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Früher arbeitete Jonas Lütke als Fallschirmlehrer. Aber seit seinem schweren Unfall vor zwei Jahren sitzt er im Rollstuhl. 

Zwei Jahre nach dem Fallschirmabsturz 

Plötzlich im Rollstuhl: „Ich muss mich neu erfinden“

Fürstenfeldbruck - Seit einem Unfall sitzt Jonas Lütke (27) im Rollstuhl. Am Wochenende besuchte er seine Großeltern in Fürstenfeldbruck – es war das erste Wiedersehen seit acht Jahren.

Man kann nur ahnen, was dieser Griff für ihn bedeutet. Jonas Lütke packt das Glas Wasser, das neben ihm steht. „Klappt doch“, sagt er. Dann fährt er mit seinem Dia-Vortrag fort. Klappt doch, das ist so einfach gesagt. Dabei war es alles andere als sicher, dass der heute 27-Jährige jemals wieder so würde zupacken können. Lange und mühevolle Therapiestunden waren nötig, jetzt kann Jonas Lütke wieder Arme und Finger bewegen.

Der Mann mit den langen Rasta-Locken lebt in Australien und arbeitete dort als Fallschirmlehrer – bis vor zwei Jahren. Am 9. April 2014 verunglückte er bei einem Formationssprung über Brisbane. Er kollidierte in 3000 Metern Höhe mit einem Kollegen. Ein anderer Springer erreichte den bewusstlosen Deutschen im freien Fall und zog seine Reißleine. Der Fallschirm öffnete sich, Lütke überlebte – blieb aber querschnittsgelähmt.

Am Wochenende hat Jonas seine Familie in Bayern besucht. Dazu gehören die Großeltern Judith und Horst (l.), die in Fürstenfeldbruck leben, sowie die Eltern Hendrik und Claudia. Übrigens: Würde er nicht im Rollstuhl sitzen, wären die Verwandten nicht mal im Ansatz auf Augenhöhe mit ihm. Der Abenteurer ist 2,03 Meter groß. 

Nach monatelangen Klinikaufenthalten und strapaziöser Reha wohnt der gelernte IT-Techniker aus Würzburg mittlerweile wieder mit seiner australischen Lebensgefährtin Mareen daheim in Cairns. Nach acht Jahren zwischen Thailand, Bali, Neuseeland und Australien kam es am Wochenende in Fürstenfeldbruck zum Wiedersehen mit der Großfamilie.

Das ist eine lange Zeit, die sich am besten in Bildern erzählen lässt. Deshalb der Dia-Vortrag. Jonas hat ein paar Hundert Fotos zusammengestellt, beeindruckende Motive aus seinem Leben am anderen Ende der Welt. Selbst ein Video des Absturzes ist dabei. Aber Vater Hendrik und Mutter Claudia haben vor allem ihren Sohn im Blick – sie verfolgen jede seiner Bewegungen.

Damals, nach dem Schicksalstag, hatten sie qualvoll lange Monate zwischen Hoffen und Bangen verbracht. Jetzt sind sie stolz, wie scheinbar mühelos Jonas den Weg zurück in den Alltag findet. Oma Judith, 85, hat bei ihrem ersten Wiedersehen jedenfalls erkannt: „Ich denke, dass Jonas zufrieden ist und sich mit dem Leben versöhnt hat.“

So scheint es tatsächlich. Der 27-Jährige mit dem Robinson-Crusoe-Gen und dem rötlich schimmernden Vollbart denkt längst über den beruflichen Neuanfang nach. Tauchlehrer, Eisverkäufer, Rinderhüter, das war früher. In seinem alten Job, als IT-Techniker bei der Telekom, hat er es vor ein paar Monaten noch mal versucht. „Nur Computer und nur Schreibtisch sind aber nichts für mich.“ Nun ist er wieder auf der Suche: „Ich muss mich neu erfinden.“

Möglicherweise sind seine Dia-Vorträge ein Weg. Sein aktueller, der aus 35 000 Fotos die 500 besten enthält, ist zwar schon relativ professionell gemacht. Doch Jonas schwebt eine Multivisions-Show vor. So könnte er das, was er gerade macht – nämlich Urlaub in Deutschland, morgen geht’s weiter nach Dänemark, dann zurück nach Australien – mit Vortragsreisen ergänzen und Geld dabei verdienen. Denn die Behandlungskosten zehren das Ersparte auf.

Zehn Tage vor seinem 20. Geburtstag war Jonas Lütke ausgewandert. Bei seiner ersten Rückkehr nach Deutschland ist vieles ungewohnt für ihn. „Die vielen Windräder“ und der Verkehr gehören dazu. Weshalb er schon wieder Heimweh nach Down Under hat. Dort, sagt er, gibt es „viel mehr Platz, viel mehr Möglichkeiten“. Irgendwie hat Jonas auch die Suche nach dem gewissen Kick nicht aufgegeben. Einen Bungee-Sprung samt Rollstuhl hat er bereits gemacht. Jetzt arbeitet der 27-Jährige an der Muskelkraft. Sein Ziel: Mit einem Handfahrrad durch Australien kurbeln und sich so fit machen für die Paralympics.

Oma Judith (85) glaubt ohnehin fest an die Willenskraft ihres Weltenbummler-Enkels: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass er eines Tages wieder gehen kann.“

Hilfe für Jonas

Der Weg zurück ins Leben ist mühsam – und teuer. Deshalb freut sich Jonas Lütke über Spenden: Spendenkonto Rummelsberg, Stichwort Jonas, Johann-Karl-Leonhard-Balbach-Stiftung Raiffeisenbank Altdorf-Feucht, IBAN: DE 59 7606 9440 0000 5371 10.

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