+
"Wir haben Glück, dass wir noch so klar im Kopf sind“, sagt Antonie Ochmann (geborene Miller, Mitte), die sich mit Anna Riedl (geborene Groß, l.), und Inge Molton (geborene Feldmeier) bei Kaffee und Kuchen in ihrem Wohnzimmer des Lebens freut. Auch körperlich sind die drei 90-Jährigen fit. Sie treffen sich alle paar Jahren – Molton reist dafür aus den USA an – und denken zurück an ihre Zeit in der früheren katholischen Mädchenschule am Niederbronner Weg. Ein altes Foto von der 3. Klasse im Jahr 1935 zeigt, wie viele Mädchen in einer Klasse waren. Disziplin war trotz der Riesenklasse kein Problem. Wo genau sie stehen, können die drei Damen nicht mehr hundertprozentig sagen.

Niederbronner Weg

Drei 90-Jährige beim Klassentreffen

Fürstenfeldbruck  - Seit ihrem letzten Klassentreffen waren sie zu neunt, jetzt sind sie nur doch drei: Antonie Ochmann-Miller, Inge Molton-Feldmeier und Anni Riedl-Groß, ehemalige Schülerinnen der katholischen Mädchenschule am Niederbronner Weg, kommen alle paar Jahre zusammen und erinnern sich – an die Schulzeit vor über 80 Jahren.

Inge Molton galt als Frechdachs und hatte im Betragen meist nur eine Drei. Das habe auch daran gelegen, dass sie beim morgendlichen Gottesdienst vor der ersten Stunde immer gefehlt habe, erzählt die 90-Jährige mit den wachen braunen Augen und lacht. Sie war ein zartes Kind. „Meine Mutter hat gesagt, eine Stunde mehr Schlaf ist besser für mich als in der kalten Kirche zu sitzen.“ Es ging streng zu bei den Nonnen. Die Schülerinnen durften keine ärmellosen Kleider tragen, und als Antonie Ochmann einmal einer Mitschülerin erklärte, was es mit einer Schwangerschaft auf sich hat, wurde ihre Mutter zum Gespräch einbestellt. Sie waren über 50 Mädels in der Klasse. Ein altes Foto zeigt sie mit braven Zöpfen oder Pagenköpfen.

Disziplin war trotz der Riesenklasse kein Problem. „Aus vielen von uns ist was geworden“, sagt Antonie Ochmann. Lehrerinnen, Juristinnen, eine Zahnärztin – und auch die Mutter des späteren Benediktiner-Paters Anselm Bilgri war unter ihren Mitschülerinnen. Für ihn hat Antonie Ochmann eine Mappe mit Fotos und Erinnerungen an seine Mutter zusammengestellt. „Die schick’ ich ihm, da wird er sich freuen.“ Sie selbst ist Kindergärtnerin geworden, wie man damals noch sagte. Inge Feldmeier arbeitete nach dem Krieg als Dolmetscherin für die Amerikaner und heiratete einen von ihnen. Seit 1950 lebt sie drüben. „Da bist ja inzwischen mehr Ami als Deutsche“, kommentiert Anni Riedl. Doch Inge Molton fühlt sich in Bruck noch genauso zu Hause wie eh und je. Sie kommt fast jedes Jahr zu Besuch. Mit 90 Jahren noch um die halbe Welt zu fliegen, ist kein Problem für sie. „Bis ich 82 war, bin ich Ski gelaufen, in Colorado“, erzählt sie. „Abfahrt, nicht Langlauf.“ Auch die beiden anderen sind fit. „Wir haben Glück, dass wir noch so klar im Kopf sind“, sagt Antonie Ochmann.

Ihr Rezept: nicht rauchen, rausgehen, jemandem eine Freude machen, optimistisch bleiben. Dass es immer weiter geht, egal wie schlimm die Zeiten sind, wissen die drei besser als jeder andere. Sie haben die Nazi-Herrschaft und den Krieg miterlebt, gehören zu den letzten Zeitzeugen, die noch bewusste Erinnerungen weitergeben können. Zum Beispiel daran, wie von heute auf morgen die Nonnen aus ihrer Schule verschwunden waren und durch zivile Lehrer ersetzt wurden. Oder an den englischen Radiosender, den Ochmanns Eltern zu Hause heimlich hörten. Die vier Kinder mussten aufpassen, dass sie sich vor anderen nicht verplapperten: „Wir hatten immer Angst, dass die Mutter ins Gefängnis kommt. Das Gefängnis lag damals in unmittelbarer Nähe der Schule, am Anfang der Dachauer Straße, wo heute die Volksbank ist.“ Inge Molton-Feldmeiers Vater war Amtmann im Rathaus, die Familie wohnte über den Büroräumen. Sie sieht noch die weißen Laken vor sich, die binnen Minuten aus den Häusern an der Hauptstraße flatterten, als über die Pucher Straße die ersten amerikanischen Panzer rollten.

Ein paar fanatische Nazis wollten in letzter Minute noch die Amperbrücke sprengen, ein couragierter Metzger trat ihnen entgegen und schnauzte sie zusammen. „Dafür hätte er erschossen werden können.“ Es waren dramatische, bizarre Tage, aber es gab auch komische Momente. Die Amerikaner machten Razzien, sie suchten versteckte Waffen und Soldaten. Bei Feldmeiers übersahen sie ein Schrotgewehr, das im Schirmständer steckte. „Das hat mein Vater später in die Amper geschmissen.“ Die drei lachen. Und machen Witze darüber, wie sie irgendwann nicht mal mehr zu dritt sein werden bei ihrem Klassentreffen. Aber jetzt sitzen sie bei Kaffee und Kuchen in Antonie Ochmanns moderner Wohnung und freuen sich am Leben. (os)

Mehr zum Thema

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Tritt Martin Runge bei der OB-Wahl in Bruck an ?

Fürstenfeldbruck – Im Vorfeld der OB-Neuwahl im Mai 2017 zeichnet sich eine erste, dicke Überraschung ab. Der Gröbenzeller Martin Runge (Grüne) wird als möglicher …
Tritt Martin Runge bei der OB-Wahl in Bruck an ?

Trabrennbahn hängt in der Luft

Maisach/Daglfing – Die Traber aus Daglfing und die Karl-Gruppe aus dem niederbayerischen Innernzell haben im Streit um die Zukunft des Rennbahn-Areals einen Vergleich …
Trabrennbahn hängt in der Luft

Mit neuem Kalender auf Entdeckungsreise in Grafrath

Grafrath – Ob es viele Kalender gibt, die ihre Besitzer zu Entdeckungsreisen animieren? Wahrscheinlich nicht. Doch dem neuen Kalender „Grafrath in alten Ansichten“ …
Mit neuem Kalender auf Entdeckungsreise in Grafrath

Planung in Ortsmitte: Türkenfeld redet mit

Türkenfeld – Ein sensibles Grundstück in der Türkenfelder Ortsmitte soll bebaut werden. Jetzt schiebt der Gemeinderat erst einmal einen Riegel vor: Er will bei der …
Planung in Ortsmitte: Türkenfeld redet mit

Kommentare