Bühnenreif seit 90 Jahren

Eichenau – Aus dem Eichenauer Kulturkalender sind sie nicht mehr wegzudenken: die Aufführungen der Theatergruppe. Seit nunmehr 90 Jahren tritt das Ensemble in der Friesenhalle auf. Zum Geburtstag hofft die Gruppe, wieder viele Zuschauer in den Saal zu locken und gleichzeitig neue Mitglieder zu finden.

Meterhoch türmen sich die Requisiten: Lampen, Stühle, Klamotten, Hüte. Im Laufe der Zeit hat sich einiges angesammelt. Die Ausstattung gehört der Theatergruppe des Eichenauer Sportvereins (ESV), die nun schon seit 90 Jahren auftritt.

Begonnen hat alles 1926, als in der Friesenhalle das erste Mal Theater gespielt wurde. Die Laienspieler nannten sich damals noch „Die Theaterfamilie“ und traten dann auf, wenn Geld in die Kassen des Eisenbahner Sportvereins gespült werden sollte. 1935 kam Anni Engl dazu und wurde neben Dora und Alois Penn zum Gesicht der Theatergruppe. Nach dem Krieg spielte man vor allem Dreiakter, später wurden diese dann durch Einakter ersetzt.

Seit 1977 ist Emmi Widmann für die Vorstellungen verantwortlich. Mit rund 30 Jahren stieß die heute 77-Jährige eher zufällig dazu. Nach einer Vorführung ging sie auf das damalige Ensemble zu und sprach den Darstellern ihr volles Lob aus. „Daraufhin wurde mir angeboten, doch auch einmal mitzumachen. Aber ich war damals noch sehr schüchtern und traute mich nicht, auf einer Bühne zu stehen“, erinnert sich die Seniorin.

Doch der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Eines Tages dann sprang sie kurzfristig ein. An ihre erste Rolle kann sich Emmi Widmann noch genau erinnern. „Im Stück ‚Gscheid gega Gschert’ musste ich eine ganz Böse spielen, obwohl ich so gerne eine Charakterrolle übernommen hätte“, erzählt die Seniorin schmunzelnd.

Das Theaterspielen hätte zu ihrer persönlichen Entwicklung einiges beigetragen. So könne sie heute praktisch mit jedem sprechen, ohne Hemmungen zu haben. „Es ist egal, ob der Bürgermeister im Publikum sitzt oder nicht, aufgeregt bin ich nicht mehr“, sagt die Leiterin.

Dass das Theaterspielen das Selbstvertrauen stärken kann, findet auch Berti Hornig, Mitglied der Eichenauer Theatergruppe. Die 65-Jährige kann jeden nur dazu ermuntern, seine Talente auszuprobieren. Angst brauche man nicht zu haben. „Bei uns wird niemand ausgelacht“, sagt sie.

Zum 90. Geburtstag spielt die Eichenauer Theatergruppe „Der Ehestreik“, ein Lustspiel von Julius Pohl. Die Proben sind in vollem Gange, von Müdigkeit kann bei Emmi Widmann keine Rede sein. Unermüdlich läuft sie auf der Bühne hin und her, um auf jedes noch so kleine Detail zu achten. Und am Ende der Probe passiert es dann doch noch: Die Harmonie wird gestört, es kommt zum Streit unter den Schauspielern. Täuschend echt kommt er rüber, ist aber – wie nicht anders zu erwarten – Teil des neuen Stücks.

Für Marianne Liebhart, die mit ihren 35 Jahren zu den eher Jüngeren des Ensembles zählt, hat die Schauspielerei vieles zu bieten. Zum einen lerne man wunderbare Leute kennen, zum anderen fördere man sich geistig selbst und könne sich auf die Probe stellen. So ist sie auch der Meinung, dass die Kunst, Theater zu spielen, eine ganz besondere Begabung ist.

In den gut 39 Jahren, in denen Emmi Widmann die Gruppe leitet, ist viel passiert. Nicht nur das Theater selbst, auch die Erwartungshaltung des Publikums habe sich verändert, meint die 77-Jährige. „Es ist heute schwieriger, die jungen Leute zu erreichen“, erklärt sie. Daher versuche sie, auch in sonst behäbige Szenen Leben reinzubringen. „Es scheint, als zähle nicht mehr allzu sehr das Gesagte, sondern das Getane der Schauspieler.“

Doch das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich die Theatergruppe konfrontiert sieht. Áuch an Nachwuchs mangelt es. Immer weniger junge Menschen können sich für das Schauspielern begeistern. „Viele sagen sich, was wollen denn die mit ihrem Bauernschmarrn“, sagt Klaus Seemeier (76) mit Blick auf die Stücke in bayerischer Mundart. Aber gerade das mache laut Marianne Liebhart den Unterschied: „Es ist schön, einmal Zeit zu haben, um in seiner Muttersprache zu sprechen“, sagt sie. Die Gruppe trifft sich immer donnerstags um 19.30 Uhr in der Friesenhalle. Die Proben beginnen immer einige Wochen vor den Auftritten.

Den Elan, trotz aller Problem weiterzumachen, begründet die 77-jährige Emmi Widmann mit der Freude der Leute. „Wenn wir gefragt werden, wann wir denn endlich wieder spielen, erfüllt uns das mit Herzenswärme.“ Und es sei ein schönes Gefühl, wenn man bemerkt, dass das Publikum mitgeht und den Schauspielern applaudiert.

„Der Ehestreik“

von Julius Pohl wird am Freitag, 4. November, um 20 Uhr in der Friesenhalle aufgeführt. Die Gruppe spielt zum Jubiläumspreis. Erwachsene zahlen fünf, Kinder bis 14 Jahre 2,50 Euro Eintritt. Weitere Aufführungen sind am Samstag, 5., Freitag, 11., und Samstag, 12. November, jeweils 20 Uhr. Karten sind an der Abendkasse und im Vorverkauf am 2. November von 17 bis 18.30 Uhr in der Friesenhalle erhältlich. Am Sonntag, 6. November, findet eine Seniorenvorstellung statt. Ab 70 Jahren ist der Eintritt frei.

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