersten Mal der Öffentlichkeit. Das FT traf ihn vorab zum Gespräch: über die Liebe zur Musik, Rapper-Klischees und Peter Pan.

Freisinger Tagblatt: Kankanoid, Deine Texte sind fast komplett auf Türkisch. Klär’ uns auf: Wovon rappst Du eigentlich?

Kankanoid: Hauptsächlich davon, was ich in meinem Leben erlebt habe und was in meinem Umfeld passiert ist. Der erste Titel und das allererste Wort lauten: „Merhaba“ – „Hallo“. Ich möchte die Leute anstandshalber erstmal begrüßen. In dem Track geht es dann darum, dass die ganze Welt so kaputt ist, weil wir so von Materialismus gesteuert sind. Grundsätze wie „Liebe deinen Nächsten“ werden kaum mehr gelebt.

FT: Ziemlich philosophisch für Rap. Geht es in dem Genre nicht ständig darum, Geld zu scheffeln und dicke Autos zu fahren?

Kankanoid: Ich kann verstehen, wenn die großen Künstler, die Millionen verdienen, zeigen wollen: Ich komme von der Straße und hab’s geschafft. Aber Rapper, die tagsüber irgendwo Schicht schieben und abends mit Goldkette einen auf Gangster machen, finde ich unglaubwürdig. Ich kenne ein paar Musiker-Kollegen, die studieren und sind total gscheid. Aber wenn ich mir ihre Musikvideos anschaue, denke ich: Oh mein Gott, was ist da los? Freilich: Manchmal muss man im Rap auch Klischees bedienen, um bestimmte Leute anzusprechen.

FT: Wenn es in Deiner Musik nicht ums Reichwerden geht, worum denn dann?

Kankanoid: Ich erzähle zum Beispiel im Track 4 „Hayallerim Vardi“ von meiner Kindheit und wie meine Generation aufgewachsen ist. Davon, dass wir nicht den ganzen Tag mit dem Smartphone WhatsApp-Nachrichten geschrieben haben, sondern rausgegangen sind. Man könnte den Track auch mit einem Namen übersetzen: Peter Pan.

FT: Peter Pan?

Kankanoid: (lacht) Ja, ich wollte nie erwachsen werden. Ich find’s gut, wenn man das Kindische in sich nicht tötet und sich etwas davon bewahrt. Als Vater kann ich das heute bei meinen Kindern rauslassen und bin auf der selben Wellenlänge, wenn’s sein muss.

FT: Wie war Deine Kindheit?

Kankanoid: Schön. Wir hatten nicht viel, dafür haben wir im Freundeskreis viel geteilt. Teilen war immer das A und O. Und wir waren immer draußen. Damals war alles viel lockerer. Heute werden schon die Eltern automatisch gesteuert: Hey, jetzt musst du deine Kinder in die Schule fahren oder dorthin bringen. Alles ist komplizierter geworden.

FT: Du bist als Sechsjähriger nach Deutschland gekommen. Kannst Du Dich noch an die Zeit erinnern?

Kankanoid: Ich weiß noch, dass es kalt war. (lacht) Alles war plötzlich anders, sogar die Luft hat neu geschmeckt. Mein Glück war, dass wir neben einem Spielplatz gewohnt haben und ich sofort Anschluss hatte. So hab’ ich ziemlich schnell die deutschen Wörter gelernt.

FT: Viele Deutschtürken erzählen, dass sie eine Identitätskrise erlebt haben: weil sie in Deutschland der Türke waren und in der Türkei der Deutsche. Kommt Dir das bekannt vor?

"Da dachte ich mir: Juhu, der erste Türke auf dem Mond!"

Kankanoid: Ich hatte keine Krise. Aber ab und zu, wenn ich zu Besuch in der Türkei war, hab’ ich schon den Deutschen raushängen lassen. (lacht) Ich kann es nämlich gar nicht haben, wenn jemand nicht pünktlich ist. Aber was ich noch viel weniger mag, ist, jemanden warten zu lassen. Hier in Deutschland bin ich jeden Tag der Türke. Gerade aktuell, mit der vielen Berichterstattung über Vorgänge in der Türkei. Da kommt dann mein deutsches Umfeld zu mir und sagt: Hey, was ist denn da bei euch wieder passiert? Oder wenn sich irgendwo Fußballfans von Galatasaray aufführen, heißt’s am nächsten Tag in der Arbeit: Ihr Türken wieder! Ich sag’ dann: Ich war doch gar nicht dabei. Und gestern war ich für dich noch der Deutsche. Entscheide dich mal, was ich bin!

FT: Sprachlich gesehen gehst Du jedenfalls als Bayer durch. Kannst Du auch auf Deutsch so schnell rappen wie auf Türkisch?

Kankanoid: Ja schon. Aber will ich das? Ich weiß es nicht. Deutschrap wurde von vielen Künstlern ins Negative gezogen. Natürlich sagen mir viele: Rap doch mal auf Deutsch. Aber ich will es auch auf Türkisch schaffen. Das ist meine Herausforderung. Außerdem fühle ich mich im Türkischen wohler, und die Sprache fließt im Klang viel weicher.

FT: Wie sprichst Du daheim mit Deinen Kindern?

Kankanoid: Meine Frau und ich hatten bei unserem ersten Sohn lange überlegt, wie wir es anstellen. Der Plan war dann: Ich red’ nur Türkisch und meine Frau nur Deutsch. Eine Kinderärztin hat uns davon aber abgeraten. Sie sagte: Lernt dem Kind nur Türkisch. Da waren wir baff. Sie hat uns erklärt, dass die Kids spätestens im Kindergarten automatisch Deutsch lernen. Und sich sonst einprägen: Mit dem männlichen Geschlecht redet man Türkisch, mit weiblichem Deutsch. Es war eine harte Zeit, wir mussten uns echt anstrengen. Aber wir haben’s durchgezogen. Unser Großer ist jetzt vier, und er kann super Türkisch und Deutsch. Der Kleine, er ist zwei, lernt sowieso alles von seinem großen Bruder.

FT: Wie würdest Du reagieren, wenn einer Deiner Söhne später Rapper werden möchte?

Kankanoid: Egal, was sie wollen – solange es anständig ist, werden sie von uns unterstützt. Ich glaub’ aber nicht, dass der Große Rapper werden möchte. Sein erster Berufswunsch war Astronaut. Da dachte ich mir: Juhu, der erste Türke auf dem Mond! (lacht) Aber nein, jetzt will er Archäologe werden. Ich wusste als Vierjähriger nicht mal, was das ist.

"Ich wurde nie von der Polizei heimgefahren. Aber wir haben die oft besucht."

FT: Rapper pflegen ja gerne ihr Bad-Boy-Image. Warst Du ein Bad Boy?

Kankanoid: Es gab schon Zeiten, in denen wir nicht die Anständigen waren oder sein wollten. Natürlich: Wenn man ständig mit Rapmusik unterwegs ist, saugt man auch die ganzen Klischees auf wie das Ghettolife und so. Eine deutsche Freundin hat mir dann gesagt: Die da drüben in Amerika wollen immer raus aus dem Ghetto, um was aus ihrem Leben zu machen. Und ihr wollt immer ins Ghetto rein. Es hat gedauert, bis ich gemerkt habe: Sie hat recht. In Deutschland haben wir es alle so gut, sind sozial- und krankenversichert. Aber um zur Frage zurückzukommen: Wir haben damals viel Scheiße gebaut. Ich wurde zwar nie von der Polizei heimgefahren. Aber wir haben die oft besucht. (lacht) Wenn mein Kind heute so unterwegs wäre, würde ich vermutlich ausflippen.

FT: Woher kommt die Liebe zur Musik?

Kankanoid: Musik war für mich immer Zufluchtsort und Grundnahrungsmittel. Mit Musik konnte ich Gefühle ausdrücken, entspannen, einschlafen.

FT: Wann bist Du dazu gekommen, selbst Musik zu machen?

Kankanoid: Das war 1993: Da lief im Fernsehen Hip Hop auf Deutsch, den ich von meinem großen Bruder bis dato nur auf Englisch kannte. Die Gruppe hieß Fresh Familee, das waren Deutschtürken wie ich. Und einer ihrer Titel lautete „Ahmet Gündüz“. Ich hab’ das ständig nachgerappt – und meinen Namen, Mehmet Gündüz, eingesetzt. Spätestens die Musik von Cartel und Torch hat bei mir eine Welle ausgelöst. Und irgendwann hab’ ich mir gedacht: Nachrappen kann jeder. Warum machst du nichts Eigenes? Über meine ersten Texte will ich nicht reden (lacht) – aber ich hab’ sie immer noch. Bis zu meinem ersten eigenen Album hat’s im Endeffekt 19 Jahre gedauert. Im Sommer 1997 hab’ ich nämlich beschlossen: Ich will auch mal ein Album haben. Ich will es im Geschäft kaufen können, die Folie runterreißen, daran schnüffeln, alles lesen, was ich geschrieben hab’.

FT: Wie ging’s weiter?

Kankanoid: Im Jahr 2000 stand ich erstmals in einem Studio. Ich hab’ an vielen Gemeinschaftsprojekten gearbeitet, hier ein Mixtape, da eine EP. Das Ziel war aber immer was Eigenes. Irgendwann wurde mir die Musik zu zeitaufwändig, da war ich nur noch auf Partys unterwegs und am Feiern. Aber ich hab’ gespürt: Irgendwas bedrückt mich. Nach meinem Comeback mit einem weiteren Gemeinschaftsalbum habe ich den Kontakt zu Tony Crisp, einem alten Musikerkumpel, aufgenommen. Er fragte: Was willst du? Und ich sagte: Ich brauche Beats. Die Richtung war klar: Mich hat der Eastcoast-Sound der 1990er Jahre geprägt, ich geh’ voll auf Wu-Tang Clan und NAS ab.

FT: Wenn man sich Deinen Song „K To Da D“ anhört, fühlt man sich aber eher an Cypress Hill von der Westcoast erinnert...

Kankanoid: Weil ich gleichzeitig auch den urigen Westcoast-Flow liebe. Die Nummer ist eine Hommage an ihre Musik.

"Mir ist wichtig, dass die Beats wie Schokolade auf der Zunge zergehen"

FT: Aus Deinem Album hört man auch immer wieder die türkischen Wurzeln heraus. Absicht?

Kankanoid: Ja, wir haben es mit türkischen Elementen beschmückt. Nicht zu klischeehaft orientalisch, eben so, dass man meine Herkunft heraushört. Mir war auch wichtig, dass die Beats einen warmen Klang haben und wie Schokolade auf der Zunge zergehen.

FT: Was ist Dein großes Ziel? Wo willst Du hin?

Kankanoid: Ich bin genau da angekommen, wo ich hinwollte. Das erzählt auch mein Albumcover: Ich bin jetzt an der Station angekommen, und alles um mich herum bewegt sich. Ich warte jetzt mal ab. Eigentlich wollte ich jetzt nach vier Jahren intensiver Arbeit am Album meine Ruhe genießen. Aber zur Zeit muss ich zwei, drei Mal pro Tag mein Handy laden, weil so viele Leute anrufen und mir Feedback geben oder CDs bestellen. Das ist auch ein tolles Gefühl.

FT: Natürlich wollen wir noch wissen: Was bedeutet der Name „Kankanoid“?

Kankanoid: Als ich mit Freunden zu rappen begonnen hab’, nannten wir uns Blutsbrüder – auf Türkisch heißt das „kan kardesler“. Wir haben’s abgekürzt: Kanka. Viele Leute dachten lange Zeit, dass das mein richtiger Name sei. Der Ehrgeiz, es mit meinem Comeback jedem zu beweisen, ging bei mir teilweise schon ins Paranoide. Und so entstand Kankanoid.

"Ich bin immer hungrig"

FT: Und „Atom Plak“?

Kankanoid: Die Musik, die ich mache, ist im Vergleich zur riesigen Menschheit und Musikindustrie so winzig, dass ich nach der kleinsten Maßeinheit gesucht habe – einem Atom. „Plak“ ist das türkische Wort für Schallplatte.

FT: Diesen Sonntag, 1. Mai, stehst Du beim Uferlos-Festival auf der Bühne und präsentierst erstmals Dein neues Album. Was bedeutet der Auftritt dort für Dich?

Kankanoid: Darüber hab’ ich noch gar nicht groß nachgedacht. Ich bin jemand, der vor Auftritten extrem nervös ist und Lampenfieber hat. Wenn ich dann auf der Bühne stehe und die ersten Takte von meiner Musik höre, fällt alles ab. Ich werde auf jeden Fall gute Laune mitbringen – und meine Jungs. Aufs Uferlos gehe ich auch privat gerne. Es ist sehr vielseitig, und für jedes Alter ist was dabei. Egal, ob bei der Musik oder beim Essen. Das ist gut für mich: Ich bin immer hungrig!

Zur Person:

Mehmet Gündüz, so der bürgerliche Name von Kankanoid, ist Sohn einer türkischen Gastarbeiterfamilie. Er wurde 1982 in Ankara geboren und kam im Alter von sechs Jahren nach Moosburg. Dort lebt er bis heute – mittlerweile mit seiner Frau und zwei Söhnen (2, 4). Der 34-Jährige arbeitet als gelernter Maschinensystemtechniker bei der Firma Driescher, die Musik betreibt er seit vielen Jahren als Hobby.

Verlosung - Bezugsquellen - Auftritt

Das Album „Atom Plak“ von Kankanoid ist als Download auf allen populären Musikdiensten wie iTunes, SpotifyGoogle PlayStore oder Amazon zu finden. Wer eine CD kaufen möchte, hat dazu bei Konzerten die Möglichkeit oder nach Kontaktaufnahme mit dem Künstler über Soziale Netzwerke wie Facebook

Das Cover von Kankanoids Album "Atom Plak"

Wer Kankanoid live erleben möchte, hat dazu an diesem Sonntag, 1. Mai, die Möglichkeit beim Uferlos-Festival in Freising. Der Auftritt findet im Rahmen des Bühnenprogramms „Keep it Rap“ ab 18 Uhr im Freisinger Bank Zelt statt. 

Parallel verlost das FT drei Alben unter allen E-Mails an kultur@freisinger-tagblatt.de mit dem Betreff „Kankanoid“ (Einsendeschluss: 1. Mai 2016, 24 Uhr).

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